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»Ihr führt einen ausgezeichneten Haushalt, Adnar«, bemerkte Fidelma und starrte dabei auf den großzügig gedeckten Tisch.

»Das tut er nur, wenn er weiß, daß erlesene Gäste sich bei Tisch die Ehre geben, Schwester.«

Fidelma drehte sich beim Klang der angenehmen, dunklen Männerstimme jäh um.

Ein schmalgesichtiger junger Mann hatte den Raum betreten. Fidelma empfand augenblicklich eine Abneigung gegen ihn. Er war frisch rasiert, doch die nachwachsenden Bartstoppeln lagen wie ein blauer Schatten auf seinen hageren Wangen. Sein ganzer Körper war mager, die Nase spitz, der Mund rot und schmal wie ein Schlitz. Seine Augen, zwei große, schwarze Kugeln, standen nie länger als ein paar Sekunden still, sondern zuckten ständig hin und her und verliehen ihm einen hinterhältigen Gesichtsausdruck. Über seinem safrangelben Hemd trug er ein ärmelloses Wams aus Schaffell mit einem Gürtel um die Taille. Eine Kette aus Rotgold zierte seinen Hals. Fidelma entging nicht, daß er an der Seite einen juwelenbesetzten Dolch in einer ledernen Scheide trug. Nur jemand von hohem Rang durfte einen Dolch in einen Festsaal mitbringen, wo normalerweise keine größeren Waffen zugelassen waren.

Der junge Mann war noch nicht lange über das Alter der Reife hinaus. Fidelma schätzte ihn auf achtzehn, im Höchstfall vielleicht neunzehn Jahre.

Adnar trat einen Schritt vor.

»Schwester Fidelma, gestattet mir, Euch Olcan vorzustellen, den Sohn von Gulban, dem Falkenauge, dem Prinzen und Oberhaupt der Beara, auf deren Gebiet Ihr Euch hier befindet.«

Die Hand, die der junge Mann ihr reichte, war feucht und schlaff. Fidelma spürte, wie ein leichtes Schaudern ihren Körper durchlief, als sich ihre Hände zur Begrüßung berührten. Ihr war, als berührte sie einen Leichnam.

Fidelma wußte, daß es falsch war, lediglich aufgrund seines Äußeren Abneigung gegen Olcan zu empfinden. Wie lautete noch gleich der Vers von Ju-venal? Fronti nulla fides. Auf die Erscheinung kann man sich nicht verlassen. Von allen Menschen sollte doch gerade sie sich vor übereilten Beurteilungen hüten, die nur auf bloßem Augenschein beruhten.

»Willkommen, Schwester. Willkommen. Adnar hat mir berichtet, daß Ihr eingetroffen seid und warum.«

Sie war Olcan noch nie begegnet, doch sie wußte, daß sein Vater Gulban seinen Stammbaum bis zu Ai-lill Olum, dem großen König von Muman, zurückverfolgen konnte, der vor drei oder vier Jahrhunderten regierte und von dem auch ihre Familie abstammte. Aufgrund dieser Herkunft saß nun ihr Bruder auf dem Thron von Cashel. Gulban war lediglich Häuptling eines einzelnen Clans des größeren Stammes der Loigde.

»Ich hatte keine Ahnung, daß Ihr hier wohnt, Ol-can«, sagte sie.

Der junge Mann schüttelte rasch den Kopf.

»Ich wohne nicht hier. Ich bin nur zu Besuch und genieße Adnars Gastfreundschaft. Ich bin zum Fischen und Jagen hierhergekommen.«

Er wandte sich halb um, als ein gekünsteltes Hüsteln aus dem Halbschatten ertönte.

Hinter ihm erschien ein breitschultriger, gutaussehender Mann, etwa Anfang bis Mitte vierzig, im Habit eines Mönchs. Fidelma registrierte seine angenehmen Gesichtszüge. Die helleren Strähnen seines rotgolde-nen Haares blitzten wie poliertes Metall in der Sonne, die durch die Fenster fiel. Er trug die Johanneische Tonsur: der vordere Teil des Kopfes war völlig kahlrasiert. Seine Augen waren groß und blau, die Nase etwas vorstehend, der Mund jedoch rot und humorvoll. Seine Erscheinung wirkte dennoch ein wenig unheimlich, denn er hatte sich - einem alten Brauch folgend, der angeblich noch aus den Zeiten der Druiden stammte - die Augenlider mit Beerensaft schwarz gefärbt. Wie er übernahmen viele irische Mönche diese Sitte, besonders, wenn sie als Missionare andere Länder bereisten.

Wieder war es Adnar, der rasch vortrat und sie miteinander bekanntmachte.

»Das ist Bruder Febal, Schwester«, verkündete er. »Er ist mein anam-chara und kümmert sich um die religiösen Bedürfnisse meiner Gemeinschaft.«

In der irischen Kirche hatten alle Gläubigen einen »Seelen-Freund«, dem sie ihre geistlichen Probleme und Verwirrungen anvertrauten. Darin unterschied sie sich von der Kirche Roms, wo die Gläubigen dazu angehalten wurden, ihre Sünden einem Priester zu beichten. In Irland war der anam-chara jedoch eher ein Vertrauter und geistiger Führer als jemand, der einfach nur Strafen für die Übertretung religiöser Vorschriften verhängte. Der stattliche Glaubensbruder lächelte freundlich, sein Händedruck war kräftig und sicher. Dennoch, gestand sich Fidelma ein, hatte der Mann etwas an sich, was ihr wenig vertrauenswürdig erschien. Etwas, was sie an die Schlafgemächer von Damen erinnerte und an Türgriffe, die sich kaum merklich drehten. Sie versuchte, den Gedanken abzuschütteln.

Olcan schien die Rolle des Gastgebers in Adnars Festsaal übernommen zu haben und bedeutete Fidelma, neben ihm Platz zu nehmen, während sich Adnar und Bruder Febal ihnen gegenüber an den runden Tisch setzten. Sobald sie sich niedergelassen hatten, eilte ein junger Diener herbei, um ihnen Wein einzuschenken.

»Geht es Eurem Bruder Colgu gut?« fragte Olcan. »Wie kommt unser neuer König denn so zurecht?«

»Es ging ihm gut, als ich ihn zuletzt in Ros Ailithir sah«, erwiderte Fidelma vorsichtig. »Er kehrte nach Cashel zurück, kurz bevor ich abreiste.«

»Ah, Ros Ailithir!« Olcan warf ihr einen anerkennenden Blick zu. »Ganz Muman war entzückt von der Nachricht, daß Ihr dort den geheimnisvollen Mord an dem Ehrwürdigen Dacan aufklären konntet.«

Fidelma wurde vor Verlegenheit unruhig. Sie mochte es nicht, wenn man ihre Arbeit für etwas Außergewöhnliches hielt.

»Es ging lediglich darum, ein Rätsel zu lösen. Als Advokatin der Gerichtsbarkeit ist es meine Aufgabe, Geheimnisse aufzuklären und die Wahrheit zu erkennen. Wie dem auch sei, Ihr sagtet, ganz Muman war entzückt. Ich bezweifle, daß dies auch auf Euer Volk zutrifft, die Loigde? Salbach, Euer früherer Häuptling, ist nicht besonders gut dabei weggekommen.«

»Salbach war ein ehrgeiziger Narr.« Ob ihrer Entgegnung verzog Olcan mürrisch die Lippen. »Mein Vater Gulban hatte bei den Stammesversammlungen häufig Auseinandersetzungen mit ihm. Salbach war in diesem Land nicht gern gesehen.«

»Dennoch ist das Volk der Beara ein Stamm der Loigde«, betonte Fidelma.

»Zu allererst sind wir Gulban zur Untertanentreue verpflichtet, und er wiederum ist dem Häuptling treu ergeben, der in Cuan Doir residiert. Wie dem auch sei, unser Häuptling heißt jetzt nicht mehr Salbach, sondern Brann Finn Mael Ochtraighe. Ich persönlich interessiere mich überhaupt nicht für Politik. Deshalb haben mein Vater und ich ...«, er grinste, »uns entfremdet. Meiner Ansicht nach soll man das Leben genießen, und welch besseren Zeitvertreib gibt es als die Jagd ...?« Er wollte schon weitersprechen, zögerte jedoch und sagte dann abschließend: »Ihr tatet wohl daran, unser Volk von einem ehrgeizigen Nichtskönner zu befreien.«

»Wie ich bereits sagte, ich habe lediglich meine Pflicht als Advokatin erfüllt.«

»Eine Aufgabe, für die nicht jeder das Geschick hat. Ihr habt Euch den Ruf erworben, äußerst beschlagen zu sein. Adnar erzählte mir, ein ähnliches Rätsel habe Euch auch hierhergeführt. Ist das wahr?«

Er reichte ihr einen Teller mit Fleisch, den sie dankend ablehnte; sie bediente sich lieber aus einer Schüssel mit Getreideflocken und Nüssen und nahm danach einen Apfel.

»So ist es«, mischte sich Adnar schnell ein.

Bruder Febal schien sich nicht für das Gespräch zu interessieren und konzentrierte sich mit gesenktem Kopf auf seine Mahlzeit.

»Ich bin auf Ersuchen von Äbtissin Draigen gekommen«, bestätigte Fidelma. »Sie bat Abt Broce, einen ddlaigh in ihre Abtei zu entsenden.«