»Oh«, seufzte Olcan laut und studierte den letzten Schluck Wein in seinem Pokal, als fessle dieser seine ganze Aufmerksamkeit. Dann sah er Fidelma unverwandt an. »Ich habe gehört, die Äbtissin genießt hierzulande einen gewissen Ruf. Sie gilt nicht gerade als, wie soll ich mich ausdrücken, >geistig hochstehend<. Ist es nicht so, Bruder Febal?«
Febal hob jäh den Kopf, zögerte, ließ seine blauen Augen zu Fidelma wandern und sah sie einen Augenblick an, bevor er wieder auf seinen Teller hinunterstarrte.
»Es ist, wie Ihr sagt, mein Prinz. Es heißt, Äbtissin Draigen habe unnatürliche Neigungen.«
Fidelma beugte sich vor, und ihre Augen verengten sich, als sie sich Bruder Febal direkt zuwandte.
»Vielleicht seid Ihr so gut und drückt Euch etwas deutlicher aus, Bruder?«
Verblüfft riß Bruder Febal den Kopf hoch und blickte nervös zu Olcan und Adnar. Dann setzte er seinen maskenhaften Gesichtsausdruck wieder auf.
»Sua cuique sunt vitia«, rezitierte er.
»In der Tat, wir alle haben unsere Laster«, pflichtete ihm Fidelma bei, »aber vielleicht erzählt Ihr uns, welches aus Eurer Sicht die Laster der Äbtissin sind?«
»Ich glaube, wir alle wissen, was Bruder Febal meint«, unterbrach Adnar sie gereizt, als ärgere er sich über ihre Begriffsstutzigkeit. »Also, wenn in der Abtei der Leichnam einer jungen Frau gefunden würde und ich die Untersuchung durchzuführen hätte, ich würde den Täter innerhalb der Abtei suchen, und als Tatmotiv käme ausschließlich primitive, pervertierte Leidenschaft in Betracht.«
Schwester Fidelma lehnte sich zurück und musterte Adnar neugierig.
»Habt Ihr mich zu Euch eingeladen, um mir das zu sagen?«
Adnar nickte bestätigend.
»Ursprünglich habe ich Euch eingeladen, um dagegen zu protestieren, daß die Kirche jemanden aus ihren eigenen Reihen geschickt hat, um den Fall aufzuklären, und das auch noch auf Ersuchen der Hauptverdächtigen. Ich dachte, Ihr wäret gekommen, um die Äbtissin zu entlasten.«
»Und jetzt habt Ihr Eure Meinung geändert?« Fidelma war die sorgfältige Wortwahl des bo-aire nicht entgangen.
Adnar warf einen unbehaglichen Blick zu Olcan hinüber.
»Olcan hat mir von Euerm ausgezeichneten Ruf berichtet und mir versichert, daß Ihr das Vertrauen des Oberkönigs sowie von Königen und Prinzen anderer Länder genießt. Ich bin deshalb einverstanden, den Fall in Euren Händen zu lassen, und vertraue darauf, daß Ihr niemanden deckt, den anzuklagen sich geziemte.«
Fidelma musterte ihr Gegenüber eingehend und bemühte sich, ihre Überraschung zu verbergen. Daß eine derartige Beschuldigung gegen das Oberhaupt einer religiösen Gemeinschaft vorgebracht wurde, war eine schwerwiegende Angelegenheit.
»Laßt mich eines klarstellen, Adnar«, sagte sie langsam und deutlich. »Ihr behauptet in aller Öffentlichkeit, daß Äbtissin Draigen für den Mord an diesem jungen Mädchen verantwortlich ist und daß sie ihn beging, um ihre sexuellen Neigungen zu verschleiern?«
Adnar setzte gerade zu einer Antwort an, als Olcan sich einmischte.
»Nein, ich glaube nicht, daß Adnar eine offizielle Anklage vorbringt. Er weist nur darauf hin, daß die Richtung, die Eure Nachforschungen nehmen sollten, auf der Hand liegt. In dieser Gegend scheint weit und breit bekannt zu sein, daß Äbtissin Draigen eine Vorliebe für attraktive junge Nonnen hat und sie zum Eintritt in ihre Abtei ermuntert. Das ist jedoch nur allgemeines Gerede. Jetzt wurde dort der Leichnam einer jungen Frau gefunden. Meiner Meinung nach will Adnar Euch lediglich darauf hinweisen, daß Ihr gut daran tut, zu untersuchen, ob innerhalb der Abteimauern unstatthafte Dinge geschehen sind.«
Fidelma musterte den jungen Mann. Er schien mit aufrichtiger Überzeugung und Offenheit zu sprechen, war aber auch klug genug, Adnar von einem gefährlichen Weg abzubringen, auf dem er wegen Verleumdung der Äbtissin juristisch belangt werden konnte.
Bruder Febal machte den Eindruck, als ginge ihn die ganze Angelegenheit nichts an, und aß in aller Ruhe weiter. Olcan schien es lediglich darum zu gehen, sie über die ganze Tragweite der Situation zu informieren.
Fidelma seufzte.
»Na schön. Die Unterhaltung bleibt unter uns«, erklärte sie sich schließlich einverstanden. »Ich werde jeder Spur nachgehen, die zu dem Schuldigen führen könnte, und zwar ohne Rücksicht auf Amt und Stellung der Verdächtigen.«
Erleichtert lehnte Olcan sich zurück.
»Das ist alles, worum es Euch geht, nicht wahr, Adnar?«
Der Häuptling nickte.
»Ich bin sicher, Ihr werdet hier in der Gegend jede Menge Leute finden, die unsere Ansichten über Äbtissin Draigen teilen. Bruder Febal spricht als ein Mann der Kirche. Er ist äußerst beunruhigt wegen der Geschichten, die ihm über die Äbtissin zu Ohren kommen, und um den guten Ruf des Christentums besorgt.«
Fidelma sah den Mönch scharf an.
»Kursieren denn viele Geschichten?«
»Einige«, bestätigte Bruder Febal.
»Und gibt es Beweise?«
Bruder Febal hob gleichgültig die Schultern.
»Es kursieren einige Geschichten«, wiederholte er. »Valeat quantum valerepotest.«
Das war ein Satz, den man stets hinzufügte, wenn man unbewiesene Informationen weitergab: »Nehmt es für das, was es wirklich ist.«
Fidelma schnaufte mißtrauisch.
»Na schön. Doch sollte Eure Beschuldigung zutreffen, müßt Ihr davon ausgehen, daß in der Abtei ein stillschweigendes Einverständnis mit der Äbtissin herrscht. Die logische Schlußfolgerung daraus lautet: falls die Äbtissin eine Affäre mit dem ermordeten Mädchen hatte, muß jemand davon gewußt haben. Und falls die Tote ein Mitglied der Gemeinschaft war, wußte mit Sicherheit jemand in der Abtei darüber Bescheid, handelte jedoch in heimlichem Einverständnis. Andernfalls stammte das Mädchen entweder hier aus der Gegend, und warum ist ihr Verschwinden dann nicht Euch, Adnar, als bo-aire gemeldet worden? Oder sie war eine Fremde, vermutlich ein Gast der Abtei. Auch davon hätte die Gemeinschaft gewußt.«
Bruder Febals Augen zuckten unruhig.
»Wir dürfen gerade eine Probe Eurer Fähigkeiten im Schlußfolgern miterleben, Schwester«, bemerkte er in freundlichem Ton. »Meine Gebieter verlangen doch nur, daß Ihr Euer Talent unvoreingenommen einsetzt, um den Schuldigen zu finden. Res in cardine est. «
Fidelma fühlte sich durch den herablassenden Tonfall des Bruders allmählich provoziert. Auch seine fragwürdigen lateinischen Redensarten ärgerten sie. Die Floskel >die Angelegenheit liegt auf einer Türangel sollte wohl darauf hinweisen, daß Fidelma die Wahrheit sehr bald herausfinden würde. Er hatte jedoch bewußt ihre Unvoreingenommenheit angezwei-felt, und sie beschloß, diese Beleidigung nicht unwidersprochen zu lassen.
»Noch nie hat jemand die Gültigkeit meines Eides als Advokatin der irischen Gerichtsbarkeit in Frage gestellt«, erwiderte sie angriffslustig.
Olcan legte sofort beruhigend seine Hand auf ihren Arm.
»Werte Schwester, ich glaube, Bruder Febal hat sich bloß etwas ungeschickt ausgedrückt. Ich bin überzeugt, er möchte in dieser Situation nur seine Besorgnis zum Ausdruck bringen. Tatsächlich sind auch Ad-nar und ich äußerst beunruhigt. Schließlich ist der Mord in Adnars Bezirk geschehen, und Ihr werdet sicher nicht abstreiten, daß er als Friedensrichter zu Recht alarmiert ist. Adnar ist ein ergebener Untertan meines Vaters Gulban, dessen Interessen ich zu vertreten habe. Daher teile auch ich seine Befürchtungen.«
Fidelma seufzte insgeheim. Sie wußte, daß ihr Zorn manchmal allzu leicht mit ihr durchging.
»Selbstverständlich«, erwiderte sie und zwang sich zu einem kurzen Lächeln. »Ich muß jedoch sehr auf meinen Ruf achten, wenn es um Recht und Gesetz geht.«
»Wir schätzen uns glücklich, die Angelegenheit in Euren fähigen Händen zu wissen«, bestätigte Olcan. »Ich bin sicher, Bruder Febal bedauert es, falls seine Worte schlecht gewählt waren ...?«