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»... mit Brot in den Gegenden, die von der Hungersnot betroffen sind; ich kenne dieses Gebiet besser als alle Beamten; ich werde persönlich untersuchen, was jeder braucht. Wenn Eure Durchlaucht mir gestatten, will ich auch mit den Sektierern sprechen. Mit unsereinem, einem einfachen Mann, werden sie viel eher reden wollen, und so wird die Sache, so Gott will, vielleicht auf friedlichem Wege erledigt werden. Die Beamten werden es aber niemals fertigbringen: es wird gleich eine Schreiberei beginnen, und sie werden sich so in die Akten vergraben, daß sie die Sache selbst nicht mehr sehen werden. Das Geld werde ich aber von Ihnen nicht annehmen, denn es ist, bei Gott, eine Schande, an seinen eigenen Vorteil zu denken, zu einer Zeit, wo die Menschen Hungers sterben. Ich habe noch einige Getreidevorräte; auch habe ich schon meine Leute nach Sibirien geschickt, und zum nächsten Sommer werden sie mir neues Getreide bringen.«

»Gott allein kann Sie für diesen Dienst belohnen, Afanassij Wassiljewitsch. Ich aber werde Ihnen kein Wort sagen, denn jedes Wort ist, wie Sie es wohl selbst fühlen, ohnmächtig. Aber gestatten Sie mir nur eines zu Ihrer Bitte zu bemerken. Sagen Sie selbst: habe ich das Recht, an dieser Sache achtlos vorüberzugehen, und wird es gerecht und ehrlich von mir sein, wenn ich diesen Schurken verzeihe?«

»Durchlaucht, bei Gott, man darf sie so nicht nennen, um so mehr, als unter ihnen auch viele würdige Männer sind. Schwierig ist zuweilen die Lage des Menschen, Durchlaucht, furchtbar schwierig. Es kommt vor, daß der Mensch die ganze Schuld zu tragen scheint; wenn man aber genauer hinsieht, so ist er unschuldig.«

»Aber was werden sie selbst sagen, wenn ich die Sache niederschlage? Viele von ihnen werden noch hochnäsiger werden und sogar sagen, sie hätten uns Angst eingejagt. Sie werden die ersten sein, die allen Respekt verlieren ...«

»Durchlaucht, erlauben Sie mir, Ihnen meine Meinung zu sagen: Lassen Sie sie alle kommen, sagen Sie ihnen, daß Sie alles wissen; schildern Sie ihnen Ihre eigene Lage genau so, wie Sie sie soeben mir geschildert haben, und fragen Sie sie um Rat: was ein jeder von ihnen an Ihrer Stelle wohl tun würde.«

»Sie meinen wohl, daß ihnen edlere Regungen mehr eigen sind, als Ränke und Habgier? Glauben Sie mir: sie werden mich auslachen.«

»Das glaube ich nicht, Durchlaucht. Jeder Mensch, selbst der schlechte Mensch, hat doch einen Instinkt für die Gerechtigkeit. Vielleicht stimmt das nur bei einem Juden nicht, doch der Russe ... Nein, Durchlaucht, Sie haben nichts zu verheimlichen. Sprechen Sie zu ihnen genau so, wie Sie zu mir gesprochen haben. Sie schmähen Sie als einen stolzen, ehrgeizigen Menschen, der auf nichts hören will und selbstbewußt ist –, sollen sie nun sehen, wie es sich in Wirklichkeit verhält. Was kümmert Sie das? Ihre Sache ist doch gerecht. Sagen Sie das ihnen so, als beichteten Sie nicht ihnen, sondern dem Herrn selbst.«

»Afanassij Wassiljewitsch,« sagte der Fürst nachdenklich, »ich will es mir überlegen, einstweilen danke ich Ihnen aber für Ihren Rat.«

»Den Tschitschikow wollen Sie aber freilassen, Durchlaucht.«

»Sagen Sie diesem Tschitschikow, er soll sich aus dem Staube machen, und zwar so schnell als möglich, und je weiter, um so besser. Ihm würde ich niemals verzeihen.«

Murasow begab sich vom Fürsten direkt zu Tschitschikow. Er traf ihn bereits in guter Laune an, mit einem recht anständigen Mittagessen beschäftigt, das man ihm in einem Fayencegeschirr aus einer gleichfalls recht anständigen Garküche gebracht hatte. Schon aus seinen ersten Worten merkte der Alte, daß Tschitschikow inzwischen mit einigen von den beamteten Rechtsverdrehern gesprochen hatte. Er begriff sogar, daß auch der gerissene Rechtsbeistand unsichtbar mit hineinspielte.

»Hören Sie mal, Pawel Iwanowitsch,« sagte er, »ich bringe Ihnen die Freiheit unter der Bedingung, daß Sie sofort diese Stadt verlassen. Packen Sie alle Ihre Habseligkeiten und machen Sie sich mit Gott auf den Weg, ohne auch nur einen Augenblick zu säumen, denn Ihre Sache steht jetzt noch schlimmer. Ich weiß, Sie sind jetzt von einem gewissen Menschen beeinflußt; darum teile ich Ihnen vertraulich mit, daß eben noch eine Affäre an den Tag kommt, die so schlimm ist, daß Ihnen keine Macht auf Erden mehr helfen kann. Er ist natürlich froh, wenn er aus Zeitvertreib andere Menschen ins Verderben stürzen kann, doch die Sache kommt bald an den Tag. Als ich Sie verließ, waren Sie in einer guten Gemütsverfassung, in einer viel besseren als jetzt. Mein Rat ist vollkommen ernst gemeint. Bei Gott, es kommt wirklich nicht auf dieses Vermögen an, um dessentwillen die Menschen einander bekämpfen und umbringen: als ob es möglich wäre, sein irdisches Leben in Ordnung zu bringen, ohne an das künftige Leben zu denken! Glauben Sie es mir, Pawel Iwanowitsch: solange die Menschen nicht alles, um dessentwillen sie sich zerfleischen und auffressen, aufgeben, solange sie nicht daran denken, ihre geistige Habe in Ordnung zu bringen, kann auch die irdische Habe nicht in Ordnung gebracht werden. Es werden Zeiten des Hungers und der Armut kommen, wie für das ganze Volk, so auch für jeden einzelnen Menschen ... Das ist klar. Sie mögen sagen, was Sie wollen, der Leib hängt doch nur von der Seele ab. Wie kann man nur erwarten, daß alles nach Wunsch gehe? Denken Sie nicht an die toten Seelen, sondern an Ihre eigene lebendige Seele und betreten Sie mit Gottes Hilfe den neuen Weg! Ich reise auch morgen ab. Beeilen Sie sich! Sonst wird es in meiner Abwesenheit ein Unglück geben.«

Der Alte ging, nachdem er dies gesagt hatte, hinaus. Tschitschikow wurde nachdenklich. Der Sinn des Lebens erschien ihm wieder gar nicht so unwichtig. – Murasow hat recht – sagte er: – Es ist Zeit, einen neuen Weg zu beginnen! – Nach diesen Worten verließ er das Gefängnis. Der Wachtposten schleppte ihm seine Schatulle nach ... Sselifan und Petruschka freuten sich über die Befreiung ihres Herrn so, als ob es Gott weiß was für ein Glück wäre. »Nun, meine Lieben,« sagte Tschitschikow, sich gnädig an sie wendend, »wir müssen packen und abreisen.«

»Wie der Wind werden wir fahren, Pawel Iwanowitsch!« sagte Sselifan. »Der Weg ist jetzt wohl gut: es ist genug Schnee gefallen. Es ist wirklich Zeit, aus dieser Stadt herauszukommen. Ich habe sie so satt, daß ich sie nicht mehr ansehen mag.«

»Geh zum Wagenbauer und laß unseren Wagen auf Schlittenkufen setzen,« sagte Tschitschikow und begab sich in die Stadt; aber er hatte keine Lust, Abschiedsvisiten zu machen. Nach allen diesen Ereignissen wäre ihm dies auch unangenehm, um so mehr, als in der Stadt allerlei ungünstige Gerüchte über ihn umliefen. Er ging allen Begegnungen aus dem Wege und begab sich nur ganz still zu dem Kaufmann, bei dem er das Tuch von Navarinoscher Flammenfarbe mit Pulverrauch gekauft hatte; er kaufte wieder vier Arschin für Frack und Hose und ging dann zu demselben Schneider. Der Schneidermeister entschloß sich, für den doppelten Preis die Arbeit zu beschleunigen; die ganze Bevölkerung seiner Werkstatt mußte die ganze Nacht bei Kerzenlicht mit Nadeln, Bügeleisen und Zähnen arbeiten, und der Frack war auch wirklich am nächsten Tage, wenn auch etwas spät, fertig. Die Pferde waren schon angespannt. Tschitschikow probierte aber dennoch den Frack an. Er war schön, genau so schön, wie der erste. Doch wehe! Er bemerkte etwas Glattes und Weißes durch seine Haare hindurchschimmern und sagte traurig: »Warum ließ ich mich nur so von der Verzweiflung hinreißen? Am allerwenigsten durfte ich mir aber mein Haar ausraufen.« Er rechnete mit dem Schneider ab und verließ endlich die Stadt in einer sehr merkwürdigen Gemütsverfassung. Es war nicht mehr der alte Tschitschikow; es war nur eine Ruine des alten Tschitschikow. Sein Seelenzustand ließe sich mit einem in seine einzelnen Bestandteile zerlegten Gebäude vergleichen, welches aus diesen Bestandteilen neu aufgebaut werden soll; mit dem Neubau hat man aber noch nicht begonnen, weil der Architekt noch keinen endgültigen Plan geschickt hat, und die Arbeiter stehen ganz ratlos da. Eine Stunde vor Tschitschikows Abreise machte sich auch Murasow mit Potapytsch in einem einfachen, mit Bastmatten gedeckten Wagen auf den Weg, und eine Stunde nach Tschitschikows Abreise erging an alle Beamten der Befehl, zum Fürsten zu kommen, der sie vor seiner Abreise nach Petersburg noch sehen wolle.