Ich bin schließlich auch Schauspieler, dachte er. Ich wollte einmal Schauspieler werden, und nun bin ich einer.
»Warte, ich helfe dir, Herr«, sagte der Mann. Nafai sah ihn nicht an. Statt dessen stolperte er absichtlich, fiel auf die Knie und beugte sich dann vor. »Ich glaub, ich muß kotzen«, nuschelte er. Dann berührte er das Kästchen an seinem Gürtel und schaltete das Kostüm aus. Nur einen Augenblick lang. Nur so lange, bis jeder, der sich im Raum befand, Gaballufix’ Kleidung gesehen hatte, während Nafais Gesicht und Haar nicht zu sehen waren, da er sich vorbeugte. Dann schaltete er das Kostüm wieder ein, versuchte, schwer zu atmen, und es gelang ihm so gut, daß er würgte und ihm tatsächlich etwas Galle und Magensäure in die Kehle stieg.
»Was willst du, Herr?« fragte der Mann.
»Wer hütet den Index?« grölte Nafai. »Alle wollten heute den Index haben – und jetzt will ich ihn sehen.«
»Zdorab«, sagte der Mann.
»Hol ihn.«
»Er schläft, er …«
Nafai sprang auf. »Wenn ich in diesem Haus wach bin, hat niemand zu schlafen!«
»Ich hole ihn, Herr, es tut mir leid, ich dachte nur …«
Nafai drehte sich schwerfällig zu ihm um. Der Mann schreckte zurück und schaute völlig entsetzt drein. Gehe ich zu weit? fragte sich Nafai. Er hatte nicht die geringste Ahnung. Der Mann ging eine Wand entlang und durch eine Tür. Nafai konnte nicht sagen, ob er mit Soldaten zurückkommen würde, um ihn festzunehmen.
Er kam mit Zdorab zurück. Zumindest vermutete Nafai, daß es Zdorab war. Aber er mußte sich vergewissern, nicht wahr? Also beugte er sich zu dem Mann vor und atmete ihm unhöflich ins Gesicht. »Bist du Zdorab?« Sollte der Mann doch glauben, daß Gaballufix so betrunken war, daß er ihn nicht mehr erkannte.
»Ja, Herr«, sagte der Mann. Er schien sich zu fürchten. Gut.
»Mein Index. Wo ist er?«
»Welcher?«
»Der, den diese Arschlöcher haben wollten … die Knaben des Wetschik … der Index, bei der Überseele!«
»Der Palwaschantu-Index?«
»Wo bewahrst du ihn auf, du Schurke?«
»Im Gewölbe«, sagte Zdorab. »Ich konnte nicht wissen, daß du ihn sehen willst. Du hast ihn noch nie benutzt, und da dachte ich …«
»Ich kann ihn mir ansehen, wann ich will!«
Hör auf, so viel zu reden, sagte er sich. Je mehr du sagst, desto schwerer fällt es der Überseele, diesen Mann davon abzuhalten, meine Stimme in Zweifel zu ziehen.
Zdorab ging einen Korridor voraus. Nafai achtete darauf, dann und wann gegen die Wand zu prallen. Als er mit der Seite gegen die Mauer stieß, auf der ihn Elemaks Stab am schwersten getroffen hatte, zuckte von der Schulter bis zur Hüfte ein Schmerz durch seinen Körper. Er stöhnte auf – und hoffte, daß seine Vorstellung dadurch nur glaubhafter wurde.
Als sie das tiefste Stockwerk des Hauses erreicht hatten, überkam ihn wieder die Furcht. Was, wenn er sich eindeutig identifizieren mußte, um das Gewölbe zu öffnen? Eine Retina-Untersuchung? Ein Daumenabdruck?
Doch die Tür des Gewölbes stand offen. Hatte die Überseele jemanden beeinflußt, einfach zu vergessen, sie zu schließen? Oder lief jetzt alles nur noch auf Zufälle hinaus? Bin ich ein Glückspilz, fragte sich Nafai, oder nur noch die Puppe der Überseele? Oder besteht noch eine geringe Aussicht darauf, daß ich mir wenigstens einen Teil des Weges dieser Nacht nach eigenem Gutdünken wählen kann?
Er wußte nicht einmal, welche Antwort er hören wollte. Wenn er sich frei entscheiden konnte, hatte er sich frei entschieden, einen Mann zu töten, der hilflos auf der Straße lag. Der Gedanke, daß die Überseele ihn dazu getrieben oder irgendwie überlistet hatte, war ihm viel angenehmer. Oder, daß etwas in seinen Genen oder seiner Erziehung ihn zu der Tat gezwungen hatte. Die Annahme, daß es keine andere Möglichkeit gegeben hatte, war viel angenehmer, als sich ständig mit der Frage zu quälen, ob es nicht genügt hätte, Gaballufix’ Kleidung zu stehlen, ohne ihn gleich umbringen zu müssen. Die Verantwortung für seine Taten war eine größere Last, als Nafai eigentlich tragen wollte.
Zdorab ging ins Gewölbe. Nafai folgte ihm und blieb dann stehen, als er einen großen Tisch sah, auf dem das gesamte Vermögen, das Gaballufix ihnen an diesem Nachmittag gestohlen hatte, in ordentlichen Stapeln ausgebreitet war.
»Wie du siehst, Herr, ist die Überprüfung fast fertig«, sagte Zdorab, als er zu einigen Regalen ging. »Ich habe alles sauber und ordentlich gehalten. Es ist sehr freundlich, daß du mich hier besuchst.«
Schindet er hier im Gewölbe Zeit, fragte sich Nafai, bis Hilfe eintrifft?
Zdorab kam von den Regalen am Ende des Raums zurück. Er war klein, beträchtlich kleiner als Nafai, und sein Haar fiel ihm schon aus, obwohl er kaum älter als dreißig Jahre sein konnte. Ein ziemlich komischer Mann – doch wenn er herausfand, was hier wirklich geschah, konnte es Nafai das Leben kosten.
»Ist es das?« fragte Zdorab.
Nafai hatte natürlich nicht die geringste Ahnung, wie der Index aussah. Er hatte schon viele Indexe gesehen, doch die meisten davon waren kleine, freistehende Computer mit drahtlosen Verbindungen zu einer großen Bibliothek gewesen. Dieser hier verfügte über nichts, was Nafai als Computer-Display erkannt hätte. Zdorab hielt eine oben und unten etwas abgeflachte, messingfarbige Metallkugel von etwa fünfundzwanzig Zentimetern Durchmesser in der Hand. »Zeig mal her«, knurrte Nafai.
Zdorab schien sich nicht gern davon zu trennen. Einen Augenblick lang verspürte Nafai nackte Panik. Er will ihn mir nicht geben, weil er weiß, wer ich bin.
Dann enthüllte Zdorab, worum es ihm wirklich ging. »Herr, du hast gesagt, wir müßten ihn stets sehr sauber halten.«
Er machte sich Sorgen darüber, wie schmutzig Gaballufix unter seinem Soldaten-Kostüm sein mochte. Schließlich schien er ja sehr betrunken und mehrmals gestürzt zu sein und stank nach Schnaps und Schlimmerem. An seinen Händen konnte alles Mögliche kleben.
»Du hast recht«, sagte Nafai. »Du trägst ihn.«
»Wenn du möchtest, Herr«, sagte Zdorab.
»Das ist er doch, oder?« fragte Nafai. Er mußte ganz sicher gehen – er konnte nur hoffen, daß er den Betrunkenen so überzeugend spielte, daß diese dummen Fragen keinen Argwohn erregen würden.
»Es ist der Palwaschantu-Index, wenn du das meinst. Ich habe mich nur gefragt, ob du wirklich diesen Index sehen möchtest. Du hast dich noch nie danach erkundigt.«
Also hatte Gaballufix ihn nicht einmal aus dem Gewölbe geholt – er hatte niemals, keine Sekunde lang, die Absicht gehabt, ihnen den Index zu geben, ganz gleich, wieviel Elemak ihm dafür geboten hatte. Nafai fühlte sich etwas besser. Es hatte keine verpaßte Gelegenheit gegeben. Jedes Vorgehen hätte zum selben Ergebnis geführt.
»Wohin bringen wir ihn?« fragte Zdorab.
Eine ausgezeichnete Frage, dachte Nafai. Ich kann ihm ja schlecht sagen, daß wir ihn zu den Söhnen des Wetschik bringen, die vor dem Rauchfang in der Dunkelheit warten.
»Wir müssen ihn dem Klans-Rat zeigen.«
»Zu dieser späten Stunde?«
»Ja, zu dieser späten Stunde! Die Arschlöcher haben mich unterbrochen. Hatten eine Feier und mußten unbedingt den Index sehen, weil irgendein Jammerlappen auf die Idee kam, die diebischen, verlogenen Mörder von Wetschiks Söhnen hätten ihn vielleicht gestohlen.«