Выбрать главу

»Er sieht nicht einmal wie ein Index aus«, sagte Issib.

Nafai streckte die Hand aus und nahm ihn von Mebbekew entgegen. Augenblicklich begann er zu leuchten. Lichter erschienen unter ihm.

»Ich glaube, du hältst ihn verkehrt herum«, sagte Zdorab.

Nafai drehte ihn um. In der Luft über dem Ball deutete ein holographischer Pfeil nach Südwesten. Über dem Pfeil befanden sich mehrere Worte, aber in einer Sprache, die Nafai nicht verstand.

»Das ist Altpuckji«, sagte Issib. »Das spricht heute keiner mehr.«

Die Buchstaben veränderten sich und bildeten ein einzelnes Wort. Stuhl.

»Der Pfeil«, sagte Issib. »Er deutet in die Richtung, in der ich meinen Stuhl zurückgelassen habe.«

»Zeig mal her«, sagte Elemak.

Nafai gab ihm dem Index. In dem Augenblick, da er Nafais Hände verließ, verschwand die Schrift.

Nafai griff nach dem Index. Elemak sah ihn fest an, mit Augen wie aus Eis, und gab Nafai die Metallkugel dann zurück. Als Nafai sie erneut berührte, baute sich das Display wieder auf. Nafai wandte sich an Zdorab. »Was hat das zu bedeuten?«

»Keine Ahnung«, sagte Zdorab. »So etwas hat es noch nie gemacht. Ich dachte, es wäre kaputt.«

»Laß es mich mal versuchen«, sagte Issib.

»Bitte nicht«, sagte Nafai. »Wickeln wir es wieder ein und bringen es Vater, ohne es noch einmal anzusehen. Elemak kennt den Weg. Er sollte uns führen.«

»Genau«, sagte Mebbekew.

»Wie du meinst«, sagte Issib.

»Wer von euch ist Elemak?« fragte Zdorab.

Elemak wandte sich in Richtung Hohe Straße und der Stelle, wo Issibs Stuhl auf sie wartete. Als sie bei den Kamelen eintrafen, hellte sich der Himmel im Osten gerade auf. Nafai wickelte den Index ein und gab ihn Elemak, damit er ihn in einem Packgestell verstaute.

»Du solltest ihn Vater geben«, sagte Nafai.

Elemak griff nach ihm und nahm einen Fetzen von Nafais – nein, Gaballufix’ – Hemd zwischen Daumen und Zeigefinger. Er beugte sich vor. »Behandle mich nicht herablassend, Nafai. Ich sehe, wie die Dinge stehen, und ich sage es dir nur einmal. Als Geschenk von dir werde ich mir weder Macht noch Ehre noch sonst etwas geben lassen. Was immer ich habe, gehört mir, weil ich es mir genommen habe. Hast du mich verstanden?«

Nafai nickte. Elemak ließ sein Hemd los und ging davon. Erst jetzt begriff Nafai, daß dieser Bruch zwischen ihm und seinem ältesten Bruder niemals heilen würde. Der Index war unter Nafais Händen zum Leben erwacht. In Elemaks hatte er leblos gelegen. Die Überseele hatte gesprochen, und Elemak würde ihr niemals die Botschaft verzeihen, die sie mitgeteilt hatte.

16

Der Index der Überseele

Nafai und Vater saßen und Issib lag auf einem Teppich in Vaters Zelt. Der Index ruhte zwischen ihnen auf dem Teppich. Nafai berührte ihn mit den Fingern. Auch Vater griff nach ihm und berührte ihn mit einer Hand. Mit der anderen hob er dann Issibs Hand und führte sie zum Index. Als alle drei ihn gleichzeitig berührten, sprach der Index.

»Wach, nach all dieser Zeit«, sagte der Index. Es war ein Flüstern. Nafai war sich keineswegs sicher, ob er es mit den Ohren gehört oder ob sein Verstand die Geräusche der Umgebung – die Wüstenbrise, ihr eigenes Atmen – in eine Stimme verwandelt hatte.

»Es hat uns viel gekostet, dich zu holen«, sagte Vater.

»Ich habe lange darauf gewartet, wieder diese Stimme zu haben«, erwiderte der Index.

Nicht der Index selbst sprach. Das wußte Nafai nun. »Das ist die Stimme der Überseele.«

»Ja«, sagte das Flüstern.

»Warum nennt man dieses Gebilde einen Index«, sagte Vater, »wenn es deine Stimme enthält?«

Die Antwort kam erst nach langem Zögern. »Das ist der Index für mich«, sagte die Stimme schließlich.

Der Index der Überseele. Ein Index war ein Werkzeug, das es den Menschen erleichtern sollte, den Weg durch die labyrinthhaften Speicher eines komplizierten Computers zu finden. Die Überseele war der größte aller Computer, und dieses Werkzeug würde es Nafai und Issib und Vater endlich ermöglichen, ihn zu verstehen. »Kannst du uns nun, da wir den Index haben«, sagte Nafai, »erklären, wer du bist – was du bist?«

Erneut die Pause, und dann das Flüstern: »Ich bin das Gedächtnis der Erde. Es war nicht vorgesehen, daß es so lange dauern würde. Ich werde schwächer und muß zu dem zurückkehren, der klüger als ich ist, der mir sagen wird, was ich tun muß, um die unharmonische Welt namens Harmonie zu retten. Ich habe deine Familie ausgewählt, um mich zum Hüter der Erde zurückzubringen.«

»Dorthin willst du uns führen?«

»Die Welt, die in Eis begraben und unter Rauch verborgen wurde, ist mittlerweile bestimmt lebendig und wach. Der Hüter, der die Menschheit von dem Planeten vertrieben hat, den sie zerstört hat, wird sich bestimmt nicht von euch abwenden. Folgt mit, Kinder der Erde, und ich werde euch zurück zu eurer alten Heimat bringen.«

»Eine lange Reise«, sagte Vater müde.

»Lang!« rief Nafai. »So lang, daß das Licht hundert Jahre braucht, um uns zu erreichen.«

»Wovon sprecht ihr?« fragte Issib. »Man könnte ja glauben, die Überseele hätte versprochen, uns zu einem anderen Planeten zu bringen.«

Issibs Worte hingen in der Luft wie eine verstimmte Musik. Nafai saß ganz benommen da. Natürlich hatte die Überseele versprochen, sie zu einem anderen Planeten zu bringen. Das waren ihre deutlichen Worte gewesen. Abgesehen davon, daß Issib etwas anderes gehört hatte. Oder Vater. Offensichtlich gab der Index also keine Töne von sich, und sie hörten ihn tatsächlich mit ihrem Verstand, nicht mit ihren Ohren.

»Was hat die Überseele denn eurer Meinung zufolge gesagt?« fragte Nafai.

»Daß sie uns in ein wunderschönes Land führen wird«, sagte Vater. »Ein herrlicher Ort, wo Getreide wächst und Orchideen blühen. Ein Ort, wo unsere Kinder frei und gut sein können, ohne das Übel Basilikas.«

»Aber wo?« fragte Nafai. »Wo soll dieses wunderschöne Land denn sein?«

»Nafai, du mußt lernen, geduldiger und vertrauensvoller zu sein«, sagte Vater. »Die Überseele wird uns Schritt für Schritt führen, und dann, eines Tages, wird einer dieser Schritte der letzte unserer Reise sein, und wir werden zu Hause sein.«

»Es wird keine Stadt sein«, sagte Issib, »sondern ein Ort, wo ich wieder meine Flossen benutzen kann.«

Nafai war tief enttäuscht. Er wußte, was er gehört hatte, doch er wußte auch, daß Vater und Issib es nicht gehört hatten. Warum nicht? Entweder weil sie die Stimme der Überseele einfach nicht so klar verstehen konnten wie er, oder weil die Überseele ihnen etwas anderes gesagt hatte. So oder so, er konnte ihnen sein Verständnis nicht aufzwingen.

»Was hast du gehört?« fragte Vater. »War da noch mehr?«

»Das ist im Augenblick nicht so wichtig«, sagte Nafai. »Es kommt nur darauf an, daß wir jetzt nicht mehr darauf warten müssen, daß Basilika uns wieder aufnimmt. Man hat uns nicht nur ins Exil geschickt, sondern endgültig ausgebürgert. Wir sind Emigranten. Basilika ist nicht mehr unsere Stadt.«

Vater seufzte. »Und ich habe einmal gedacht, ich würde einfach in den Ruhestand treten und Elja das Geschäft übergeben. Ich wollte nicht mehr auf Reisen gehen. Und nun, fürchte ich, werde ich die längste Reise meines Lebens antreten.«

Nafai streckte die Hände aus, ergriff den Index und zog ihn an sich heran. Er zitterte in seinem Griff. »Und was dich betrifft, mein seltsamer, kleiner Index, so hoffe ich, daß du die Mühe wert bist, die wir auf uns genommen haben, um dich zu bekommen. Und den Preis, den wir entrichtet haben.«

»Ein gewaltiges Vermögen«, sagte Issib. »Ich habe nie gewußt, daß wir so reich waren, bis wir es dann nicht mehr waren.«