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»He, Freund!«

Der Händler, neben dessen Tisch ich stand, sah mich an. Nicht sehr böse, aber verärgert.»Willst du was kaufen?«

»Seh ich wie ein Idiot aus?«, erkundigte ich mich.

»Total. Entweder kaufst du was, oder du gehst weiter.«

Irgendwie hatte er Recht. Aber ich hatte Lust, ihm Kontra zu geben.»Du verstehst ja nicht, was du für Glück hast. Ich bilde für dich die Masse, locke Käufer an.«

Der Händler war ein Original. Dick, mit einem roten Gesicht, gewaltigen Armen, in denen Fett und Muskeln den gleichen Anteil hatten. Er taxierte mich mit festem Blick, fand offenkundig nichts Bedrohliches und wollte schon lospoltern.

Und lächelte plötzlich.

»Na, dann bilde mal. Aber ein bisschen aktiver. Tu so, als ob du was kaufen willst. Du kannst mir sogar zum Spaß Geld geben.«

Das war so seltsam, so unerwartet.

Ich lächelte zurück.»Möchtest du, dass ich wirklich was kaufe?«

»Wozu brauchst du das denn, ist doch Touri-quatsch.«Der Verkäufer hörte auf zu lächeln, die bisherige angespannte Aggressivität war jedoch ebenfalls aus seinem Gesicht verschwunden.»Eine Teufelshitze, die macht uns alle noch verrückt. Wenn es endlich regnen würde.«

Ich schaute zum Himmel rauf und zuckte mit den Achseln. Offenbar hatte sich etwas verändert. Etwas hatte sich in dem durchscheinenden Blau des himmlischen Backofens bewegt.

»Ich glaube, das wird es«, erklärte ich.

»Wär schön.«

Wir nickten einander zu, und ich ging weiter, tauchte in den Strom der Menschen ein.

Auch wenn ich noch nicht wusste, was ich tun sollte, wusste ich doch, wohin ich gehen musste. Und das war immerhin etwas.

Sieben

Unsere Kräfte sind zum größten Teil geliehen. Die Dunklen schöpfen sie aus fremdem Leid. Sie haben es entschieden einfacher. Müssen den Menschen noch nicht mal unbedingt ein Leid zufügen. Brauchen nur lange genug zu warten. Brauchen sich nur aufmerksam umzuschauen und dann zu saugen, an dem fremden Leid zu saugen, als saugten sie einen Cocktail durch einen Strohhalm.

Uns steht dieser Weg auch offen. Nur sieht er ein wenig anders aus. Wir müssen die Kraft nehmen, wenn es den Menschen gut geht, wenn sie glücklich sind.

Allerdings gibt es ein Detail, das den Prozess für die Dunklen möglich macht, während es ihn für uns praktisch verbietet. Glück und Leid - das sind keinesfalls zwei Extreme auf der Skala menschlicher Gefühle. Sonst gäbe es weder lichte Traurigkeit noch bitterböse Freude. Es sind zwei parallele Prozesse, zwei gleichberechtigte Ströme der Kraft, die die Anderen spüren und nutzen können.

Wenn ein Dunkler Magier fremden Schmerz trinkt, wächst dieser noch an.

Wenn sich ein Lichter Magier fremde Freude einverleibt, schmilzt sie.

Wir können die Kraft in jedem Moment aufnehmen. Doch nur sehr selten erlauben wir uns das.

Heute beschloss ich, es zu tun.

Ich nahm ein wenig von einem Pärchen, das sich gerade umarmte und am Eingang zur Metro festgewachsen schien. Sie waren glücklich, im Moment sogar sehr glücklich. Und trotzdem spürte ich, dass ihnen eine Trennung bevorstand, zudem auf lange Zeit, und Traurigkeit unweigerlich die Verliebten streifen würde. Ich beschloss, dass mein Tun berechtigt war. Ihre Freude leuchtete grell und prunkvoll, wie ein Bouquet purpurroter Rosen, zarter und arroganter Rosen.

Ich berührte einen vorbeilaufenden Jungen - ihm ging es gut, er spürte die drückende, schwere Hitze nicht, sondern rannte, um sich ein Eis zu kaufen. Er würde sich schnell regenerieren. Seine Kraft war einfach und rein wie eine Wiesenblume. Ein Strauß Kamillen, gepflückt von meiner Hand, die nicht zitterte.

Ich sah eine alte Frau im Fenster. Der Schatten des Todes lauerte bereits so nahe, dass sie es vermutlich selbst spürte. Dennoch lächelte die Alte. Heute war ihr Enkel zu ihr gekommen. Wahrscheinlich, um zu sehen, ob das alte Weib immer noch lebte oder ob die teure Wohnung im Moskauer Zentrum nicht inzwischen frei geworden war. Sie wusste das. Und trotzdem war sie glücklich. Mir war es peinlich, unerträglich peinlich, doch ich berührte sie und nahm ihr ein wenig von ihrer Kraft. Ein verwelkendes gelb-orangefarbenes Gebinde aus Astern und Herbstblättern…

Ich ging weiter, wie ich mitunter nachts in einem Albtraum herumstreife, Glück nach links und rechts verteile. An alle, dass keiner gekränkt von hier gehe. Jetzt aber zog ich eine ganz andere Spur. Hier und da ein leicht ersterbendes Lächeln, Falten auf der Stirn, eine Lippe, die kurz gebissen wurde.

Überhaupt sah man, wo ich langgekommen war.

Eine Streife der Tagwache würde mich nicht anhalten, selbst wenn sie meinen Weg kreuzte.

Und auch die Lichten, sollten sie mich beobachten, würden schweigen.

Ich tat, was ich für notwendig hielt. Etwas, wozu ich mich berechtigt sah. Borgte. Stahl. Und wie ich mit der erhaltenen Kraft umging, würde mein Schicksal bestimmen.

Entweder würde ich alles in voller Höhe zurückzahlen.

Oder das Zwielicht würde sich vor mir auftun.

Ein Lichter Magier, der aus Menschen Kraft schöpft, setzt alles auf eine Karte. Das rechnen die Wachen nicht so auf wie sonst unsere Handlungen. Das Ausmaß des bewirkten Guten muss nämlich nicht nur einfach das von mir geschaffene Böse übersteigen.

Ich darf noch nicht einmal einen Anflug von Zweifel haben, dass ich alles in voller Höhe zurückgezahlt hatte.

Verliebte, Kinder, Alte. Eine Gruppe, die an einem Denkmal Bier trank. Ich befürchtete zwar, ihre Freude sei nur gespielt, doch sie stellte sich als echt heraus, und ich nahm ihre Kraft.

Verzeiht mir.

Ich könnte mich x-mal bei jedem Einzelnen entschuldigen. Ich kann für alles bezahlen, was ich mir genommen habe. Nur wäre das verlogen.

Ich kämpfe nämlich bloß für meine Liebe. In erster Linie. Erst dann für euch, für die ein neues, unerhörtes Glück vorbereitet wird.

Aber vielleicht kann auch das gelten?

Dass ich, sobald ich für meine Liebe kämpfe, auch für die ganze Welt kämpfe?

Für die ganze Welt - und nicht mit aller Welt.

Kraft!

Kraft.

Kraft?

Ich klaubte mir ihre Körnchen zusammen, manchmal sorgsam und vorsichtig, manchmal grob und heftig, damit meine Hand nicht zitterte, damit ich nicht die Augen vor Scham abwandte, während ich fast das Letzte sammelte.

Vielleicht war für diesen Jungen Glück ohnehin ein seltener Gast?

Ich wusste es nicht.

Kraft!

Vielleicht würde die Frau, nachdem sie dieses Lächeln eingebüßt hatte, auch die Liebe von jemandem verlieren?

Kraft.

Vielleicht würde dieser kräftige, ironisch lächelnde Mann morgen sterben?

Kraft.

Die Amulette in den Taschen würden mir nicht helfen. Es würde keinen Kampf geben. Mir würde meine»Hochform«nicht helfen, die der Chef erwähnt hatte. Sie war sowieso nicht der Rede wert. Und das Recht auf eine ungehinderte Intervention zweiten Grades, das mir Sebulon so großzügig eingeräumt hatte, war eine Falle. Daran konnte nicht der geringste Zweifel bestehen. Er hatte seine Freundin als Köder gebraucht, die Wahrscheinlichkeitslinien so zusammengeführt, dass wir uns treffen mussten, und mir mit gramverzerrtem Gesicht das tödliche Geschenk ausgehändigt. Ich kann nicht so weit in die Zukunft sehen, als dass sich mein Gutes niemals in Böses verkehren würde.