»Hier gibt es Dinge von erheblichem antiquarischen Wert«, bemerkte Seymour. »Zum Beispiel das Telefon dort … Kann man es kaufen?«
Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid. Aber das Telefon ist für die Anrufe notwendig.«
»Anrufe?« Pau erinnerte sich daran, daß auch der letzte Gondelbauer angerufen worden war. »Wer könnte denn hier schon anrufen?«
»Kommen Sie nur, kommen Sie!« sagte der alte Mann und führte Paulus durch eine Tür und in einen Korridor, in dem dreibogige Fenster einen Ausblick auf die Dächer der Stadt gestatteten. Seymour blieb unwillkürlich stehen, und während er stumm hinaussah, vernahm er einige weithin hallende Gongschläge. Als er sich fragend umwandte, erklärte der alte Mann: »Das ist eine der Uhren, deren Glockenläuten die Zeit angibt. Wir versuchen alles, um sie in Funktion zu halten, aber das wird immer schwieriger.«
»Sagen Sie …«, murmelte Paulus, »… was sind Sie eigentlich von Beruf? Arbeiten Sie für eine Art Stiftung?«
Der alte Mann lachte leise. »Nein, eine Stiftung gibt es nicht. Wir sind nur noch ungefähr zehn, und wir bemühen uns, das zu bewahren, was noch bewahrt werden kann. Aber dieser Aufgabe müßten sich jüngere Leute annehmen. Wie Sie zum Beispiel …«
Sie durchwanderten ein Labyrinth aus Zimmern und Korridoren und weiteren steilen Treppen, bis sie schließlich an eine schmale Glastür gelangten. Der alte Mann öffnete sie, und Seymour trat in ein Zimmer, das völlig aus Kristall und Holz zu bestehen schien; in den Wänden und der Decke zeigten sich Dutzende von größeren und kleineren Fensterscheiben, und es sah aus, als wetteiferten sie miteinander um die Bildung eines Mosaiks. Paulus drehte sich langsam um die eigene Achse, und sein Blick glitt über das Meer aus Dächern hinweg, das in der Ferne mit der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht verschmolz. Oben zeigten sich die ersten Sterne am Himmel.
Die Einrichtung dieses Raums bestand nur aus einem Tisch und zwei Stühlen.
»Setzen Sie sich«, forderte ihn der alte Mann auf, verschwand hinter einem Vorhang und kehrte kurz darauf mit zwei Tellern, Brot und einer großen Salami zurück. Er stellte alles auf den Tisch, trat erneut hinter den Vorhang und kam dann mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern wieder zum Vorschein.
Seymour war vollkommen durcheinander. Er sah sich von Empfindungen heimgesucht, die aus einer fernen Vergangenheit stammten – einer Vergangenheit, die er nicht kannte, die ihm aber dennoch ein beunruhigendes Gefühl des Déjà-vu vermittelte.
»Es ist nicht viel«, sagte der alte Mann. »Aber andererseits stammen diese Dinge aus eigener Herstellung. Sie werden an den Geschmack nicht gewöhnt sein; vielleicht mögen Sie ihn nicht.«
Seymour war außerstande, darauf eine Antwort zu geben. Er fühlte sich wie in eine andere Dimension versetzt, und ihm schwindelte.
Später rauchten die beiden Männer, und in der Schwärze des Himmels über ihnen funkelten Myriaden Sterne. Der alte Mann erzählte von sich und den anderen, die versuchten, jene Bereiche der Stadt zu erhalten, die das Schicksal immer kleiner werden ließ. Seymours Gastgeber hieß Umàn: Einer seiner Vorfahren hatte den Gondeln und Barken beim Anlegen ans Ufer geholfen – mit einer langen Stange, an deren einem Ende sich ein Haken befand –, und nach dem internationalen Standard lautete die entsprechende Berufsbezeichnung Hookman. Mit der Zeit war aus diesem Wort Umàn geworden.
Seymour mußte daran denken, daß dieser Name dem alten Mann auch deshalb ganz angemessen war, weil er wie ›Human‹, also Mensch, klang.
Während des Gesprächs entstand zwischen ihnen beiden eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, und Paulus suchte nach Worten, um das auszudrücken, was in ihm vorging. Und so erzählte er von seiner Tätigkeit an Bord der Raumstation, in einer Welt also, die sich in ihrer ausschließlichen Fixierung auf Technik völlig von der unterschied, mit der er sich hier konfrontiert sah.
Der alte Mann nickte und lächelte und machte ganz den Eindruck, als wisse er auch sehr genau, was Seymour empfand. Und man hätte fast meinen können, er habe auf dem Platz S. Trovaso extra auf Paulus gewartet …
»Kann ich dir irgendwie helfen?« fragte der alte Mann zu vorgerückter Stunde, als sie bereits zum Du übergegangen waren.
»Ich muß der Marciano[6] einen Besuch abstatten, um eine alte Frage in Hinsicht auf die Nautik zu klären«, erwiderte Seymour. »Ich brauche Einsicht in Unterlagen, aus denen die Bestimmungen des Seerechts der damaligen Zeit hervorgehen. Du könntest mir den Weg beschreiben.«
»Gern«, sagte Umàn. »Wende dich in meinem Namen an den Kustos. Er ist einer von uns. So, und nun begleite ich dich aus dem Haus.«
Umàn wollte ihm auch während des Rückwegs nach seinem Hotel Gesellschaft leisten, aber Seymour lehnte dieses Angebot dankend ab. Er brauchte Zeit zum Nachdenken.
In jener Nacht gingen ihm die verschiedensten Überlegungen durch den Kopf, als er durch dunkle und schmale Gassen wanderte und über mit Marmorstatuen geschmückte Brücken hinwegschritt, als er dem Verlauf geheimnisvoll in Schatten gehüllter Kanäle folgte und kleinere Plätze überquerte, die das perlmuttfarbene Licht des Mondes in kleine Seen aus azurnen Schemen verwandelte und deren Schweigen Tausende von Jahren alt war. Manchmal blieb er auch kurz an den verwitterten Überbleibseln einstmals prächtiger Wasserspeier stehen, an den Resten der Zeit zum Opfer gefallener Brunnen. Und immer weilten Paus Gedanken in einer Welt, die ihm bisher fremd gewesen war.
Als er sich wieder in seinem Hotelzimmer befand, schienen ganze Tage vergangen zu sein – obgleich es noch Stunden bis zur Morgendämmerung dauerte. Es war fast, als habe sich die Zeit gedehnt, um ihm ausreichend Gelegenheit zu geben, in sich selbst zu blicken.
Am nächsten Tag fand sich Paulus Seymour bei der Marciana ein. Das große Tor war geschlossen, aber Umàn hatte ihm genaue Hinweise gegeben: Neben dem Eingang befand sich ein eiserner Knauf, der sich zum einen Ende hin verjüngte und am anderen eine kleine Öffnung aufwies. Ein Draht führte durch dieses Loch und verschwand in der Wand des Palazzo.
Pau zog an dem Griff, woraufhin sich der Draht spannte und im Innern des Gebäudes eine Glocke läutete. Kurz darauf vernahm Seymour das Geräusch sich nähernder Schritte, und das Tor öffnete sich langsam.
Ein Mann, der etwa ebenso alt war wie Umàn, musterte ihn skeptisch. »Sie wünschen?« fragte der Kustos auf Italienisch.
Seymour beherrschte die alten Sprachen nicht, und so erklärte er den Grund seines Besuches auf Amerikanisch und fügte hinzu, Umàn habe ihn geschickt.
Als der Kustos diesen Namen vernahm, hellte sich sein Gesicht sofort auf, und er wurde freundlicher und bat Seymour herein. »Kommen Sie in mein Büro«, sagte er und hielt auf eine schmale Tür zu.
Bei dem Raum, den sie betraten, handelte es sich nicht um ein Büro, nicht einmal um ein Zimmer. Vielmehr sah Paulus einen sechs Meter langen und zwei Meter breiten Teil eines Korridors vor sich. An der ungewöhnlich hohen Decke war ein Gemälde, dessen Farben verblaßt waren und von dem man aufgrund der Trennwand nur die eine Hälfte sehen konnte. Während die Wand auf der rechten Seite aus Mauerwerk bestand, setzte sich die linke aus kleinen Holz- und Kunststofftafeln zusammen. Von der Decke hing ein erstaunlich dickes und mindestens zehn Meter langes Kabel herab, an dessen Ende man eine Glühlampe befestigt hatte.
In dieser sechs Meter langen Enge befanden sich ein an die Trennwand geschobener Tisch, zwei Stühle, ein uralter elektrischer Heizofen, über den eine staubige Schutzhülle aus Plastik gestülpt war, und eine Konsole mit einem uralten Fernseher. Der restliche Platz entlang der Steinwand wurde von Büchern und Verzeichnissen und Listen beansprucht. Einige machten einen geordneten Eindruck. Andere hingegen türmten sich zu hohen und nicht sehr stabil wirkenden Stapeln auf, und der Rest war in unsortierten Haufen aufgeschichtet.