Выбрать главу

Kit blieb im Vorzimmer, wollte die Spannung noch erhöhen, als sie aus ihren Augenwinkeln eine flüchtige Bewegung wahrnahm. Sie drehte sich um, Fürst Soth war zurückgekommen, seine Wachen trugen in ihren fleischlosen Armen einen in ein weißes Tuch gehüllten Körper. Die lebhaften Augen der erregten Frau und die leeren Augen des toten Ritters trafen sich im vollendeten Einverständnis und Verstehen.

Fürst Soth verbeugte sich.

Kitiara lächelte, dann drehte sie sich um und betrat unter tosendem Applaus die Empfangshalle.

Auf dem kalten Boden der Zelle liegend, versuchte Caramon verzweifelt, nicht das Bewußtsein zu verlieren. Der Schmerz ließ allmählich nach. Der Schlag hatte ihn nur gestreift und den Offiziershelm, den er getragen hatte, verschoben; hatte ihn zwar niedergeschmettert, aber nicht ausgeschaltet.

Er täuschte trotzdem eine Ohnmacht vor, da ihm in seiner Hilflosigkeit nichts anderes einfiel. Warum war Tanis nicht hier, dachte er verzweifelt, wieder einmal den eigenen schwerfälligen Verstand verfluchend. Der Halb-Elf würde einen Plan haben, würde wissen, was zu tun war. Man hätte mich nicht mit dieser Verantwortung allein lassen dürfen! Caramon fluchte bitterlich. Dann hörte er eine Stimme aus der dunkelsten Ecke seines Gehirns: Hör auf zu jammern, du großer Ochse! Sie sind auf dich angewiesen! Caramon blinzelte, dann riß er sich zusammen, denn beinahe hätte er gegrinst. Die Stimme war der von Flint so ähnlich gewesen, er hätte schwören können, daß der Zwerg neben ihm gestanden hatte! Er hatte recht. Sie waren auf ihn angewiesen. Er mußte jetzt einfach sein Bestes geben.

Das war alles, was er tun konnte.

Caramon öffnete seine Augen einen Spalt und spähte aushalbgeschlossenen Lidern hervor. Eine Drakonierwache stand mit dem Rücken neben dem in ihren Augen bewußtlosen Krieger. Caramon konnte weder Berem noch den Drakonier Gakhan sehen, ohne den Kopf zu drehen, und er wagte nicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Den ersten könnte er außer Gefecht setzen, dachte er. Möglicherweise auch den zweiten, bevor die zwei anderen sich auf ihn stürzen würden. Er hatte keine Hoffnung, lebend zu entkommen, aber zumindest könnte er Tolpan und Tika die Möglichkeit geben, mit Berem zu fliehen.

Caramon spannte seine Muskeln an und bereitete sich darauf vor, sich auf die Wache zu stürzen, als sich plötzlich ein qualvoller Schrei durch die Dunkelheit der Verliese riß. Es war Berem, der schrie – ein Schrei voller Wut und Zorn, daß sich Caramon beunruhigt aufrichtete und völlig vergaß, daß er doch ohnmächtig war.

Dann erstarrte er, als er verblüfft beobachtete, wie Berem nach vorn sprang, Gakhan ergriff und ihn vom Steinboden hob.

Berem trug den wild um sich strampelnden Drakonier in seinen Händen, stürzte aus der Zelle und schmetterte Gakhan gegen eine Steinwand. Der Kopf des Drakoniers spaltete sich, platzte auf wie die Eier der guten Drachen auf den schwarzen Altaren.

Vor Wut heulend stieß Berem den Drakonier immer wieder an die Wand, bis von Gakhan nur noch eine schlaffe, blutgrüne Masse formlosen Fleisches übrig war.

Einen Moment lang rührte sich keiner. Tolpan und Tika drängten sich zusammen, verängstigt durch den grauenvollen Anblick. Caramon versuchte trotz seiner starken Schmerzen einen klaren Gedanken zu fassen, und selbst die Drakonierwachen starrten in gelähmter entsetzter Faszination auf den Körper ihres Führers.

Dann ließ Berem Gakhans Körper auf den Boden fallen. Er drehte sich um und sah auf die Gefährten, ohne sie zu erkennen. Er ist völlig durchgedreht, erkannte Caramon mit einem Schaudern. Berems Augen waren weit aufgerissen, der Wahnsinn funkelte aus ihnen. Speichel troff aus seinem Mund. SeineHände und Arme waren über und über mit grünem Blut beschmiert. Schließlich schien sich Berem wieder zu fassen, als er erkannte, daß sein Opfer tot war. Er sah sich um und blickte zu Caramon, der auf dem Boden saß und ihn entsetzt anstarrte.

»Sie ruft mich!« flüsterte Berem heiser.

Er drehte sich um und lief in den nördlichen Korridor, schleuderte die verblüfften Drakonier zur Seite, die versuchten, ihn aufzuhalten. Immer einen Blick nach hinten werfend, schlug Berem gegen die leichtgeöffnete Eisentür am Ende des Korridors. Die Wucht seines Schlages riß die Tür fast aus den Angeln.

Sie hörten Berems wahnsinniges Kreischen im Korridor widerhallen.

Aber nun hatten sich zwei der Drakonier wieder gesammelt.

Einer von ihnen rannte zur Treppe und schrie aus vollem Halse.

Es war zwar drakonisch, aber Caramon verstand es nur zu gut.

»Gefangener entflohen! Holt Verstärkung!«

Als Antwort hörte man Schreie und die kratzenden Geräusche von Klauenfüßen auf den oberen Stufen. Der Hobgoblin warf einen Blick auf den toten Drakonier und flüchtete zur Treppe neben dem Wachraum, fügte den Schreien des Drakoniers noch sein panisches Kreischen hinzu. Die andere Wache erhob sich und sprang in die Zelle. Aber Caramon war nun auch auf den Beinen. Er konnte etwas tun. Das verstand er, damit konnte er umgehen. Der Krieger holte aus und packte den Drakonier um den Hals. Ein Ruck mit seinen kräftigen Händen, und die Kreatur fiel leblos zu Boden. Caramon entriß der Klauenhand schnell das Schwert, bevor die Leiche des Drakoniers versteinerte.

»Caramon! Hinter dir!« gellte Tolpan, als der andere Drakonier von der Treppe mit erhobenem Schwert in die Zelle sprang.

Caramon wirbelte herum, aber er sah die Kreatur nur noch nach vorn stürzen, da Tika ihm einen Stiefel in den Bauch gerammt hatte. Tolpan stieß sein kleines Messer in den Leib der zweiten Wache und vergaß in seiner Aufregung, es wieder herauszuziehen. Auf den versteinerten Leichnam der anderen Kreatur blickend, zog der Kender verzweifelt an seinem Messer. Zu spät.

»Vergiß es!« befahl Caramon, und Tolpan erhob sich.

Über sich hörten sie gutturale Stimmen, kratzende Klauenfüße liefen die Treppen hinunter. Der Hobgoblin am Treppenende fuchtelte wirr mit den Händen und zeigte auf die Gefährten.

Caramon, mit dem Schwert in der Hand, blickte unsicher zu den Stufen, dann zum nördlichen Korridor, in den Berem gelaufen war.

»Genau! Folge Berem, Caramon«, drängte Tika. »Geh mit ihm! Verstehst du nicht? Er hat gesagt, Sie ruft mich. Es ist die Stimme seiner Schwester! Er kann hören, wie sie ihn ruft. Darum ist er durchgedreht.«

»Ja...«, sagte Caramon benommen und starrte weiter in den Korridor. Er hörte die Drakonier die Wendeltreppe hinunterrennen, Rüstungen klappern und Schwerter an den Felswänden entlangkratzen. Ihnen blieben nur noch Sekunden.

»Komm...«

Tika griff Caramon am Arm. Sie grub ihre Nägel tief in sein Fleisch, so daß er sie ansehen mußte, ihre roten Locken leuchteten wie eine Flamme im flackernden Fackelschein.

»Nein!« sagte sie mit fester Stimme. »Sie werden ihn sicher einfangen, und das wird das Ende sein! Ich habe einen Plan. Wir müssen uns aufteilen. Tolpan und ich werden sie zurückhalten. Wir verschaffen dir einen Vorsprung. Es wird alles gut, Caramon«, bestand sie hartnäckig, als sie sein Kopfschütteln sah.

»Es gibt noch einen anderen Korridor, der nach Osten führt. Ich habe ihn gesehen, als wir hierher gebracht wurden. Sie werden uns dorthin verfolgen. Jetzt beeil dich, bevor sie dich sehen!«

Caramon zögerte, sein Gesicht verzerrte sich vor Qual.

»Das ist das Ende, Caramon!« sagte Tika. »Zum Guten oder zum Bösen. Du mußt mit ihm gehen! Du mußt ihm helfen, zu ihr zu kommen! Beeil dich, Caramon! Du bist der einzige, der stark genug ist, um ihn zu beschützen. Er braucht dich!«Tika schob den großen Mann nach vorn. Caramon machte einen Schritt, dann drehte er sich zu ihr um.

»Tika...«, begann er, versuchte, einen Einwand gegen diesen verrückten Plan zu finden. Aber bevor er weiterreden konnte, küßte Tika ihn schnell, nahm das Schwert eines toten Drakoniers und rannte aus der Gefängniszelle.