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Wir spielten schweigend. Ich gewann das erste Spiel, ließ ihn das nächste gewinnen und verlor die weiteren fünf glatt. »Du bist so gut wie dein Vater, vielleicht sogar besser«, sagte ich nach dem letzten verlorenen Spiel. »Ich habe ihn zwar manchmal geschlagen, glaube aber, dass er mich hat gewinnen lassen.« Und nach einer kurzen Pause: »Dein Vater und ich sind von derselben Amme gestillt worden.«

»Ich weiß.«

»Was… was hat er dir sonst noch alles über uns erzählt?«

»Dass Sie der beste Freund waren, den er je hatte«, antwortete er.

Ich zupfte und nestelte am Karobuben in meiner Hand. »Ich fürchte, ich war ihm kein besonders guter Freund«, entgegnete ich. »Ich würde aber gern dein Freund sein, und ich glaube, dass ich dir ein guter Freund wäre. Einverstanden? Würde dir das gefallen?« Ich legte vorsichtig meine Hand auf seinen Arm, doch er zuckte zurück. Er ließ die Karten fallen, stand auf und wich zum Fenster aus. Über Peshawar ging die Sonne unter und malte rote und violette Streifen an den Himmel. Von der Straße tönten Autohupen, Eselsschreie und die Trillerpfeife eines Polizisten. Suhrab stand im roten Abendsonnenschein, die Stirn ans Glas gepresst und die Fäuste unter die Arme gesteckt.

Aisha hatte einen Assistenten, der mir noch an diesem Abend dabei half, die ersten Schritte zu gehen. Ich schleppte mich ein einziges Mal durchs Zimmer und zurück, wobei ich mit der einen Hand den rollenden Infusionsständer gepackt hielt und mit der anderen den Unterarm des Assistenten. Für diesen kurzen Ausflug brauchte ich zehn Minuten; danach tat mir wieder alles weh, und mein Körper war schweißgebadet. Keuchend ließ ich mich aufs Bett fallen und spürte das Herz in den Ohren pochen. Ich dachte an meine Frau und daran, wie sehr sie mir fehlte.

Am nächsten Tag spielten Suhrab und ich fast ununterbrochen panjpar, wiederum schweigend. So auch am übernächsten Tag. Wir wechselten kaum ein Wort, spielten einfach nur panjpar, ich aufgerichtet im Bett, er auf dem dreibeinigen Hocker sitzend. Aus der Hand legten wir die Karten nur, wenn ich meine mühsamen Gehversuche im Zimmer fortsetzen oder die Toilette am Ende des Ganges aufsuchen musste. In der folgenden Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte, dass Assef in der Tür zu meinem Krankenzimmer stand, immer noch mit der Messingkugel in der Augenhöhle. »Wir sind uns gleich, du und ich«, sagte er. »Du hast zwar mit ihm an einer Brust gelegen, bist aber in Wirklichkeit mein Zwilling.«

Am Morgen verlangte ich von Armand, entlassen zu werden.

»Dazu ist es noch zu früh«, protestierte Armand. Statt des Krankenhauskittels trug er heute einen marineblauen Anzug und eine gelbe Krawatte. Das Haar war frisch gegelt. »Sie müssen noch intravenös mit Antibiotika versorgt werden…«

»Ich muss hier weg«, fiel ich ihm ins Wort. »Ich bin Ihnen und dem ganzen Personal sehr dankbar, wirklich. Aber ich muss jetzt hier weg.«

»Wohin wollen Sie?«, fragte Armand.

»Darauf möchte ich lieber nicht antworten.«

»Sie können sich doch kaum auf den Beinen halten.«

»Ich schaff’s schon durch den ganzen Flur und zurück«, erwiderte ich. »Ich komme klar.« Mein Plan war folgender: Das Krankenhaus verlassen. Aus dem Schließfach der Bank Geld holen und meine Krankenhausrechnung begleichen. Zum Waisenhaus fahren und Suhrab bei John und Betty Caldwell absetzen. Dann nach Islamabad reisen, noch ein paar Tage ausruhen. Und nach Hause fliegen.

Das hatte ich vor. Bis Farid und Suhrab an diesem Morgen kamen. »Deine Freunde, dieser John Caldwell und seine Frau, sind gar nicht in Peshawar«, sagte Farid.

Ich hatte zehn Minuten gebraucht, nur um in meinen pirhan-tumban zu schlüpfen. Die noch wunde Stelle auf der Brust, in der das Plastikrohr gesteckt hatte, schmerzte höllisch, als ich den Arm hob, und der Magen schnürte sich mir zusammen, sooft ich mich nach vorn beugte. Mei ne wenigen Sachen einzupacken war so anstrengend, dass ich in Atemnot geriet. Ich hatte es dann schließlich doch geschafft und saß auf der Bettkante, als Farid mit der Nachricht herausrückte. Suhrab saß neben mir auf dem Bett. »Wo sind sie hin?«, fragte ich. Farid schüttelte den Kopf. »Verstehst du nicht…«

»Rahim Khan hat doch gesagt…«

»Ich war im US-Konsulat«, berichtete Farid und nahm die braune Papiertüte, in die ich meine Sachen gesteckt hatte. »In Peshawar sind nie ein John und eine Betty Caldwell gemeldet gewesen. Laut Auskunft der Leute im Konsulat existieren die beiden überhaupt nicht. Jedenfalls nicht hier in Peshawar.«

Neben mir blätterte Suhrab in der alten NationalGeographic-Ausgabe.

Wir holten das Geld von der Bank. Der Manager, ein dickbäuchiger Mann mit Schwitzflecken unter den Achseln, lächelte ununterbrochen und versicherte mir, dass niemand in der Bank das Geld angerührt habe. »Absolut niemand«, bekräftigte er und fuchtelte genau wie Armand mit dem Zeigefinger in der Luft herum.

Mit so viel Geld in einer Papiertüte durch Peshawar zu fahren war eine ziemlich beängstigende Vorstellung. Außerdem würde ich in jedem bärtigen Mann, der mich zufällig anstarrte, einen von Assef auf mich angesetzten Killer sehen. Ich hätte wahrhaftig viele zu beargwöhnen gehabt, denn es gibt jede Menge bärtige Männer in Peshawar, und alle starren.

»Was machen wir mit ihm?«, fragte Farid, als er mich langsam von der Krankenhauspforte zum Auto führte. Suhrab hockte bereits im Fond des Landcruisers und stierte, das Kinn in die Hand gelegt, durch das herunter gekurbelte Fenster auf den Verkehr.

»In Peshawar kann er jedenfalls nicht bleiben«, antwortete ich keuchend.

»Nay, Amir Aga, das kann er nicht«, bestätigte Farid. Er ahnte, was ich gern gefragt hätte. »Tut mir Leid. Ich wünschte, ich…«

»Schon gut, Farid.« Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Du hast schon genug Mäuler zu füttern.« Neben dem Wagen stand ein Hund auf den Hinterbeinen; er stützte sich mit den Pfoten an der Tür ab und wedelte, von Suhrab gestreichelt, mit dem Schwanz. »Er wird wohl fürs Erste mit mir nach Islamabad kommen müssen«, sagte ich.

Ich schlief fast während der gesamten vierstündigen Fahrt nach Islamabad und träumte eine Menge. In Erinnerung geblieben ist mir nur ein Sammelsurium von Bildern, Ausschnitte von visuellen Eindrücken, die mir wie die Karten einer Rollkartei durch den Kopf flatterten: Baba, wie er für meine dreizehnte Geburtstagsfeier Lammfleisch mariniert. Soraya und ich am Morgen nach der Hochzeitsnacht, die Musik vom Vorabend noch in den Ohren und ihre mit Henna bemalten Hände mit meinen verschränkt. Mit Baba und Hassan auf einem Erdbeerfeld bei Jalalabad — der Besitzer hatte uns erlaubt, so viele Erdbeeren zu essen, wie wir mochten, vorausgesetzt, dass wir mindestens vier Kilo kaufen würden –und wie wir uns am Ende vor Magenschmerzen krümmten. Wie dunkel, fast schwarz Hassans Blut ausgesehen hatte, das aus seinem Hosenboden in den Schnee getropft war. Blut ist dicker als Wasser, bachem. Khala Jamila, die Sorayas Knie tätschelte und sagte: Weiß Gott, vielleicht sollte es einfach nicht sein. Die Nacht auf dem Dach unseres Hauses, als Baba davon sprach, dass es nur eine einzige Sünde gebe, nämlich die des Diebstahls. Wenn du eine Lüge erzählst, stiehlst du einem anderen das Recht auf Wahrheit. Rahim Khan am Telefon mit dem Trost, dass Wiedergutmachung möglich sei.

24

Hatte mich Peshawar an die Stadt erinnert, die Kabul einmal gewesen war, so sah ich in Islamabad die Stadt, die Kabul vielleicht einmal würde sein können. Die Straßen waren breiter als in Peshawar, sauberer, von Hibiskussträuchern und Flammenbäumen gesäumt. Die Basare machten einen sehr viel besser organisierten Eindruck; das Gedränge von Rikschas und Fußgängern war hier längst nicht so groß. Eleganter, moderner war auch die Architektur, und ich sah Parkanlagen, wo im Schatten dichter Bäume Rosen und Jasmin blühten.