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»Rada, wie kann ich Tel einholen?«

»Also wirklich! Wozu brauchst du diese Rotznase?«

In ihren Worten schwang keine Eifersucht mit - Rada empfand für Viktor sicher kaum etwas anderes als eine gewisse

»Du hast keine Ahnung, was wir hier für Mädchen haben! Komm heute Abend her, dann siehst du es mit eigenen Augen. Wenn du eine Schwäche für Jüngere hast, wird sich schon eine finden. Und manchmal kommen auch Elfenfrauen aus dem Lager vorbei, die von der freizügigeren Sorte. Wer weiß, am Ende gefällst du ihnen.«

Radas Moralvorstellungen waren offenbar schlicht und schnörkellos ... In der festen Überzeugung, dass sie Viktor nun zum Nachdenken gebracht hatte, erhob sie sich und legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. »Und weißt du was ... nimm dieses Schwert. Ich kann es ja nicht mal mehr ansehen, ohne mich zu ärgern. Aber für einen Neuling wie dich ist es genau richtig, es ist leicht und wird in deinen Händen von selbst zum Leben erwachen. Gib mir einen Silberling dafür, umsonst kann ich es einfach nicht hergeben.«

»Was soll ich damit anfangen?«

»Such dir einen Lehrer, aber einen guten, einen, der Ahnung von seinem Handwerk hat, sonst machen sie dich mit deinem eigenen Schwert kalt. Ein paar Wochen Training, und du kannst dich wenigstens gegen einen dahergelaufenen Banditen zur Wehr setzen. Und viel mehr ist bei dir sowieso nicht drin ... du hast nicht die Statur. Nimm das Schwert, Doktor, ehe ich es mir anders überlege!«

»Danke.« Viktor legte drei silberne Münzen auf den Tisch. Er zögerte, dann legte er noch zwei goldene dazu. »Wie kann ich Tel einholen?«

»Puh!« Rada schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du liebst sie. Aber ich sehe doch, dass du das nicht tust. Steck

»Wie spät ist es jetzt?«

Rada schüttelte den Arm, und unter dem Ärmel ihres Kleides wurde eine kleine goldene Uhr sichtbar.

»Es ist Viertel vor zehn. Du hast noch zwei Stunden Zeit, Doktor.«

»Danke!«, rief Viktor ihr hinterher. Auf seiner Uhr war es genauso spät. Düster blickte er auf seinen Teller, auf dem die Forelle kalt wurde.

Wollte er Tel wirklich einholen? Doch nicht, um nach Hause zurückkehren zu können ... sie war ja sicher nicht die Einzige, die in der Lage war, ihm dabei zu helfen. Vielleicht, weil eine Frage ihm einfach keine Ruhe ließ, nämlich die, wer er für diese Welt hier eigentlich war. Was ihn so wichtig machte, dass Tel ihn auf der Anderen Seite abgeholt hatte. Wer sie am Übergang hatte hindern wollen.

Eine Gruppe Neuankömmlinge betrat das Restaurant, stand einen Augenblick an der Tür und setzte sich dann leise an den Nachbartisch. Viktor stocherte mit der Gabel im Fisch herum, entweder in der Hoffnung, seinen Appetit anzuregen, oder dem Gericht zumindest das Aussehen zu geben, als ob davon gegessen worden sei. Es war ihm peinlich, eine derart angepriesene Speise unberührt auf dem Tisch stehen zu lassen. Dann blickte er über die Schulter zu den neuen Nachbarn.

Sie waren zu fünft.

Vier junge Männer, der jüngste war noch ein Bürschchen von etwa dreizehn Jahren, der älteste ungefähr fünfundzwanzig. Alle trugen sie Reisekleidung, eine Waffe im Gürtel - Schwerter und Dolche, sogar das Bürschchen. Sie sahen sich sehr ähnlich - vermutlich waren es Brüder.

Und der fünfte war zweifellos ihr Vater. Er war mit einem kurzen Kettenhemd bekleidet und trug anstatt eines Schwertes einen Morgenstern am Gürtel.

Es war jener Räuber, jener Mann, den Viktor in der Nacht zuvor so unüberlegt verschont hatte.

Als die Ratsversammlung vorüber war, fühlte sich Ritor vollkommen entkräftet, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, weshalb. Genaugenommen war es nicht so furchtbar anstrengend gewesen, sie hatten seinen Ausführungen zwar nicht sofort zugestimmt, aber doch ziemlich bald. Bei den älteren und erfahrenen Magiern hatte der Verstand schnell Oberhand über die Gefühle gewonnen.

Ein blutiges Gemetzel würde es nicht geben. Der Clan der Luft würde sich nicht auf eine derartig plumpe Provokation einlassen. Die Rechnung würde später beglichen werden, viel später, wenn das Pflänzchen der Rache aufgegangen war und Knospen getrieben hatte. Aber so lange ... so lange würden sie sich um das Wesentlichste kümmern: den Drachentöter ausfindig zu machen.

Keiner von ihnen zweifelte daran, dass Torn in dieser Hinsicht die Wahrheit gesagt hatte. Für den Anführer des Wasserclans hätte es schließlich keinen Sinn gemacht, diese ganze Geschichte anzuzetteln, wenn er nicht tatsächlich den Drachentöter gerufen hatte. Schließlich war das sehr viel einfacher, als auf die Ankunft des Drachen zu warten.

Torn hat alles richtig berechnet, dachte Ritor. Die Ankunft des Drachen kann man nur auf eine einzige Weise abwenden, indem man dem Geflügelten Herrscher seinen Töter gegenüberstellt. Gut möglich, dass der schon über den Pfad gekommen war. Gut möglich, dass er schon hier war, in der Mittelwelt.

Ritor wusste auch, weshalb Torn keine Angst gehabt hatte, ihm das mitzuteilen. Es war fast ebenso schwierig, den Drachentöter zu töten wie den Drachen. Natürlich war es leichter, aber nur ... so lange, bis der Drachentöter die Initiationen erhielt. Bis dahin war er nur ein gewöhnlicher Sterblicher. Seine Kraft bahnte sich nur sporadisch einen Weg nach außen. Auch Torn war natürlich klar, dass Ritor nicht untätig dasitzen und zusehen würde, was geschah. Der Clan der Luft musste sich auf die Jagd machen. Es war auch gut möglich, dass Torn darauf zählte, sie bei dieser Jagd abzufangen, sie überrumpeln wollte, indem er den Drachentöter als Köder benutzte. Einmal war ihm das schon gelungen ... auf ihrer Seite waren es vier Tote - und was für welche! - und beim Wasserclan im besten Fall ein Verletzter. Ein schlechter Tausch für den Clan der Luft.

Ritor schlug mit der Faust auf die Armlehne. Er saß in seinem Arbeitszimmer neben dem geöffneten Fenster; sein Gehör war - wie immer in den Minuten angespannten Nachdenkens - aufs Äußerste geschärft und fing das alarmierte Flüstern der Schüler im breiten Schulkorridor eine Etage tiefer auf; auch das undeutliche Murmeln der auf dem Platz vor der Schule versammelten Menge vernahm es - sie waren ebenfalls nicht auseinandergegangen, auch nicht nach der Verkündigung des Ratsbeschlusses; der Wind,

Wenn er doch genauso leicht Torns Gedanken ... oder denen des zukünftigen Drachentöters lauschen könnte ...

Nach und nach verdüsterte sich Ritors Gesicht. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sah er keinen vernünftigen Ausweg. Außer dem einen, dem letzten, der noch übrig war: zu echtem Zauber Zuflucht zu nehmen. Eine Möglichkeit, die jeder Zauberer sich für den äußersten Notfall aufsparte. Nein, denn es gab nichts Leichteres, als einen Magier anhand der von ihm vollbrachten Beschwörungen einzuschätzen. Ach, wenn er doch auf der Hut gewesen wäre, als Torn und die Magier des Wassers den Drachentöter gerufen hatten! Dann wären alle am Leben geblieben, und er müsste sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen, wen er anstelle der Klatt-Brüder zum Auskundschaften aussenden könnte ...

Aber jetzt war nichts mehr daran zu ändern. Er würde die ganze leicht eingerostete Beobachtungs-, Vorhersageund Aufklärungsmaschinerie in Gang setzen müssen, deren Netz sich weitläufig über die gewaltige, viele Hundert Meilen umfassende Ebene erstreckte, über die Lehensbesitzungen und die abgabenpflichtigen Ländereien der anderen Clans und auch ihres eigenen ... Der Mensch, vermutlich von der Anderen Seite, konnte überall auftauchen. Er konnte sogar schon gestorben sein, etwa, wenn es ihn an die Graue Grenze verschlagen hatte. Er konnte von Räubern umgebracht worden sein, solchen, die es auf strapazierfähige Schuhe oder eine haltbare Jacke abgesehen hatten. Oder er war im Duell mit irgendeinem fahrenden Elfen oder einem Hagestolz vom Clan der Panther umgekommen; es war bekannt,