»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Du hast noch Fieber. Ich werde niemals krank, das weißt du. Aber« - sie sah zu ihm hoch und lächelte - »du kannst deinen Arm um mich legen, Krieger. Die Wärme unserer Körper wird uns beiden gut tun.« »Ist das ein königlicher Befehl?« flüsterte Flußwind. »So ist es«, sagte sie und lehnte sich zufrieden seufzend gegen seinen starken Körper. Sie sah zum sternenklaren Himmel hoch, versteifte sich dann und hielt beunruhigt den Atem an. »Was ist denn?« fragte Flußwind und sah hoch.
Die anderen im Boot hatten die Unterhaltung zwar nicht verstanden, aber sie hörten Goldmonds Keuchen und sahen ihre Augen auf irgend etwas im Nachthimmel gerichtet.
Caramon stieß seinen Bruder an und fragte: »Raist, was ist denn? Ich sehe überhaupt nichts!«
Raistlin erhob sich, warf seine Kapuze zurück und hustete. Als der Anfall vorüber war, untersuchte er den Nachthimmel. Dann wurde auch er steif, und seine Augen weiteten sich. Er streckte seine dünne, knochige Hand aus, umklammerte Tanis' Arm und hielt ihn fest umgriffen, als der Halb-Elf sich unwillkürlich dem knöchernen Griff des Magiers entziehen wollte. »Tanis...« Raistlin keuchte, er atmete kaum noch. »Die Konstellationen...« »Was?« Tanis war wirklich erschrocken über die Blässe der metallgoldenen Haut des Magiers und das fiebrige Glänzen in seinen seltsamen Augen. »Was ist mit den Konstellationen?« »Vorbei!« krächzte Raistlin und fiel in einen Hustenanfall zurück. Caramon legte seinen Arm um ihn, hielt ihn eng an sich gedrückt, fast als ob er versuchen wollte, den zerbrechlichen Körper seines Bruders zusammenzuhalten. Raistlin erholte sich, wischte mit seiner Hand über den Mund. Tanis sah, daß seine Finger von Blut dunkel gefärbt waren. Raistlin holte tief Luft, dann sprach er.
»Die eine Konstellation ist bekannt als die Königin der Finsternis und die andere als der tapfere Krieger. Beide sind jetzt verschwunden. Sie ist nach Krynn gekommen, Tanis, und er auch, um sie zu bekämpfen. All die schrecklichen Gerüchte, die wir gehört haben, haben sich bewahrheitet. Krieg, Tod, Zerstörung ...« Seine Stimme erstarb in einem weiteren Hustenanfall.
Caramon hielt ihn fest. »Raist«, sagte er besänftigend. »Laß dich nicht so aufwühlen. Es ist nur ein Sternenhaufen.« »Nur ein Sternenhaufen«, wiederholte Tanis ausdruckslos. Sturm nahm das Rudern wieder auf und steuerte schnell auf das gegenüberliegende Ufer zu.
7
Nachts in einer Höhle. Meinungsverschiedenheiten. Tanis entscheidet
Ein eisiger Wind blies über den See. Sturmwolken rollten aus dem Norden und radierten die klaffenden schwarzen Löcher im Himmel aus. Die Gefährten kauerten sich im Boot zusammen und zogen ihre Umhänge dichter an sich, als der Regen niederprasselte. Caramon half Sturm beim Rudern. Der Kämpfer versuchte, mit dem Ritter zu sprechen, aber Sturm ignorierte ihn. In grimmigem Schweigen ruderte er weiter und murmelte nur gelegentlich etwas auf solamnisch.
»Sturm! Dort - zwischen den großen Steinen auf der linken Seite!« rief Tanis aus.
Sturm und Caramon ruderten angestrengt. Bei dem Regen war es schwierig, die Grenzsteine auszumachen, und einen Moment lang schien es, als hätten sie in der Dunkelheit die Orientierung verloren. Dann tauchten die Steine schemenhaft vor ihnen auf. Sturm und Caramon manövrierten das Boot ans Ufer. Tanis sprang hinaus und zog es auf den Strand. Sintflutartige Regenfälle prasselten nieder. Die Gefährten kletterten naß und frierend aus dem Boot. Sie mußten den Zwerg herausziehen Flint war vor Angst steif wie ein toter Goblin. Flußwind und Caramon versteckten das Boot im dichten Ufergebüsch. Tanis führte die anderen einen steinigen Pfad hinauf zu einer schmalen Öffnung in der Felswand. Goldmond sah unschlüssig auf die Öffnung. Sie schien nicht mehr zu sein als ein riesiger Spalt. Im Innern jedoch war die Höhle groß genug, so daß sich alle bequem ausstrecken konnten. »Nettes Heim«, Tolpan sah sich um. »Nicht viele Möbel hier.« Tolpan lächelte den Halb-Elf an. Es war gut, den alten Tanis zu sehen. Er hatte seinen Freund als ungewöhnlich launisch und unschlüssig erlebt, nicht als den starken Führer, an den er sich aus alten Tagen erinnerte. Jedoch nun, da sie wieder unterwegs waren, war der Glanz in die Augen des Halb-Elfen zurückgekehrt. Er hatte seine brütende Schale verlassen und wieder die Führung übernommen, war wieder in seine gewohnte Rolle geschlüpft. Er brauchte dieses Abenteuer, um sich von seinen Problemen abzulenken - was immer das für welche waren. Der Kender, der niemals Tanis' inneren Aufruhr verstanden hatte, war über dieses zufällige Abenteuer glücklich.
Caramon trug seinen Bruder aus dem Boot und legte ihn so sanft wie möglich auf den weichen, warmen Sand, der den Boden der Höhle bedeckte, während Flußwind ein Feuer machte. Dann verdeckte der Barbar den Höhleneingang mit Gestrüpp, um den Schein des Feuers zu verbergen und den Regen fernzuhalten. Er fügt sich gut ein, dachte Tanis, als er den Barbar bei seiner Arbeit beobachtete. Er könnte fast einer von uns sein. Seufzend wandte der Halb-Elf seine Aufmerksamkeit Raistlin zu. Besorgt betrachtete er den jungen Magier. Raistlins blasses Gesicht, in dem sich das flackernde Feuer spiegelte, erinnerte den Halb-Elfen an die Zeit, als er, Flint und Caramon Raistlin gerade noch von einem bösartigen Mob befreien konnten, der den Magier auf einem Scheiterhaufen verbrennen wollte. Raistlin hatte versucht, einen Kleriker-Pfuscher zu entlarven, der die Dorfbewohner um ihr Geld betrog. Doch statt sich auf den Kleriker zu stürzen, hatten sich die Dorfbewohner auf Raistlin gestürzt. So wie Tanis zu Flint gesagt hatte - die Leute wollten an irgend etwas glauben.
Caramon kümmerte sich um seinen Bruder, legte seinen dicken Umhang um seine Schultern. Raistlins Körper wurde von Hustenanfällen geschüttelt, und Blut tröpfelte aus seinem Mund. Seine Augen glänzten fiebrig. Goldmond kniete neben ihm nieder, mit einem Becher Wein in der Hand.
»Kannst du das trinken?« fragte sie ihn leise.
Raistlin schüttelte den Kopf, versuchte zu sprechen, hustete und schob ihre Hand weg. Goldmond sah zu Tanis hoch. »Vielleicht - mein Stab?« fragte sie. »Nein«, röchelte Raistlin. Er bedeutete Tanis, näher zu kommen. Selbst als Tanis neben ihm saß, konnte er kaum die Worte des Magiers verstehen; seine Sätze wurden von Keuchen und Hustenanfällen unterbrochen. »Der Stab wird mich nicht heilen, Tanis«, flüsterte er. »Verschwende seine Kraft nicht für mich. Wenn es ein gesegneter Gegenstand ist... ist seine heilige Macht begrenzt. Mein Körper war der Preis... für meine Magie. Dieser Schaden ist unwiderruflich. Nichts kann helfen...« Seine Stimme erstarb, er schloß die Augen.
Das Feuer flackerte plötzlich auf, als Wind in die Höhle zog. Tanis sah auf: Sturm zog den Busch beiseite und betrat die Höhle. Er stützte Flint, der auf unsicheren Füßen hereinstolperte. Sturm setzte ihn neben dem Feuer ab. Beide waren völlig durchnäßt. Sturm war in bezug auf den Zwerg mit seiner Geduld völlig am Ende und, wie Tanis schien, mit der ganzen Gruppe. Tanis beobachtete ihn besorgt. Er erkannte die Zeichen einer tiefen Depression, die den Ritter manchmal überwältigte. Sturm liebte das Ordentliche, das Disziplinierte. Das Verschwinden der Sterne - die Störung der natürlichen Ordnung der Dinge – hatte ihn schwer getroffen. Tolpan legte eine Decke über den Zwerg, der auf dem Höhlenboden niederkauerte; seine Zähne klapperten so sehr, daß sein Helm rappelte. »Sch-sch-schiff...« konnte er nur noch sagen. Tolpan goß ihm einen Becher Wein ein, den der Zwerg gierig leerte.
Sturm sah Flint voller Abscheu zu. »Ich übernehme die erste Wache«, sagte er und ging wieder zum Höhleneingang.
Flußwind erhob sich. »Ich werde dich begleiten«, sagte er schroff.
Sturm runzelte die Stirn, dann drehte er sich langsam zu dem Barbar um. Tanis konnte das Gesicht des Ritters erkennen, im Schein des Feuers war es wie ein Relief geschnitten, dunkle Linien gruben sich um den harten Mund. Obwohl der Ritter kleiner war, ließen sein edles Auftreten und seine Standfestigkeit ihn dem Barbar ebenbürtig erscheinen.