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Ich winkte zurück und wandte mich dem Inneren des Hauses zu, um den Frauen zu sagen, dass es in der Tat eine Beerdigung geben würde.

Am nächsten Morgen stiegen wir den gewundenen Pfad zu dem kleinen Friedhof hinauf. Die beiden alten Damen, die einander so merkwürdige Gefährtinnen im Tode waren, lagen Seite an Seite in ihren Särgen auf einem Schlitten, der von Clarence und von einer kleinen schwarzen Maultierstute namens Puddin’ gezogen wurde, die einer von Amys Schwägerinnen gehörte.

Wir trugen keinen Sonntagsstaat; niemand hatte mehr einen Sonntagsstaat, mit Ausnahme von Amy McCallum Higgins, die als Zeichen des Respekts ihr spitzenbesetztes Halstuch angelegt hatte. Doch wir waren weitgehend sauber, und die Erwachsenen sahen nüchtern aus und wachsam. Sehr wachsam.

»Welche von ihnen wird die neue Wächterin, Mama?«, fragte Aidan seine Mutter und warf einen Blick auf die beiden Särge, während der Schlitten langsam vor uns bergauf ächzte. »Wer ist zuletzt gestorben?«

»Oh … ich weiß nicht, Aidan«, erwiderte Amy mit etwas verblüffter Miene. Sie starrte stirnrunzelnd auf die Särge, dann sah sie mich an. »Wisst Ihr es, Mrs Fraser?«

Diese Frage traf mich, als hätte mich jemand mit einem Kieselstein beworfen, und ich blinzelte mit den Augen. Natürlich wusste ich es, aber – mit einiger Anstrengung verkniff ich mir den Blick auf die Bäume, die den Pfad säumten. Ich hatte keine Ahnung, wo sich Arch Bug genau befand, doch er war in der Nähe, daran hatte ich keinen Zweifel. Und wenn er so nah war, dass er dieses Gespräch mit anhörte …

In den Highlands gab es den Aberglauben, dass der letzte Tote, der auf einem Friedhof beerdigt wurde, der Wächter wurde und die Seelen, die dort ruhten, gegen alles Böse verteidigen musste, bis jemand anders starb und an seine Stelle trat – woraufhin der bisherige Wächter entlassen wurde und in den Himmel fahren konnte. Ich glaubte nicht, dass Arch besonders glücklich über die Vorstellung sein würde, dass seine Frau auf der Erde gefangen war, um die Gräber von Presbyterianern und von Sündern wie Malva Christie zu hüten.

Bei dem Gedanken an Malva wurde mir ein wenig kalt ums Herz – schließlich war sie es, die dem Glauben nach die augenblickliche Hüterin des Friedhofs war. »Dem Glauben nach«, weil seit ihrem Tod zwar noch mehr Menschen in Fraser’s Ridge gestorben waren, doch sie war die Letzte, die tatsächlich auf dem Friedhof beerdigt worden war. Ihr Bruder Allan lag in der Nähe, ein Stückchen weiter im Wald in einem geheimen, anonymen Grab; ich wusste nicht, ob das auch zählte. Und ihr Vater …

Ich hustete in meine Faust, räusperte mich und sagte: »Oh, Mrs MacLeod. Sie war tot, als wir mit Mrs Bug zurückgekommen sind.« Was streng genommen die Wahrheit war; die Tatsache, dass sie schon tot gewesen war, als ich die Hütte verließ, schien mir nicht hierhinzugehören.

Ich hatte Amy angesehen, während ich redete. Ich wandte den Kopf zurück auf den Pfad, und da stand er, direkt vor mir. Arch Bug in seinem schwarzbraunen Umhang; den weißhaarigen Kopf entblößt und gesenkt, folgte er dem Schlitten durch den Schnee, langsam wie ein Rabe am Boden. Ein schwacher Schauder durchlief die Trauernden, und Amy schlug mit großen Augen die Hände vor ihren Kugelbauch, weil sie fürchtete, sein Anblick könnte ihrem Kind schaden.

Er wandte den Kopf und sah mich an.

»Würdet Ihr etwas singen, Mrs Fraser?«, fragte er mit leiser, höflicher Stimme. »Ich möchte gern, dass sie so zu Grabe getragen wird, wie es Brauch ist.«

»Ich – ja, natürlich.« Völlig durcheinander, suchte ich nach etwas Passendem. Ich war absolut nicht imstande, ein richtiges Caithris zu verfassen, einen Totengesang – von den offiziellen Klagelauten eines echten, erstklassigen Highland-Begräbnisses ganz zu schweigen.

Ich beschied mich hastig mit einem gälischen Lied, das Roger mir beigebracht hatte, »Is e Dia fèin a’s buachaill dhomh«. Es war weniger ein Lied als vielmehr ein Versgesang, ein vertonter Psalm, der dazu gedacht war, von einem Priester vorgesungen und dann von der Gemeinde wiederholt zu werden. Doch es war ein einfacher Gesang, und während mir meine eigene Stimme auf dem Berghang dünn und schwach vorkam, fielen die anderen ringsum mit ein, und als wir den Friedhof erreichten, hatten wir es zu respektabler Inbrunst und Lautstärke gebracht.

Der Schlitten blieb am Rand der von Kiefern gesäumten Lichtung stehen. Ein paar Holzkreuze und Steinhügel lugten durch den halb geschmolzenen Schnee, und in der Mitte klafften die beiden frischen Gräber, schlammig und brutal. Ihr Anblick beendete den Gesang so abrupt wie ein Eimer kaltes Wasser.

Die Sonne schien blass und hell durch die Bäume, und ein Schwarm Kleiber saß plappernd im Geäst am Rand der Lichtung und verbreitete unpassende Fröhlichkeit. Jamie hatte die Maultiere geführt und sich bei Archs Erscheinen nicht umgesehen. Jetzt jedoch wandte er sich Arch zu. Mit einer kleinen Geste in Richtung des ihm am nächsten stehenden Sarges fragte er leise: »Möchtet Ihr Eure Frau noch einmal sehen?«

Erst als Arch daraufhin nickte und neben den Schlitten trat, begriff ich, dass die Männer zwar Mrs MacLeods Sargdeckel festgenagelt hatten, Mrs Bugs aber nur lose aufgelegt hatten. Bobby und Ian nahmen ihn ab, die Blicke zu Boden gerichtet.

Als Zeichen der Trauer hatte sich Arch das Haar losgebunden; ich hatte es noch nie offen gesehen. Es war dünn und schlohweiß, und es umwehte sein Gesicht wie Rauchfäden, als er sich jetzt bückte und sanft das Leichentuch von Murdinas Gesicht hob.

Ich schluckte krampfhaft und bohrte die Fingerspitzen in meine Handflächen. Ich hatte den Pfeil herausgezogen – keine schöne Aufgabe – und ihr dann sorgfältig eine saubere Bandage um den Hals gewickelt, bevor ich ihr das Haar gekämmt hatte. Sie sah friedlich aus, wenn auch schrecklich ungewohnt; ich glaubte nicht, dass ich sie je ohne ihre Haube gesehen hatte, und der Verband um ihren kräftigen Hals verlieh ihr die strenge, förmliche Ausstrahlung eines Presbyterianerpredigers. Ich merkte, wie Arch etwas zusammenzuckte und sich seine Kehle bewegte. Er brachte sein Gesicht sofort wieder unter Kontrolle, doch ich sah die Furchen, die von seiner Nase zu seinem Kinn liefen wie Rinnen in feuchtem Lehm, und die Art, wie er wieder und wieder die Hände öffnete und schloss, als versuchte er, etwas zu fassen zu bekommen, das nicht da war.

Er starrte einen langen Moment in den Sarg, dann griff er in seinen Sporran und zog etwas hervor. Als er seinen Umhang zurückschlug, sah ich, dass sein Gürtel leer war; er war ohne Waffen gekommen.

Der Gegenstand in seiner Hand war klein und glitzerte. Er beugte sich nieder und versuchte, ihn an das Leichentuch zu heften, doch wegen seiner fehlenden Finger konnte er es nicht. Er tastete ungeschickt daran herum, murmelte etwas auf Gälisch vor sich hin, dann zuckte sein Blick zu mir, und in seinen Augen schimmerte fast Panik. Ich trat auf der Stelle zu ihm und nahm ihm den Gegenstand ab.

Es war eine Brosche, klein und wunderhübsch, in Form einer fliegenden Schwalbe. Sie war aus Gold und sah völlig neu aus. Ich nahm sie ihm ab, schlug das Leichentuch zurück und heftete sie Mrs Bug an das Halstuch. Ich hatte die Brosche noch nie gesehen, weder an Mrs Bug noch unter ihren Besitztümern, und mir kam der Gedanke, dass Arch sie wahrscheinlich aus dem Gold hatte anfertigen lassen, das er Jocasta Cameron gestohlen hatte – vielleicht, als er damit begann, die Barren einzeln an sich zu nehmen, vielleicht später. Ein Versprechen an seine Frau – dass ihre Jahre des Mangels und der Abhängigkeit vorüber waren. Nun – das waren sie in der Tat. Ich sah Arch an, und als er nickte, zog ich seiner Frau das Leichentuch sanft über das kalte Gesicht.