Ganz allmählich, etappenweise, Stück für Stück.
Es war dunkel hier drinnen. Stickig. Und es roch penetrant nach Dieselöl. Veronika von Oertzen, genannt Vroni, kauerte auf ihrem Sitz und fragte sich, wie viel Zeit seit dem Abtransport aus dem Gefängnis verstrichen war. 20 Minuten, das Doppelte oder mehr? Sie konnte es beim besten Willen nicht sagen. Das Zeitgefühl war ihr komplett abhandengekommen. Und mit ihm jeglicher Orientierungssinn.
Dies allerdings war nur eine Seite des Problems. Die andere, weitaus beunruhigender, bestand darin, dass sie nicht wusste, was man mit ihr vorhatte. Seit jeher war Ungewissheit ein Gräuel für sie gewesen, schlimmer als alles, was sie im letzten halben Jahr mitgemacht hatte.
Die Ehe am Ende, keine Aussicht auf Arbeit und ohne Chance, in den Westen zu gelangen. Und dann, vor drei Tagen, auch noch ihre Verhaftung. Begründung: Verdacht auf Republikflucht. Schließlich handle es sich, so der Verhöroffizier, bei ihr um die Frau – oder vielmehr Ex-Frau – eines Hauptmanns der DDR-Volkspolizei. Gerade auf solche Leute müsse man ein wachsames Auge haben. Der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden werde nun einmal von Feinden bedroht. Dies müsse man in Betracht ziehen. Wer weiß, vielleicht sei sie sogar von der CIA eingeschleust worden. Genau wissen könne man das ja nie.
Es war nicht der erste Seufzer an diesem Tag, den die 23-jährige Westberlinerin ausstieß. Aber es war der qualvollste. Alles, aber auch alles würde sie ertragen können. Nur nicht die Ungewissheit, der sie ausgesetzt war, die Furcht vor dem, was ihr bevorstehen würde.
Da! Ein Geräusch von außen, vermutlich der Hebel, mit dem die Schiebetür verriegelt worden war. Veronika hielt den Atem an. Gleich würde die Tür aufgehen. Dann hatte die Ungewissheit ein Ende.
Endlich.
Das Erste, was sie sah, war Licht. Gleißendes, das Innere des Transporters erhellendes Licht.
Scheinwerferlicht.
»Na los, Bewegung, oder brauchst du eine Extraeinladung?«
Die Handschellen, welche ihr Blut beinahe am Zirkulieren hinderten, vor dem Gesicht, erhob sich Veronika von ihrer Bank. Draußen, irgendwo unter freiem Himmel, wartete ein Mann mittleren Alters auf sie. Sie hatte ihn nie zuvor zu Gesicht bekommen, weder ihn noch den Uniformierten, der jede ihrer Bewegungen beobachtete.
Was nun geschah, durchlebte Veronika wie einen Traum. Kaum im Freien, nahmen sie der Beamte in Zivil, allem Anschein nach Stasi-Offizier, und der Uniformierte, Angehöriger der DDR-Grenztruppen, in ihre Mitte. Die junge Frau, immer noch wie betäubt, wusste nicht, wie ihr geschah, geblendet vom Scheinwerferlicht, welches den Kontrollpunkt, auf den sie und ihre Bewacher zusteuerten, taghell erleuchtete. Das Licht war so grell, dass es ihr schwerfiel, die Augen zu öffnen, doch dann, nach etwa 100 Metern, begann sie zu begreifen.
Nur einen Steinwurf weit entfernt befand sich ein Schlagbaum, umlagert von Wachtposten, die sie mit ausdrucksloser Miene musterten. Rechts und links davon verlief eine mehr als übermannshohe, von Panzersperren, Betonklötzen und Sperrzäunen flankierte Mauer.
Die Mauer.
Und dazwischen immer wieder Stacheldraht, meterweise, tonnenweise, kilometerweise. Wie eine Schlinge, die dazu bestimmt war, Berlin die Luft abzuschneiden.
Und dann, zu ihrer Überraschung, geschah es. Der Schlagbaum öffnete sich.
Allmählich, die Sandkrugbrücke vor Augen, welche den Spandauer Kanal überspannte, begann Veronika zu begreifen. Da drüben, jenseits der Brücke, wartete die Freiheit. Direkt vor ihren Augen, zum Greifen nah.
»Moment, die Dame. So schnell schießen die Preußen nicht.«
Auf einmal war sie also wieder ›die Dame‹. Merkwürdig. Bei den Verhören im Gefängnis hatte sich das alles ganz anders angehört. Da hatte man sie geduzt, beschimpft, bedroht, ihr alles Mögliche an den Kopf geworfen. Einmal war sie sogar geschlagen worden. Das war gestern gewesen, am Ende eines mehrstündigen Kreuzverhörs, als einer der beiden Offiziere die Geduld verloren hatte.
Heute dagegen wehte ein anderer Wind. Begonnen hatte es vor gut einer Stunde, als eine Wärterin aufgetaucht war, um ihr das Kleid, das sie bei ihrer Einlieferung gegen Häftlingskleidung eintauschen musste, zurückzugeben. Und geendet hatte es, indem man sie in den B 1000 gepfercht und hierher transportiert hatte. Kommentarlos, ohne Angabe von Gründen.
Die attraktive, aufgrund der letzten drei Tage jedoch blass, übernächtigt und angespannt wirkende Frau sah ihre Begleiter aus dem Augenwinkel an. Aus ihren Gesichtern, stur geradeaus gerichtet, ließ sich jedoch nichts herauslesen. Irgendetwas auf der anderen Seite der Brücke schien ihre Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Veronika von Oertzen kniff die Augen zusammen, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Am Westufer standen mehrere Personen, und es schien, als seien sie nicht zufällig hier.
Da drüben tat sich etwas, so viel stand fest. Oder war das alles nur eine Finte, ein Trick, um sie weich zu klopfen? In der Wahl ihrer Mittel war die Stasi nicht wählerisch, davon konnte sie ein Lied singen.
»Na, junge Dame, was sagen Sie jetzt?«, lästerte ihr Bewacher, ein unscheinbar wirkender Anzugträger mit schütterem Haar. »Großer Bahnhof da drüben. Und alles nur wegen Ihnen.«
»Wegen …«, begann Veronika, im Begriff, mit einer Gegenfrage zu antworten. Doch dann verstummte sie.
Auf der Westseite war eine dunkle Limousine aufgetaucht, hatte kurz aufgeblinkt und war am Brückenrand, laut Abmachung der Alliierten die Demarkationslinie zwischen Ost und West, zum Stehen gekommen. Kaum war dies geschehen, stiegen mehrere Männer aus, allen voran zwei Personen, welche sich nach kurzer Unterredung umdrehten, der Ostseite zuwandten und mit forschem Schritt auf die Brückenmitte zusteuerten. Dies alles geschah innerhalb weniger Sekunden, und bevor Vroni sich noch einen Reim darauf machen konnte, hatten die Männer das Ostufer bereits erreicht, hatten den Schlagbaum passiert und auf dem Rücksitz eines dunklen Lada Platz genommen, der mit quietschenden Reifen davonraste.
Und sie?
Die beiden waren kaum verschwunden, als sich Vronis Bewacher bei ihr einhakten und die junge Frau zur Brückenmitte eskortierten. Dort blieben sie plötzlich stehen, lockerten ihren Griff – und kehrten um.
Für den Bruchteil einer Sekunde blieb Sydows Stieftochter stehen, unsicher, das Erlebte zu begreifen. Dann richtete sie den Blick auf die Frau, die sich aus dem Pulk der Wartenden löste, die Hände vor den Mund schlug und ihr mit ausgebreiteten Armen entgegeneilte.
*
»Na, sind Sie jetzt zufrieden, Herr Kommissar?«, fragte der distinguierte ältere Herr, nachdem Sydow darauf bestanden hatte, seine Familie zum Wagen zu begleiten und die Abfahrt der beiden Frauen abzuwarten. »Ich würde sagen, jetzt sind Sie am Zug.«
»Sieht ganz danach aus«, antwortete Sydow und blickte seinem Aston Martin hinterher, dessen Rücklichter in der Dunkelheit verschwanden. Außer dem Agenten, dessen Namen er wohl nie erfahren würde, befand sich niemand in der Nähe, und es schien, als sei alles nur ein Spuk gewesen. »Meine Hochachtung, das haben Sie schlau eingefädelt.«
»Fragt sich, wer hier wen vor den eigenen Karren gespannt hat«, erwiderte der Grandseigneur, zündete sich einen Zigarillo an und entfernte sich aus dem Lichtkegel, den eine Laterne auf den menschenleeren Bürgersteig warf. »Sie oder ich.«
»Wenn Sie glauben, jetzt leichtes Spiel zu haben, haben Sie sich geschnitten.«
»Anstatt mir Absichten zu unterstellen, die ich nicht habe, sollten Sie mir wenigstens ein bisschen …«
»Dankbar? Ich Ihnen? Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst.«
»Doch, ist es!«, bekräftigte die Stimme des Mannes, dessen Silhouette nur noch schemenhaft zu erkennen war. »Eine Hand wäscht bekanntlich die andere.«