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Ravna warf den Kopf zurück und suchte den Himmel ab. Wo? Vielleicht jetzt nicht einmal überm Horizont. Von hier aus gesehen, war die Scheibe der Galaxis ein Glimmen, das fast senkrecht zur Ekliptik durch den Himmel aufstieg. Nichts deutete auf ihre wahre Gestalt oder die exakte Position des Planeten darin; das Gesamtbild trat hinter näherliegender Pracht zurück, hinter den hellen Knoten offener Sternhaufen, erstarrten Juwelen vor dem schwächer leuchtenden Hintergrund. Doch knapp überm Südhorizont standen zwei fleckige Lichtwolken. Die Magellanschen Wolken! Plötzlich rastete die Geometrie ein, und das Weltall da oben war nicht mehr gänzlich unbekannt. Die Aniara-Flotte müsste…

»Ich frage mich, ob wir den Straumli-Bereich von hier aus sehen können«, sagte Johanna. Länger als ein Jahr hatte sie die Erwachsene spielen müssen. Von morgen an würde sie für immer diese Rolle haben. Doch jetzt eben war ihre Stimme wehmütig, kindlich.

Ravna öffnete den Mund, im Begriff zu sagen, wie unwahrscheinlich das sein müsse.

»Vielleicht können wir es, vielleicht, können wir es.Es war Amdi. Das Rudel hatte sich zusammengezogen, gesellig zwischen die Menschen gelagert. Die Wärme war willkommen. »Weißt du, ich habe im Datio nachgelesen, was sich wo befindet, und herauszufinden versucht, wie es zu dem Bild von hier aus passt.« Ein Paar Nasen zeichnete sich einen Augenblick lang gegen den Himmel ab, wie ein Mensch, der mit den Armen weit ausholend zum Firmament weist. »Die hellsten Dinge, die wir sehen, sind nur eine Art örtliches Blendwerk. Sie eignen sich nicht gut als Wegweiser.« Er zeigte auf ein paar offene Sternhaufen und behauptete, sie entsprächen Objekten, die er im Datio gefunden hatte. Amdi hatte auch die Magellanschen Wolken bemerkt und weitaus mehr als Ravna herausgefunden. »Also, der Straumli-Bereich lag« — lag! Du hast es erfasst, Junge! — »im Hohen Jenseits, aber nahe an der Scheibe der Galaxis. Seht ihr das große Quadrat von Sternen dort?« Nasen zeigten die Richtung. »Wir nennen es das Große Viereck. Also gleich links von der oberen Ecke und dann sechstausend Lichtjahre weiter, und ihr wärt im Straumli-Bereich.«

Jefri kniete sich hin und starrte eine Weile schweigend hinauf. »Aber so weit entfernt, ist da überhaupt etwas zu sehen?«

»Nicht die Straumli-Sterne, aber gerade mal vierzig Lichtjahre von Straum entfernt gibt es einen blauweißen Riesen…«

»Ja«, flüsterte Johanna. »Storlys. Er war so hell, dass sein Licht nachts Schatten warf.«

»Nun, das ist der vierthellste Stern von der Ecke aufwärts; seht ihr, sie bilden fast eine Gerade. Ich kann ihn sehen, also könnt ihr es auch.«

Johanna und Jefri schwiegen lange und blickten nur empor zu jenem Stück Himmel. Ravna presste zornig die Lippen aufeinander. Es waren gute Kinder, sie hatten die Hölle durchgemacht. Und ihre Eltern hatten darum gekämpft, diese Hölle zu verhindern; sie waren der PEST entkommen, zusammen mit dem Mittel, um sie zu vernichten. Aber… wie viele Millionen Rassen hatten im Jenseits gelebt, waren ins Transzens vorgedrungen und hatten Pakte mit Teufeln geschlossen? Wie viel andere hatten sich selbst dort vernichtet? Ah, doch das hatte dem Straumli-Bereich nicht genügt. Sie waren ins Transzens gegangen und hatten dort ein Ding zum Leben erweckt, das sich der Galaxis bemächtigen konnte.

»Glaubst du, dass dort jemand übrig ist?«, fragte Jefri. »Glaubst du, dass wir die Letzten sind?«

Seine Schwester schlang einen Arm um ihn. »Vielleicht… vielleicht nicht der Straumli-Bereich. Aber der Rest des Weltalls — sieh, er ist noch da.« Ein schwaches Lachen. »Vati und Mutti, Ravna und Pham. Sie haben die PEST aufgehalten.« Sie holte weit gen Himmel aus. »Sie haben das Allermeiste davon gerettet.«

»Ja«, sagte Ravna. »Wir sind gerettet und sicher, Jefri. Um neu zu beginnen.« Und so weit war dieser Trost wahrscheinlich die Wahrheit. Die Zonensonden des Schiffes funktionierten noch. Natürlich taugte ein einzelner Messpunkt nicht für exakte Zonographie, doch sie konnte sagen, dass sie sich tief in dem neuen Gebiet des Langsams befanden, dem Raumgebiet, das Phams Rache erschaffen hatte. Und — viel wichtiger — die ADR entdeckte keine Änderung der Zonenintensität. Das andauernde Auf und Ab der Monate zuvor war vorüber. Dieser neue Status fühlte sich wie das Fundament eines Berges an, das nur die Jahrhunderte bewegen konnten.

Fünfzig Grad den galaktischen Fluss entlang lag ein anderes Stück Himmel, das durch nichts auffiel. Sie zeigte es den Kindern nicht, doch was daran von Interesse war, befand sich viel näher, knapp dreißig Lichtjahre entfernt: die Pestflotte. Fliegen, gefangen in Bernstein. Bei einer Sprunggeschwindigkeit, wie sie für das Untere Jenseits normal war, waren sie nur noch Stunden entfernt gewesen, als Pham die Große Flutwelle erzeugte. Und nun…? Wären sie Grundschlepper gewesen, Schiffe mit Staustrahlantrieb, hätten sie die Lücke in weniger als fünfzig Jahren schließen können. Doch die Aniara-Flotte hatte ihr Opfer gebracht, war Phams von den Gottsplittern eingegebenem Rat gefolgt. Und obwohl sie es nicht wussten, hatten sie die Pestflotte zerschmettert. In der sich nähernden Flotte gab es kein einziges für die Langsame Zone taugliches Schiff. Vielleicht verfügten sie über etwas Kapazität für Flüge innerhalb eines Systems — ein paar tausend Kilometer pro Sekunde. Aber nicht mehr, nicht hier unten, wo es nicht genügte, einen Zauberstab zu schwingen, um etwas Neues zu bauen. Die Vernichtungsstreitmacht der PEST würde an der Klauenwelt vorbeitreiben — in ein paar tausend Jahren. Zeit genug.

Ravna lehnte sich zurück gegen eine von Amdis Schultern. Er schmiegte sich bequem um ihren Hals. Die Welpen waren in den letzten zwei Monaten gewachsen; anscheinend hatte Stahl ihnen irgendwelche wachstumshemmenden Drogen gegeben. Ravnas Blick verlor sich im Dunkel und Lichtschein: weit, weit jenseits von all den Zonen über ihr. Und wo sind die Grenzen jetzt? Wie furchterregend Phams Rache war. Vielleicht sollte sie es des ALTEN Rache nennen. Nein, es war sogar weitaus mehr als das. Der ALTE war nur eins von den jüngsten Opfern der PEST. Der ALTE war nicht mehr als ein Geburtshelfer dieser Rache gewesen. Der Urgrund musste so alt wie die ursprüngliche PEST sein und mächtiger als die MÄCHTE.

Doch was immer ihre Ursache gewesen war, die Flutwelle hatte mehr als nur Rache vollbracht. Ravna hatte die vom Schiff durchgeführten Messungen der Zonenintensität studiert. Es konnte nur eine Schätzung sein, doch sie wusste, dass sie zwischen eintausend und dreißigtausend Lichtjahren tief im neuen Langsam eingeschlossen waren. Nur die MÄCHTE mochten wissen, wie weit die Flutwelle das Langsam emporgetrieben hatte… Und vielleicht waren sogar manche von den MÄCHTEN davon vernichtet worden. Es war wie eine Vision vom planetaren Armageddon — die Art, wovon die Alpträume primitiver Zivilisationen handelten —, aber auf galaktischen Maßstab vergrößert. Ein großes Stück der Milchstraße war vom Langsam verschlungen worden, an einem einzigen Nachmittag. Nicht nur die Schiffe der Pestflotte waren im Bernstein gefangene Fliegen. Nein, das ganze Himmelsgewölbe — ausgenommen die Magellanschen Wolken, die schwach und weit entfernt leuchteten — war jetzt vielleicht eine Gruft des Langsam. Viele da draußen mussten noch am Leben sein, doch wie viele Millionen Sternenschiffe waren zwischen den Sternen eingeschlossen? Wie viele automatisierte Systeme hatten versagt und die Zivilisationen umgebracht, die von ihnen abhingen? Jetzt schwieg der Himmel wirklich. In mancherlei Hinsicht war die Rache schlimmer als die PEST selbst.