»Anscheinend«, sagte Jacob, der plötzlich aschfahl geworden war, mit fast tonloser Stimme und ließ den Karabiner sinken.
Er zog den Reverend weiter hinter den Wagen, um ihn aus der Schußlinie zu bringen. Denn in Driscolls Stirn konnte er kein Loch entdecken. Nur eine große blutige Schramme, wo ihm die Kugel die Haut weggefetzt hatte. Ein Streifschuß.
Jacob beugte sich über den Reglosen und stieß plötzlich hervor: »Er atmet noch! Der Streifschuß hat ihn nur ohnmächtig werden lassen!«
Er schlug auf Driscolls Wangen, während Irene dem Reverend Luft zufächelte.
Schließlich flatterten die Augenlider des Reverends, gingen nach oben, und er blickte aus seinen rötlichen Augen irritiert um sich. »Was. ist geschehen?«
»Ein Streifschuß hat Sie an der Stirn erwischt«, erklärte Jacob. »Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Reverend.«
Jacob und Irene waren verblüfft, als der zwischen ihnen liegende Mann grinste.
»Sie halten das also nicht bloß für einen Trick, der Sie von meiner Unschuld überzeugen soll, Adler?«
Jacob schüttelte den Kopf. »Das war bestimmt kein Trick. So gut kann niemand schießen. Einen Zoll daneben, und Ihr Gehirn läge jetzt im Gras.«
»Eine delikate Vorstellung«, murmelte Driscoll während er sich aufrichtete, mit der Hand über seine Stirn fuhr und das an seiner Handfläche klebende Blut betrachtete. »Aber zweifelsohne richtig.«
Er streckte die Hand nach seinem Revolver aus, hielt plötzlich inne und sah Jacob fragend an. »Gestatten Sie?«
»Natürlich«, sagte der Deutsche kleinlaut. »Verzeihen Sie, aber die jüngsten Ereignisse und die Sorge um Irene haben mich übervorsichtig werden lassen.«
»Übervorsichtig kann man gar nicht sein«, erwiderte Driscoll, während er mit einem schnellen Griff den Webley wieder an sich brachte. »Nicht in diesem Land. Ich an Ihrer Stelle hätte vermutlich nicht anders gehandelt, Adler. Ich bin für Sie ein Fremder. Es war nur natürlich, daß Sie mir mißtrauten.«
Weiterhin jaulten die Kugeln heran und zwangen die drei Reisenden, in ihrer notdürftigen Deckung zu verharren.
»Wenn wir nicht etwas unternehmen, sitzen wir hier noch am Jüngsten Tag«, brummte Driscoll. »Die Kerle haben ein hervorragendes Schußfeld. Wir dagegen sehen noch nicht einmal ein Ziel. Wenigstens sind sie noch nicht darauf gekommen, unsere Zugpferde abzuknallen.«
»Vielleicht sind sie auf die Tiere scharf«, überlegte Jacob laut.
»Kann durchaus sein«, meinte der Reverend.
»Wir sollten alle drei in den Wagen klettern und versuchen, möglichst schnell aus der Schußlinie zu kommen«, schlug Irene vor.
Der Reverend schüttelte den Kopf. »Zu gefährlich, Miß. Wer immer von uns die undankbare Aufgabe übernimmt, die Zügel zu halten, er würde unweigerlich vom Bock geschossen werden. Ausgerechnet an dieser Stelle ist der Verlauf des Canyons sehr gerade. Keine Chance für uns, rasch aus der Schußlinie zu kommen. Die Burschen haben sich den Ort für den Überfall gut ausgewählt.«
»Aber was sollen wir dann tun?« fragte Irene mit einer Spur von Verzweiflung in der Stimme.
Sie sorgte sich nicht so sehr um ihr eigenes Leben. Das schien ihr jetzt, wo Carl tot war, nicht mehr sehr wertvoll zu sein.
Aber Jacob durfte nichts geschehen!
Und was sollte aus Jamie werden, wenn er so kurz nach seinem Vater auch noch die Mutter verlor?
»Wir sollten dasselbe tun wie die Attentäter«, beantwortete der Reverend Irenes Frage und steckte den Webley zurück ins Holster. »Sie angreifen!«
Driscoll sah sich suchend im Gelände um.
»Was haben Sie vor, Reverend?« wollte Jacob wissen.
»Während Sie ein kleines Feuerwerk veranstalten, um die Kerle in den Felsen abzulenken, schleiche ich mich zu dem Wäldchen da vorn. Von dort aus gehe ich bis hinter die nächste Biegung zurück. Ich schleiche mich in den Rücken der Brüder. Dann gnade Ihnen Gott!«
Bei den letzten Worten flammte das Feuer in seinen tiefliegenden Augen auf.
»Einer allein gegen so viele?« fragte Irene zweifelnd.
Der Reverend lachte rauh. »Leider haben wir keine Kompanie Soldaten zur Verfügung, um sie in ein taktisches Umgehungsmanöver zu schicken.« Er sah Jacob an. »Was ist, Adler, machen Sie mit?«
Jacob dachte an Irene und nickte. »Ich gebe Ihnen Feuerschutz und beschäftige die Kerle, während Sie unterwegs sind. Wenn Sie unbedingt Selbstmord begehen wollen, kann ich Sie wohl nicht davon abhalten, Reverend.«
»Das haben Sie richtig erkannt, mein Freund«, sagte Driscoll und kroch auch schon los, immer darauf achtend, den Sichtschutz des Planwagens zwischen sich und dem Feind zu haben.
Jacob lehnte den Karabiner an ein Wagenrad und eröffnete aus seinem 44er Army Colt das Feuer auf die Stelle, wo er die Gegner ungefähr vermutete. Es war ein kleines baumbestandenes Plateau etwa auf halber Höhe der Felswand.
Auf die Entfernung konnte er mit dem Revolver zwar nicht allzuviel ausrichten, aber es reichte, um ein Ablenkungsfeuerwerk zu veranstalten. Den Sharps wollte er sich für den Fall aufbewahren, daß sich ihm ein gut sichtbares Ziel bieten sollte.
Unangefochten erreichte Driscoll den von ihm bezeichneten Wald an der Felswand, die der Wand mit den Attentätern gegenüberlag, und verschwand aus dem Blickfeld von Jacob und Irene.
Blieb nur zu hoffen, daß ihn die gut versteckten Gegner tatsächlich nicht gesehen hatten. Sonst würden sie ihm mit Sicherheit eine Falle stellen.
In unregelmäßigen Abständen feuerte Jacob auf das Plateau und fand bald seine Annahme bestätigt, daß dort das Versteck der Attentäter war. Immer wieder sah er zwischen den Bäumen ihr Mündungsfeuer aufblitzen. Aber das diesige Wetter machte es ihm unmöglich, einen genauen Schuß zu plazieren.
Die unbekannten Gegner hatten es leichter. Hier unten im Canyon war die Sicht klarer als an den Hängen und ermöglichte ihnen ein genaues Zielen. Falls Driscoll es nicht schaffte, sie zu vertreiben, saßen Jacob und Irene in der Falle.
Jedenfalls bis zum Einbruch der Dunkelheit. In deren Schutz mußte es den beiden Deutschen eigentlich gelingen zu entkommen. Aber das wußten auch die Attentäter und würden sich darauf einstellen. Und das wiederum konnte nur eines bedeuten: Sie würden angreifen, bevor die Sonne ganz hinter den Berggipfeln der Cascade Range versank.
Jacob teilte Irene nichts von seiner Befürchtung mit. Es genügte, wenn sich einer Sorgen machte.
Bei jeder Kugel, die er aus dem Lauf des 44ers jagte, hoffte er, daß Reverend Driscoll möglichst schnell das Feuer auf die Unbekannten eröffnen würde.
*
Flink wie eine Bergziege kletterte der schwarzgekleidete Mann über die Felsen. Flink und dennoch vorsichtig zugleich. Der unablässige Regen, der gegen Mittag eingesetzt hatte, machte das Gestein schlüpfrig. Ein einziger falscher Tritt oder Griff konnte ihn zu Fall bringen. Er würde sich vielleicht das Genick brechen. Oder er verriet sich den noch immer unsichtbaren Gegnern. Sie konnten nicht mehr weit von ihm entfernt sein, wie er an den lauten Detonationen ihrer Schüsse erkannte.
Sie schienen sein Umgehungsmanöver nicht bemerkt zu haben. Fast zwei Stunden war es jetzt her, daß er den Wagen und die beiden Deutschen unten im Canyon verlassen hatte. Seine Kleidung war an mehreren Stellen zerrissen sowie über und über mit Schmutz befleckt. Aber darauf nahm er keine Rücksicht. Er mußte sich beeilen, mußte die Attentäter erreichen, bevor es dunkel wurde. Denn er befürchtete, daß sie dann den Planwagen angreifen würden.
Das durfte nicht geschehen. Irene Sommer durfte nichts zustoßen. Er brauchte sie noch!
Plötzlich verlor er den Halt, als er mit dem Fuß auf einem glatten Felsen abrutschte. Hilflos ruderte er mit den Armen in der Luft und sah sich schon in die enge Felsspalte stürzen, die sich zu seiner Linken auftat. Im letzten Augenblick packten seine Hände einen Haselnußstrauch, der seine Wurzeln zum Glück so fest im Boden verankert hatte, daß er sich daran hochziehen konnte.