Wir erwähnten schon, daß Log und Compaß die einzigen Instrumente waren, deren sich Dick Sand zur annähernden Schätzung des vom »Pilgrim« zurückgelegten Weges bedienen konnte.
Im Laufe dieses Tages ließ der Leichtmatrose das Log denn auch jede halbe Stunde auswerfen und notirte sich die durch das Instrument erhaltenen Angaben.
Bezüglich des Compasses, der auch den Namen »Boussole« führt, ist zu bemerken, daß ein solcher in doppelten Exemplaren vorhanden war. Der eine befand sich im Compaßhäuschen vor den Augen des Steuermannes. Seine zifferblattähnliche, am Tage von der Sonne, in der Nacht von zwei Seitenlampen erleuchtete Scheibe, zeigte in jedem Augenblicke an, welche Richtung das Schiff einhielt, d.h. nach welcher Himmelsgegend zu dasselbe segelte.
Der andere Compaß bestand aus einer umgekehrten Boussole, welche an den Deckenbalken der früher von Kapitän Hull bewohnten Cabine angebracht war. Auf diese Weise konnte jener, ohne sein Zimmer zu verlassen, stets controliren, ob die vorgeschriebene Route genau eingehalten wurde, oder ob der Mann am Steuer aus Mangel an Geschick oder an Aufmerksamkeit das Schiff merkbar abweichen ließ.
Uebrigens giebt es wohl kaum ein für weite Seereisen bestimmtes Schiff, das nicht zwei Boussolen, ebenso wie zwei Chronometer besäße. Es ist nothwendig, diese Instrumente untereinander zu vergleichen, um die Verläßlichkeit ihrer Angaben controliren zu können.
Der »Pilgrim« war also nach dieser Seite hinreichend mit dem Nothwendigsten versehen, und Dick Sand empfahl seinen Leuten, die beiden Compasse möglichst sorgfältig in Acht zu nehmen, da sie ihm so unentbehrlich seien.
Unglücklicher Weise aber trat in der Nacht vom 12. zum 13. Februar, als der Leichtmatrose die Wache hatte und das Steuerruder bediente, ein recht bedauerlicher Zufall ein. Die umgekehrte Boussole, welche mittelst eines kupfernen Ringes an dem Deckbalken der Cabine schwebte, löste sich los und fiel zu Boden, was man erst am folgenden Morgen gewahr wurde.
Wie der Ring habe nachgeben können, erschien zunächst unbegreiflich. Möglicher Weise war er oxydirt und löste sich, in Folge einer heftigeren Schiffsbewegung, der Länge oder der Quere nach los. Gerade in dieser Nacht gingen die Wellen auch etwas höher. Der Leichtmatrose traf also besondere Anordnungen, um den anderen Compaß vor jeder Zufälligkeit zu schützen.
Im Uebrigen ging bis jetzt an Bord des »Pilgrim« Alles nach Wunsch.
Als Mrs. Weldon Dick Sand’s ruhige Zuversicht bemerkte, faßte auch sie wieder Vertrauen. Damit soll jedoch keineswegs gesagt sein, daß sie sich je vorher der Verzweiflung überlassen hätte. Sie vor allen Anderen vertraute auf die Barmherzigkeit Gottes. Als aufrichtige, fromme Katholikin stärkte sie sich durch die Macht des Gebetes.
Dick Sand hatte es so eingerichtet, daß er während der Nacht am Steuer blieb. Er schlief nur am Tage fünf bis sechs Stunden, und das schien ihm zu genügen, da er sich niemals allzu ermüdet fühlte. Während dieser Zeit ersetzten ihn dann Tom oder dessen Sohn Bat am Steuerruder, und, Dank seiner Unterweisung, bildeten diese sich sehr bald zu brauchbaren Steuerleuten aus.
Oft plauderten Mrs. Weldon und der Leichtmatrose mit einander. Dick Sand nahm gern den Rath dieser verständigen und muthigen Dame an. Tagtäglich zeigte er ihr auf der Karte den von dem Schiffe zurückgelegten und möglichst genau abgeschätzten Weg, indem er die Richtung und die Geschwindigkeit des »Pilgrim« in Rechnung zog.
»Sehen Sie, Mistreß Weldon, wiederholte er ihr häufig, mit diesen günstigen Winden kann es uns gar nicht fehlen, die südamerikanische Küste zu erreichen. Ich möchte es nicht geradezu behaupten, aber ich glaub’ es doch, daß unser Schiff, wenn es in Sicht des Landes kommt, nicht weit von Valparaiso sein wird!«
Mrs. Weldon konnte gar nicht daran zweifeln, daß das Fahrzeug den richtigen Kurs segle, da es der anhaltende Nordwestwind darin begünstigte. Wie entfernt aber erschien ihr der »Pilgrim« jetzt noch von dem Gestade Amerikas! Welche Gefahren lauerten vielleicht noch zwischen ihr und dem festen Erdboden, abgesehen von denen, welche eine Veränderung im Zustande der Atmosphäre oder des Meeres herbeiführen konnte!
Mit der Sorglosigkeit der Kinder seines Alters hatte Jack seine gewohnten Spiele wieder aufgenommen, lief lustig über das Deck und amüsirte sich mit Dingo; es fiel ihm ohne Zweifel auf, daß sein Freund Dick sich jetzt nicht mehr so viel mit ihm beschäftigte wie früher, doch hatte seine Mutter ihm begreiflich gemacht, daß er den jungen Leichtmatrosen jetzt bei seiner Thätigkeit nicht stören dürfe. Der kleine Jack schenkte diesen Gründen Gehör und incommodirte den Kapitän Sand auf keine Weise.
An Bord ging also Alles seinen gewohnten Gang. Die Neger verrichteten ihre Arbeit verständnißvoll und bildeten sich von Tag zu Tag zu besseren Seeleuten aus. Tom galt dabei natürlich als Obersteuermann, wozu ihn seine Genossen ohnehin erwählt hatten. Er befehligte die Wache, während der Leichtmatrose ruhte, und hatte dann seinen Sohn Bat und Austin zur Seite, Acteon und Herkules bildeten die andere Wache unter dem Kommando Dick Sand’s; während so der Eine steuerte, lugten die Anderen über das Vorderdeck aus.
Obwohl diese Gegenden vollständig verlassen schienen und an einen Zusammenstoß so gut wie gar nicht zu denken war, bestand der Leichtmatrose doch darauf, vorzüglich die Nacht über so scharf als möglich zu wachen. Er ließ stets die beiden Positionslichter – ein grünes an Steuerbord und ein rothes an Backbord – anbringen und that daran sehr weise.
In den Nächten, welche Dick Sand ununterbrochen am Steuer zubrachte, fühlte er manchmal eine wirkliche Erschlaffung, die ihn übermannte. Seine Hand regierte das Steuer dann nur noch instinctmäßig. Es war das die Folge einer Müdigkeit, welche er über sich doch nicht Herr werden lassen wollte.
In der Nacht vom 13. zum 14. Februar kam es aber doch so weit, daß Dick Sand sich einige Stunden Ruhe gönnen mußte und am Steuer durch den alten Tom vertreten wurde. Dunkle Wolken, die sich gegen Abend unter dem Einfluß der kälteren Luft tief herabgesenkt hatten, bedeckten ringsum den Himmel. Es herrschte eine so tiefe Finsterniß, daß es unmöglich gewesen wäre, die oberen, halb im Nebel verschwimmenden Segel zu unterscheiden. Herkules und Acteon hielten auf dem Vorderdeck Wache.
Auf dem Hinterdeck verbreiteten die Lampen des Compaßhäuschens einen beschränkten Lichtschein, den der Metallbeschlag des Steuers schwach widerspiegelte. Die Signallaternen, welche ihre Strahlen mehr seitwärts aussendeten, ließen das Deck des Fahrzeuges in tiefer Dunkelheit.
Da, gegen drei Uhr Morgens, verfiel auch der alte Tom in eine Art Schlafsucht, die ihn ganz unmerklich überkam. Seine Augen, welche längere Zeit auf einen beleuchteten Punkt am Compaßhäuschen geblickt hatten, verloren plötzlich jedes Sehvermögen, und ihn ergriff, wunderbarer Weise, eine wirklich anästhetische Somnolenz.
Dabei sah der Neger allein nicht mehr, sondern er hätte sogar wahrscheinlich nichts gefühlt, wenn man ihn mit einer Nadel stach.
Er bemerkte also auch einen Schatten nicht, der geräuschlos über das Deck hinglitt.
Das war Negoro.
Am Hinterdeck angekommen, verbarg der Küchenmeister einen ziemlich schweren Gegenstand, den er in der Hand trug, unter dem Compaß.
Dann blickte er eine Secunde lang nach der erhellten Scheibe der Boussole und zog sich wieder zurück, ohne gesehen worden zu sein.
Hätte Dick Sand am nächsten Morgen den von Negoro unter dem Compaß versteckten Gegenstand bemerkt, er würde sich gewiß beeilt haben, denselben von da zu entfernen.