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Doch Haß war kein Gefühl, das er beliebig lange nähren konnte, es sei denn, er wäre die andere Seite der Liebe. Er näherte sich der King's Road in Chelsea. Der Nebel war hier in der Nähe des Flusses noch dichter. Über ihm hingen die Kugeln der Straßenlaternen wie chinesische Lampions in den kahlen Ästen der Bäume. Der Verkehr war spärlich und zögernd. Smiley überquerte die Fahrbahn und folgte dem Gehsteig, bis er zur Bywater Street kam, in die er einbog: eine Sackgasse mit sauberen, flachbrüstigen Reihenhäusern. Jetzt trat er behutsamer auf, hielt sich auf der Westseite und im Schatten der geparkten Autos. Es war die Cocktailstunde, und hinter Fenstern erkannte er sprechende Köpfe und auf und zu klappende Münder. Einige kannte er, für einige hatte sie sogar Namen: Felix die Katze, Lady Macbeth, Der Ausrufer. Er war auf der Höhe seines eigenen Hauses angekommen. Zur Feier ihrer Rückkehr hatte sie die Läden des Hauses blau lackieren lassen, und blau waren sie noch immer. Die Vorhänge waren offen, denn sie haßten es, eingeschlossen zu sein. Sie saß allein an ihrem Sekretär, und sie hätte das Bild eigens für ihn gestellt haben können: die schöne und gewissenhafte Ehefrau beschließt ihren Tag, widmet sich verwalterischen Aufgaben. Sie hörte Musik, und er fing das Echo auf, das der Nebel herübertrug. Sibelius. Er verstand nicht viel von Musik, aber er kannte alle ihre Schallplatten und hatte sich mehrmals aus Höflichkeit lobend über Sibelius geäußert. Er konnte den Plattenspieler nicht sehen, aber er wußte, daß er auf dem Boden stand, wo er auch für Bill Haydon gestanden hatte, als ihre Affäre mit Bill Haydon im Gang war. Er überlegte, ob wohl das deutsche Wörterbuch danebenlag und ihre Anthologie deutscher Dichtung. Sie hatte mehrmals in den letzten zehn oder zwanzig Jahren, meist in den Perioden ihrer Versöhnung, demonstrativ Deutsch gelernt, damit Smiley ihr vorlesen könne.

Während er sie beobachtete, stand sie auf, durchquerte das Zimmer, blieb vor dem hübschen vergoldeten Spiegel stehen und richtete ihr Haar. Die Merkzettel, die sie sich zum eigenen Gebrauch schrieb, steckten im Rahmen. Was mochte es diesmal sein? dachte er. Garage sprengen. Lunch Madeleine absagen. Fleischer kleinhacken. Manchmal, wenn es Spitz auf Knopf stand, hatte sie ihm auf diesem Wege Botschaften zukommen lassen: George zum Lächeln bringen, unaufrichtiges Bedauern wegen faux pas aussprechen. In schlimmen Zeiten schrieb sie ihm ganze Briefe und deponierte sie hier für ihn.

Zu seiner Überraschung löschte sie das Licht. Dann hörte er die Riegel an der Haustür vorgleiten. Kette einhaken, dachte er automatisch. Banharn-Schloß, zwei Umdrehungen. Wie oft muß ich dir noch sagen, jeder Riegel ist so schwach wie die Schrauben, die ihn halten? Trotzdem sonderbar: irgendwie hatte er angenommen, sie würde die Riegel offenlassen, falls er zurückkäme. Dann ging das Licht im Schlafzimmer an, und er sah ihre Gestalt wie einen Scherenschnitt im Fensterrahmen, als sie engelsgleich die Arme nach den Vorhängen ausstreckte. Sie zog sie fast zu, hielt inne, und einen Augenblick fürchtete er, sie habe ihn gesehen, bis ihm ihre Kurzsichtigkeit und ihre Abneigung gegen eine Brille einfielen. Sie geht aus, dachte er. Sie macht sich schön. Er sah, wie sie halb den Kopf wandte, als hätte jemand sie angesprochen. Er sah, wie ihre Lippen sich bewegten und zu einem koboldhaften Lächeln schürzten, als ihre Arme sich wiederum hoben, diesmal zu ihrem Nacken, und sie den obersten Knopf ihres Hauskleids zu öffnen begann. Im gleichen Moment wurde der Spalt zwischen den beiden Vorhängen mit einem Ruck von anderen, ungeduldigen Händen geschlossen.

O nein, dachte Smiley verzweifelt. Bitte! Wartet, bis ich weg bin. Eine Minute lang, vielleicht länger stand er auf dem Gehsteig und starrte ungläubig auf das dunkel gewordene Fenster, bis ihn Zorn, Scham und schließlich Ekel vor sich selbst wie körperliche Qualen überfielen und er blindlings zurück zur King's Road hastete. Wer war es diesmal? Wieder ein bartloser Ballettänzer, der ein narzißtisches Ritual vollzog? Ihr gräßlicher Cousin Miles, der Karrierepolitiker? Oder ein Adonis für eine Nacht, den sie in der nächstbesten Kneipe aufgegabelt hatte?

Als das Außentelefon klingelte, saß Peter Guillam allein in der Rumpelkammer, leicht angesäuselt und sehnte sich nach Molly Meakins Körper und nach George Smileys Rückkehr. Er nahm den Hörer sofort ab und hörte Fawn außer Atem und voll Zorn: »Ich hab' ihn verloren!« schrie er. »Er hat mich abgehängt!«

»Dann sind Sie ein verdammter Idiot!« erwiderte Guillam voll Genugtuung.

»Von wegen Idiot! Er steuert Richtung Heimat, ja? Unser übliches Ritual. Ich warte auf ihn, ich halt mich im Hintergrund, er kommt zurück auf die Hauptstraße, schaut mich an. Als wär ich Dreck. Bloß Dreck. Im nächsten Moment bin ich allein auf weiter Flur. Wie macht er das? Wohin geht er? Ich bin sein Freund, oder? Für wen zum Teufel hält er sich? Fette kleine Mißgeburt. Ich bring ihn um!«

Guillam lachte noch immer, als er auflegte.

 

Frost muß brennen

In Hongkong war wiederum Sonnabend, aber die Taifune waren vergessen, und der Tag brannte heiß und klar und atemlos. Im Hongkong Club verkündete eine unbeirrbar christliche Uhr die elfte Morgenstunde, und die Schläge klirrten in der getäfelten Stille wie Löffel, die auf einen weit entfernten Küchenboden fallen. Die besseren Sessel waren bereits mit Lesern des Telegraph vom vergangenen Donnerstag besetzt, der ein recht deprimierendes Bild der moralischen und wirtschaftlichen Misere ihres Heimatlands malte.

»Pfund ist wieder im Keller«, grollte eine grämliche Stimme hinter der Pfeife hervor. »Metallarbeiter im Ausstand. Eisenbahner im Ausstand. Piloten im Ausstand.«

»Wer ist noch im Einstand? Wäre die bessere Frage«, sagte eine andere Stimme ebenso grämlich.