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»Und in der Zwischenzeit, Mr. Worthington, können Sie mir bitte sagen, wurde jemals eine polizeiliche Suche beantragt in bezug auf -«

»Wir wußten immer, daß sie nicht seßhaft bleiben würde. Das war ausgemachte Sache. Sie nannte mich >Mein Anker<. Entweder das oder >Schulmeister<. Hatte nichts dagegen. Es war nicht bös gemeint. Es war nur, sie konnte einfach nicht Peter sagen. Sie liebte mich als Idee. Nicht als ein bestimmtes Lebewesen, einen Körper, einen Geist, eine Persönlichkeit, nicht einmal als Partner. Als Idee, als notwendige Zutat zu ihrer persönlichen, menschlichen Vollständigkeit. Sie hatte das Bedürfnis, zu gefallen, ich verstehe das, es entsprang ihrer Unsicherheit, sie sehnte sich nach Bewunderung. Wenn sie ein Kompliment machte, dann nur, weil sie als Gegengabe auch eines wollte.«

»Verstehe«, sagte Smiley und schrieb wieder, als wolle er diese Ansicht buchstäblich unterschreiben.

»Ich meine, niemand kann ein Mädchen wie Elizabeth heiraten und erwarten, sie für sich allein zu haben. Es war nicht natürlich. Damit habe ich mich jetzt abgefunden. Sogar unser kleiner Ian mußte Elizabeth zu ihr sagen. Auch das verstehe ich. Die Ketten einer »Mammi« waren ihr zu schwer. Ein Kind, das hinter ihr herläuft und »Mammi« ruft. Zu viel für sie. Geht in Ordnung, ich verstehe das auch. Ich kann mir vorstellen, daß es für Sie als kinderlosen Mann schwer verständlich ist, wie eine Frau, egal welchen Schlags, eine Mutter, geachtet, geliebt und behütet, die nicht einmal Geld verdienen mußte, ihren eigenen Sohn buchstäblich sitzenlassen und ihm bis heute nicht einmal eine Postkarte schreiben kann. Sie finden es vielleicht unfaßbar oder sogar abscheulich. Ich bin da anderer Ansicht. Als es passierte, glauben Sie mir, ja, da war es schwer.« Er blickte hinaus auf den eingezäunten Spielplatz. Er sprach ruhig, ohne eine Spur von Selbstmitleid. Er hätte zu einem Schüler sprechen können. »Wir versuchen hier, die Menschen Freiheit zu lehren. Freiheit innerhalb bürgerlicher Ordnung. Sie sollen ihre Individualität entwickeln. Wie konnte ich denn ihr vorschreiben, wer sie war? Ich wollte nur da sein, sonst nichts. Elizabeths Freund sein. Ihr Schlußmann. So nannte sie mich unter anderem auch. Ihren Schlußmann. Worauf ich hinauswilclass="underline" sie mußte nicht fortgehen. Sie hätte auch hier tun können, was sie wollte. Bei mir. Frauen brauchen eine Stütze, wissen Sie. Ohne einen festen Halt -«

»Und Sie haben bis heute keine direkte Nachricht von ihr?« erkundigte sich Smiley sanft. »Keinen Brief, nicht einmal die Postkarte an Ian, gar nichts?«

»Nicht die Bohne.«

Smiley schrieb. »Mr. Worthington, hat Ihre Frau Ihres Wissens jemals einen anderen Namen benutzt?« Aus irgendeinem Grund drohte diese Frage Peter Worthingtonin Harnisch zu bringen. Er fuhr hoch, als hätte seine Schulklasse sich eine Frechheit erlaubt, und seine Hand schoß vor, um Schweigen zu gebieten. Aber Smiley redete schon weiter: »Zum Beispiel ihren Mädchennamen? Oder vielleicht eine Abkürzung des Ehenamens, der in einem nicht englisch sprechenden Land bei den Einheimischen auf Schwierigkeiten stoßen könnte -«

»Nie. Nie, nie. Man muß etwas von den Anfangsgründen der menschlichen Verhaltenspsychologie verstehen. Elizabeth war hier ein Schulbeispiel. Sie konnte es gar nicht erwarten, ihren Vaternamen abzulegen. Einer der sehr guten Gründe, warum sie mich heiratete, war der, weil sie einen neuen Vater und einen neuen Namen wollte. Sie hat ihn bekommen, warum sollte sie ihn wieder aufgeben? Genauso war es mit ihrem Drang zu romantisieren, ihrem wilden, wilden Fabulieren. Sie wollte ihrer Umgebung entfliehen. Nachdem ihr das gelungen war, nachdem sie mich gefunden hatte und die Beständigkeit, die ich repräsentiere, sehnte sie sich natürlich nicht mehr danach, jemand anderer zu sein. Sie war jemand anderer. Sie hatte Erfüllung gefunden. Also warum ging sie fort?«

Wieder ließ Smiley sich Zeit. Er sah Peter Worthington scheinbar unsicher an, blickte in seine Akte, blätterte bis zur letzten Eintragung, rückte die Brille auf die Nasenspitze und las den Eintrag, offensichtlich keineswegs zum erstenmal. »Mr. Worthington, wenn unsere Information korrekt ist, und wir haben guten Grund, das anzunehmen - ich würde sagen, vorsichtig geschätzt dürfen wir zu achtzig Prozent sicher sein -, so benutzt Ihre Frau zur Zeit den Namen Worth. Und sie benutzt einen Vornamen deutscher Schreibweise, sehr seltsam, nämlich L-i-e-s-e. Es würde mich interessieren, ob Sie diese Information in irgendeiner Weise bestätigen oder entkräften können, desgleichen die Information, wonach sie aktiv an einem Juwelengeschäft im Fernen Osten mit Verbindungen bis nach Hongkong und anderen Zentren beteiligt ist. Sie scheint einen luxuriösen Lebensstil und gehobenen gesellschaftlichen Status zu genießen, sich in ziemlich exklusiven Kreisen zu bewegen.«

Peter Worthington begriff von alledem offenbar nur wenig. Er hatte sich auf dem Boden niedergelassen und die Knie hochgezogen. Er ließ abermals die Fingergelenke knacken, starrte ungehalten die Notenständer an, die wie Skelette in die Zimmerecke gepfercht waren, und konnte es kaum erwarten, bis Smiley zu Ende war.

»Hören Sie. Ich verlange nur eins. Daß jeder, der mit ihr in Verbindung tritt, das kapiert. Ich will keine leidenschaftlichen Appelle, keine Appelle an das Gewissen. Das kommt nicht in Frage. Nur eine nüchterne Erklärung, was geboten wird, und daß sie willkommen ist. Sonst nichts.« Smiley flüchtete sich wieder in die Akte. »Nun, bevor wir zu diesem Punkt kommen, könnten wir vielleicht doch noch die Fakten vollends durchgehen, Mr. Worthington -«

»Es gibt keine Fakten«, sagte Peter Worthington, aufs neue höchlichst gereizt. »Es gibt nur zwei Menschen. Drei, mit Ian. In einer solchen Sache gibt es keine Fakten. In keiner Ehe. Das lehrt uns das Leben. Menschliche Beziehungen sind völlig subjektiv. Ich sitze auf dem Fußboden. Das ist ein Faktum. Sie schreiben. Das ist ein Faktum. Elizabeths Mutter steckte dahinter. Das ist ein Faktum. Verstehen Sie? Elizabeths Vater ist ein größenwahnsinniger, krimineller Irrer. Das ist ein Faktum. Lizzie ist nicht die Tochter der Königin von Saba und nicht die natürliche Enkelin von Lloyd George. Was immer sie auch behaupten mag. Sie hat nicht in Sanskrit promoviert, wie sie der Direktorin vorzumachen beliebte, die es noch heute glaubt. >Wann werden wir Ihre reizende Orientalistengattin wiedersehen?< Elizabeth versteht von Juwelen nicht mehr als ich. Das ist ein Faktum.«

»Daten und Ortsangaben«, murmelte Smiley in die Akte. »Wenn ich das zunächst einmal nachprüfen dürfte.«

»Durchaus«, sagte Peter Worthington gefällig und füllte Smileys Tasse aus der grünen Blechkanne nach. Tafelkreide hatte sich an den breiten Fingerkuppen abgesetzt. Sie war wie das Grau in seinem Haar.