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Zara zerbiss einen unflätigen, gar nicht damenhaften Fluch zwischen den Zähnen und schalt sich selbst eine Närrin.

Ein Hinterhalt!

Zum Teufel, wie hatte sie nur so unachtsam sein können, sehenden Auges in diese Falle zu laufen? Dabei war die Sache so offensichtlich: Der kaum verborgene Kapuzenträger bei der Lichtung mit der Leiche von Drusilla von Drake, die Fußspuren im Schnee, die einsame Felsschlucht, der Felskessel, in dem man eingepfercht war wie ein Tier in einer Fallgrube, sobald beide Ausgänge verschlossen waren ...

In der Sekunde, in der Zara dieser Gedanke kam, wirbelte sie auch schon herum, zu der Felsschlucht, durch die sie gerade gekommen war, doch da kamen bereits drei Männer mit Knüppeln und Schwertern um die Ecke, um ihr den Fluchtweg zu versperren, und als Zara sich zum zweiten Pfad umwandte, der auf der anderen Seite wieder aus dem Kessel hinausführte, erwartete sie dort ein ähnliches Bild: noch drei Männer, noch mehr Waffen und noch mehr Häscher, die sie zu ihrer Beute erkoren hatten, selbst wenn sie nicht zu sagen vermochte, warum.

Zara drehte sich langsam im Kreis, ließ den Blick in die Runde schweifen und versuchte, ihre Lage einzuschätzen, während die Männer die Zugänge zu den Felsschluchten schlössen und drohend ihre Waffen hoben. Zara sah junge und alte Gesichter, verfilzte graue Barte, lange Haare und jede Menge müder Augen, um die sich die Qual des Überlebenskampfes in diesem ungastlichen Landstrich mit tiefen Linien eingegraben hatten. Die Kleidung der meisten Männer war abgewetzt und verwaschen, und in gewisser Weise erinnerten sie Zara an die Strauchdiebe, die sie im Dunkelforst getötet hatte: einfache, vom Leben benachteiligte Burschen, die Zeit ihres Lebens auf eine Chance gewartet hatten, ihrer Armut zu entkommen, ohne dieses Ziel je erreicht zu haben.

Das hier waren keine Meuchelmörder; das waren Strauchdiebe, die taten, was man ihnen aufgetragen hatte, um sich ein paar Taler zu verdienen. Doch wer konnte ein Interesse daran haben, Zara aus dem Weg zu räumen? Schließlich war sie hier hergekommen, um die Einwohner von Moorbruch von der Bestie zu befreien. Doch vielleicht war genau das der Dreh- und Angelpunkt bei alldem: Offenbar wollte irgendjemand genau das verhindern und hatte diese Horde verlauster Strauchdiebe angeheuert, um dafür zu sorgen, dass Zara der Bestie nicht gefährlich werden konnte. Das warf wiederum die Frage auf, was für ein Nutzen jemand davon haben konnte, dass die Bestie weiterhin ihr Unwesen trieb und eine junge Frau nach der anderen umbrachte?

Bevor Zara diesen Gedanken weiterverfolgen konnte, warfen die Männer oben Seile über den Rand des Felskessels und ließen sich daran nach unten gleiten, allen voran der Mann mit der Armbrust, ein stämmiger Bursche mit breiten Schultern und einem von dunklen Bartstoppeln gespickten Antlitz, dem man ansah, dass es bereits in so manche Kneipenschlägerei verstrickt gewesen war. Der Kerl glitt an dem Seil nach unten, kam stapfend auf dem Boden auf, nahm seine geschulterte Armbrust wieder zur Hand und wandte sich Zara zu; sein rechtes Auge quoll unnatürlich weit aus der Höhle, doch der Blick, mit dem er Zara fixierte, war kalt und gnadenlos.

„Nach allem, was ich über dich gehört habe, dachte ich, du wärst mindestens zwei Köpfe größer“, sagte er höhnisch, während er mit der Armbrust im Anschlag näher kam, die Spitze des Bolzen auf Zaras Brust gerichtet, auf ihr Herz, was belegte, dass der Kerl keine Ahnung hatte, mit wem – oder besser: was – er es hier zu tun hatte. „Aber so ist das im Leben, nicht wahr? Wenn man dem Mythos sein Geheimnis nimmt, bleibt nur öde Mittelmäßigkeit.“ Er grinste breit und dreckig.

Zaras Blick war überall und nirgends, ihre Sinne gespannt wie Stahlfedern. „Ich wusste nicht, dass mir mein Ruf derart vorauseilt“, sagte sie ruhig, ohne irgendein Anzeichen von Nervosität ob ihrer verzwickten Situation.

Glupschauge grinste und entblößte einen Mund voll halb verwitterter brauner Zähne. „Du solltest dir nicht zu viel darauf einbilden, Schlampe.“

Zara seufzte gelangweilt. „Warum kommen wir nicht endlich zur Sache? Entweder ihr rückt langsam damit raus, was ihr eigentlich von mir wollt, oder ihr lasst mich in Ruhe meiner Wege ziehen und geht nach Hause. Ich habe für derlei Kinderkram keine Zeit.“

Das Glupschauge grinste hinterhältig. „Ich fürchte, du wirst dir die Zeit nehmen müssen“, sagte er – und machte mit der freien linken Hand eine kreisförmige Bewegung in der Luft, woraufhin sich die Männer unisono in Bewegung setzten. Die Männer – alles in allem ein Dutzend – umzingelten Zara mit Bedacht, jedoch ohne Hast, überzeugt davon, dass ihre Beute ihnen nicht entkommen konnte, und während sich der Kreis um sie langsam schloss, stand Zara einfach nur da und rührte keinen Finger; alles, was sich bewegte, waren ihre Augen, die unstet hin- und herzuckten und jede noch so kleine Regung ihrer Gegner registrierten. Ihre Nasenflügel bebten leicht; Glubschauge und seine Handlanger stanken geradezu vor Furcht, ein überwältigender, intensiver, bittersüßer Gestank, der ihr von allen Seiten entgegenschlug und das Auftreten der Kerle, die sich alle Mühe gaben, kalt und unbeteiligt zu wirken, Lügen strafte. In Wahrheit war nicht einer unter ihnen, der nicht vor Angst die Hosen voll hatte, und diese Erkenntnis erfüllte sie mit einer gewissen Genugtuung; offenbar war ihr Ruf ihr tatsächlich vorausgeeilt.

Zaras Blick glitt unauffällig in die Runde, und obgleich sie die Männer hinter sich nicht sehen konnte, wusste sie, dass sich ihre Hände gerade fester um die Knäufe ihrer Schwerter und um die Griffe ihrer Äxte spannten. Trotzdem war Zara nach außen hin völlig ruhig. Langsam, ohne Hast, griff sie über ihre Schultern nach den Griffen ihrer Schwerter, die X-förmig über ihren Rücken geschnallt waren, und zog die beiden langen, leicht gebogenen Klingen über Kreuz aus der Scheide, begleitet von einem hohen, irgendwie singenden Schleifgeräusch.

„Ich an eurer Stelle würde mir die Sache noch mal überlegen“, sagte Zara, ohne den Rädelsführer aus den Augen zu lassen; die Klingen der Schwerter, die sie jeweils mit einer Hand hielt, wiesen zu Boden, doch die Muskeln an ihren Armen waren angespannt wie Stahlfedern, bereit, loszuschnellen, wenn es erforderlich war. „Im Grunde wollen wir doch dasselbe, ihr und ich: Ich will euch nicht töten, und ihr wollt nicht tot sein.“

Glubschauge grinste, doch sein Grinsen war bei weitem nicht mehr so breit und selbstsicher wie noch vor ein paar Augenblicken; er stank förmlich vor Angst, vermutlich, weil Zara nicht den geringsten Hinweis darauf zeigte, dass sie sich von dem Dutzend bewaffneter Strolche, die in einem dichten Kreis um sie herumstanden, bedroht fühlte. „Wie kommst du darauf, dass du auch nur einem von uns so nahe kommen wirst, dass du von deinen Käseschneidern Gebrauch machen kannst?“

Zara zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Ach, nur so ein Gefühl ...“

Mehr gab es nicht zu sagen; Zara wusste, dass sie die Strauchdiebe nicht dazu bringen würde, sie in Ruhe zu lassen – nicht ohne ihnen gezeigt zu haben, dass sie gut daran taten, vor ihr Angst zu haben. Und dazu gab es nur einen Weg ...

Bevor einer der umstehenden Männer den Finger um den Abzug seiner Armbrust oder Muskete krümmen konnte, ergriff Zara die Initiative. Plötzlich wirbelte sie wie ein Derwisch durch den Felskessel, schoss mit gezückten Schwertern auf die nächststehenden Männer zu und ließ ihre Klingen so schnell durch die Luft zischen, dass man es mit bloßem Auge kaum verfolgen konnte. Begleitet von einem hohen, unheilvollen Pfeifen zuckten die Schwertklingen wie eiserne Blitze durch die kalte Luft. Zara führte ihre Schritte mit meisterhafter Präzision, die lediglich jahrelange Übung mit sich bringt.