Eliizar redete nun sehr schnell und gab seiner Frau keine Gelegenheit, ihn zu unterbrechen. »Wir können die Berge unmöglich allein überqueren«, fuhr er fort. »Wir müssen entweder jetzt aufbrechen, zusammen mit unserem eigenen Volk – Leuten von unserer Art, Nereni –, oder wir begeben uns auf einen Weg, von dem es kein Zurück mehr gibt. Und was wird die Zukunft für uns bereithalten, als Fremde in einem fremden Land – einem Land, das beherrscht wird von schwärzester Zauberei?«
Plötzlich war da eine neue, erschreckende und unvertraute Kälte in Nerenis Augen. »Du hast Angst«, sagte sie leise.
Beschämt und unfähig, ihrem Blick standzuhalten, ließ der Schwertmeister sein Gesicht in seine Hände sinken. »Ja«, flüsterte er. »Im Angesicht dieser Zauberei habe ich Angst – Angst, wie ich sie nie zuvor gekannt habe.«
»Und jetzt verlangst du also von mir, zwischen dir und Aurian zu wählen, Aurian, die unsere Freundin geworden ist und uns verziehen hat, daß wir sie in der Arena einem solchen Martyrium ausgesetzt haben, Aurian, die uns aus der Gewalt des Tyrannen Xiang befreit hat …«
»Nereni, Hör auf! Das ist mehr, als ich ertragen kann!« Ihre Worte hatten Eliizars Herz durchbohrt wie ein Speer aus Eis, und ihm war kalt vor Entsetzen. Nereni glaubte, er wolle, daß sie sich zwischen ihm und Aurian entschied? Dieser Gedanke war ihm nie in den Sinn gekommen – das war nicht die Art der Khazalim. Es war die Aufgabe des Mannes, über Kommen und Gehen zu entscheiden – und die Aufgabe einer Frau, zu gehen oder zu bleiben, wie der Mann befahl. Zum ersten Mal auf ihrer langen Wanderschaft wurde Eliizar bewußt, wie sehr sich die Dinge zwischen ihm und Nereni verändert hatten. Und doch …
Eliizar sah seine einst so furchtsame, friedfertige und zurückhaltende kleine Frau an und bemerkte den neu gefundenen Mut und den Kampfgeist in ihren Augen. Plötzlich begriff er, daß ihre Tapferkeit und ihr gesunder Menschenverstand im Verlaufe ihrer Reise immer deutlicher zutage getreten waren – ein Umstand, den die anderen sehr zu schätzen gewußt hatten. Warum war er so lange Zeit so blind gewesen? Wahrhaftig, Nereni war mit vielen der Schrecknisse und Überraschungen auf ihren Abenteuern weit besser fertig geworden als er selbst, Eliizar, der Schwertmeister und kampferprobte Krieger!
Während sich diese Gedanken in Eliizars Kopf überschlugen, spürte er Nerenis unnachgiebigen Blick auf seinem Gesicht, während sie auf eine Antwort wartete. Die Tapferkeit seiner Frau hatte ihn gedemütigt und auf seinem eigenen Gebiet geschlagen – und das war kein angenehmes Gefühl. Der Schwertmeister spürte, wie sein Gesicht heiß vor Wut wurde. »Nein, Frau«, knurrte er. »Ich bitte dich nicht, dich zu entscheiden. Ich habe beschlossen, daß wir mit unseren Leuten in den Wald zurückkehren, und ich befehle dir, mit mir zu kommen.« Mit diesen Worten drehte er sich auf dem Absatz um und ging davon, zurück den Hügel hinauf, wo er sich auf die Suche nach Jharav machte, dem alten Offizier, der jetzt die kleine Truppe von Khazalim-Soldaten befehligte. Eliizar blickte nicht zurück – und das war sein Pech. Der Ausdruck von maßloser Wut auf Nerenis Gesicht hätte ihn vielleicht bewogen, die Sache noch einmal zu bedenken.
2
Die Reise beginnt
Im Mondlicht sahen die farnüberwucherten grauen Steine des Turms von Incondor aus, als hätte man sie in Silber getaucht. Auf dem Hügel zwischen dem alten zerfallenden Steinhaufen und den zupackenden Schattenfingern des Dickichts war jeder Grashalm des blütenübersäten Rasens scharf umrissen in einem Helldunkel aus tiefen Schatten und frostigem Licht, fast so, als hätte sich der Winter auf leisen Sohlen heimlich zurückgeschlichen. Aber die Luft schwirrte von dem prickelnden Duft des Frühlings – ein Versprechen, daß die Tage gnadenloser Kälte ein Ende hatten, obwohl die Nachtwinde noch immer so kühl waren, daß die beiden geflügelten Boten dankbar für die Wärme ihrer dicht an den Körper gezogenen Flügel waren.
Die Kuriere des Himmelsvolkes, die auf Befehl von Königin Rabe und den beiden erdgebundenen Magusch hier sein mußten, hockten wie ein paar häßliche Kobolde auf einem hohen Vorsprung in dem verfallenen Mauerberg auf der Rückseite des Turms, so weit weg wie möglich von den flügellosen Fremden, deren Gesellschaft man ihnen aufgezwungen hatte. Wegen ihrer Abneigung, zusammen mit den Nordländern im Turm zu schlafen, hatten sie sich einen Platz auf dem Dach gesucht, wo man vor der warmen Mauer des Schornsteins einen notdürftigen, überdachten Schuppen für sie gebaut hatte – aber die ständigen Rundgänge der aufs Dach abkommandierten Wachen hatten sie immer wieder in ihrem Schlaf gestört, und die Helligkeit der Nacht mit ihrem funkelnden Mond, der gerade erst seinen Zenit überschritten hatte, machte sie ruhelos. Schließlich waren sie an diesen schwindelerregend hohen Ort zwischen Himmel und Erde geflohen, wo sie in Frieden nachdenken und mit leiser Stimme über die augenblicklichen Veränderungen reden konnten, die sich während der vergangenen beiden Tage in ihrer Stadt ereignet hatten.
Abgesehen von den monotonen Schritten des Wachpostens, der seine Runde auf dem Dach über ihnen ging, regte sich nichts in der vom Mond überfluteten stillen Landschaft. Nach einer Weile wurde das leise Gespräch der Boten immer abgehackter und wich schließlich schläfrigem Schweigen. Dann, mitten in dem tiefen Frieden der Nacht, war plötzlich ein winziger Laut zu hören – ein schwaches, hohes Quietschen, mit dem die Tür des Turmes sich öffnete.
Die beiden Himmelsleute waren sofort hellwach, versteiften sich und sahen einander mit angstvoll aufgerissenen Augen an. Sie trauten diesen erdgebundenen Fremden immer noch nicht ganz, und jemand, der mitten in der Nacht herumschlich, konnte nichts Gutes im Schilde führen! Schweigend und verstohlen zogen die Boten die langen Messer aus ihren Scheiden, und strafften ihre Schwingen zum Flug. Leise Schritte waren zu hören … jemand stahl sich auf ihre Seite des Turms herüber!
Der Nachtschwärmer konnte von Glück sagen, daß das Mondlicht so hell war. Sobald die Himmelsleute die Silhouette der Gestalt erkannten, die sich an sie heranpirschte, steckten sie ihre Waffen weg, entspannten ihre Haltung, und auf ihren Gesichtern wich die Erschrockenheit einem belustigten Erstaunen. Wie merkwürdig: Es war die kleine Frau, die den Drang zu verspüren schien, jeden im Lager zu bemuttern – die Frau, die sie immer wieder mit so köstlichen Speisen verwöhnte! Der einzige Erdenkriecher von allen, in dem die Himmelsleute keine Bedrohung sahen.
»Was im Namen Yinzes kann sie nur vorhaben?« zischte der eine der geflügelten Kuriere seinem Begleiter zu. Bei dem Klang seines Flüsterns blickte die Erdenkriecherin auf, legte einen Finger auf die Lippen, um die beiden Himmelsleute schweigen zu heißen, und winkte sie zu sich herunter. »Aerillia, Aerillia«, flüsterte sie drängend, zerrte an dem Arm des ihr am nächsten stehenden Himmelsmannes und zeigte zuerst auf sich und dann auf das dunkle Gewirr von Maschen, das ihr Transportnetz war und das nun sicher am Fuß des Turmes lag. Einige Sekunden lang hatten die geflügelten Kuriere Mühe zu glauben, was diese kleine Frau da offensichtlich von ihnen verlangte. Schließlich jedoch sahen sie einander an. »Sie will, daß wir das Netz holen und sie nach Aerillia bringen?«
Sein Begleiter zuckte mit den Schultern. »Nichts anderes kann sie meinen.«
Der erste geflügelte Bote warf einen kläglichen Blick auf Nerenis rundliche Gestalt und reckte seine drahtigen Arme. »Warum ausgerechnet sie?« Er seufzte. »Hätten sie nicht einen von den anderen schicken können, um Yinzes willen?«
Aurian, deren Augen vor Konzentration ganz schmal geworden waren, spähte in die trügerische, schattige Düsternis des vollgestopften Tunnels und segnete wieder einmal die Götter für die Gabe der Nachtsichtigkeit, die allen Magusch angeboren war. »Würdest du die Fackel bitte ein wenig zur Seite nehmen?« murmelte sie über ihre Schulter hinweg Cygnus zu. »Ich arbeite hier in meinem eigenen Schatten.«