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»Huan?« Jades Augen weiteten sich. »Hier? Um uns zu beobachten?«

»Jetzt nicht mehr«, versicherte Auraya ihr hastig. »Sie - Saru war bei ihr - haben sich zurückgezogen, um den anderen zu berichten, dass mein Geist beschirmt ist.«

Jade starrte sie an. »In all meinen Jahren«, murmelte sie, »bin ich niemals irgendjemandem begegnet, der die Götter spüren konnte. Wissen die Götter von deiner Fähigkeit?«

»Ja, aber sie wissen nicht, wie weit diese Fähigkeit reicht. Früher konnte ich sie nur spüren, wenn sie ganz in der Nähe waren.«

»Und wann hat sich das geändert?«

»Nachdem du mich gelehrt hast, Gedanken abzuschöpfen.«

Jade nickte. »Sieh zu, dass sie es nicht erfahren. Ehemalige Weiße hin oder her, sie werden dich töten, wenn sie herausfinden, dass du ihnen nachspionieren kannst. Du solltest es nicht einmal Chaia erzählen.«

Auraya öffnete den Mund, um zu beteuern, dass Chaia ihr nichts Böses wolle, dann schloss sie ihn wieder, denn Tyve war in diesem Moment gelandet. Jade warf ihr einen vielsagenden Blick zu, dann wandte sie sich um, um den Siyee zu begrüßen.

12

Kalen brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, dass er wach war, und dann noch ein Weilchen länger, um sich daran zu erinnern, wo er war und warum.

Das Haus der Pentadrianer. Warm. Satt. Sie werden mich zu einem Götterdiener machen.

Das Erwachen war nicht länger mit der quälenden Sorge verbunden, was der Tag ihm bringen mochte. Nicht mehr, seit er versucht hatte, einen Mann zu bestehlen, und sich unversehens mit seinem erwählten Opfer in ein Gespräch über Religion verstrickt gefunden hatte. Der Mann hatte ihm ein Angebot gemacht, das zu gut gewesen war, um es abzulehnen: Essen und ein Dach überm Kopf als Gegenleistung dafür, dass er etwas über dessen Volk zu lernen bereit war.

Ein voller Magen und ein sicheres, warmes Nachtquartier wogen einige langweilige Lektionen durchaus auf, und darüber hinaus fand Kalen es seltsam berauschend, zu diesen heimlichen Anhängern des verbotenen Kults der Pentadrianer zu gehören. Es hatte ihn überrascht, dass er Seite an Seite mit Menschen aus allen möglichen Schichten unterrichtet und von diesen als ebenbürtig akzeptiert wurde. Wie zum Beispiel von dem jungen Mann, der auf der Pritsche neben seiner schlief. Er hieß Ranaan und war früher Traumweber gewesen.

Jetzt ging sein Atem sehr schnell, als hätte er sich soeben erschreckt.

»Ein Albtraum?«, fragte Kalen.

Ranaan bestätigte seinen Verdacht mit einem leisen Grunzen.

Kalen wusste, dass es half, wenn man nach einem Albtraum reden konnte. Ich schätze, es ist fast Morgen. Ich werde ohnehin nicht mehr einschlafen, also kann ich genauso gut reden.

»Ranaan?«

Er hörte, wie der junge Mann sich auf seinem Lager zu ihm umdrehte.

»Ja?«

»Warst du wirklich Traumweber?«

»Ja.«

»Warum hast du dich den Pentadrianern angeschlossen?«

Ranaan seufzte. »Nachdem mein Lehrer getötet wurde, hat Amli mir bei der Flucht geholfen. Amli hat mir das Leben gerettet und mir Unterschlupf gewährt, bis es sicher war zurückzukehren…« Er hielt inne. »Aber es wird niemals mehr sicher sein. Fareehs Mörder wissen, dass ich sie identifizieren kann. Sie würden mich ebenfalls töten.«

»Ist das der Grund, warum du Pentadrianer geworden bist?«

»Es ist zu gefährlich, Traumweber zu sein.«

»Und ist es nicht gefährlich, Pentadrianer zu sein?«

»Nicht ganz so gefährlich. Zumindest nicht für mich. Ich … mir gefällt, was Amli lehrt. Ihre Götter zwingen sie nicht, Traumweber zu töten.«

»Das spielt keine Rolle mehr für dich. Du bist kein Traumweber mehr.«

»Nur weil ich kein Traumweber bin, heißt das nicht, dass mir gleichgültig wäre, was mit ihnen geschieht. Amli sagt, das sei die Einstellung der Pentadrianer. Die Traumweber verdienen nicht, was die Zirkler ihnen antun.« Er hielt inne. »Warum bist du hierhergekommen?«

Kalen lachte leise. »Sie geben mir zu essen. Ich habe ein warmes Quartier für die Nacht. Ich denke, es lohnt sich, all diese langweiligen Lektionen über sich ergehen zu lassen, wenn wir dafür am Ende ab und zu an einer Orgie teilnehmen dürfen.«

Ranaan brach in Gelächter aus. »Tut mir leid, deine Hoffnungen zu zerstören, Kalen, aber sie veranstalten keine Orgien.«

»Oh doch. Das weiß jeder.«

»Es ist nur ein Gerücht, das die Zirkler erfunden haben. Die Pentadrianer haben besondere Riten für verheiratete Paare, die ihnen helfen, Kinder zu empfangen, aber Orgien veranstalten sie nicht.«

»Das hat Amli dir vielleicht nur erzählt, damit du keinen Anstoß an seiner Religion nimmst.«

»Die Traumweber wissen das schon seit langer Zeit, Kalen. Vergiss nicht, es gibt auch in Südithania Traumweber.«

»Oh.« Kalen fluchte leise. »Das ist die zweite schlechte Neuigkeit, die ich heute bekommen habe.«

»Tut mir leid.« Ranaan kicherte. »Was war die erste?«

»Dass sie Menschen, die ohne Gaben geboren wurden, keine Gaben geben können.«

»Niemand kann seine Gaben stärker machen, als sie sind«, stimmte Ranaan ihm zu.

»Die Zirkler würden mich niemals zum Priester machen, aber diese Pentadrianer kümmert es nicht, wenn ich keine Gaben besitze.«

»Glaubst du, ihre Götter sind real?«

»Nach Amlis Geschichten zu urteilen sind sie es.«

»Ja. Das ist wahr. Was ist das für ein Geräusch?«

Die beiden Jungen verhielten sich ganz still und lauschten. Sie konnten leise Schritte hören, die über, unter und hinter der Mauer erklangen, die sie von der Gasse draußen trennte. Dann folgte ein Ausruf des Erschreckens, der sofort wieder erstickt wurde. Kalens Herz begann zu rasen. Er stand auf und schlich auf Zehenspitzen zum Fenster hinüber. Irgendetwas ging vor. Etwas Schlimmes.

»Was machst du da?«, fragte Ranaan benommen.

Er schläft tatsächlich wieder ein! Kalen schüttelte den Kopf. Er mag Gaben besitzen, aber er hat keinen Überlebensinstinkt. Kalen blickte wieder aus dem Fenster und bemerkte eine Bewegung in der Dunkelheit. Die Geräusche wurden lauter.

»Was ist los?« Ranaan, der jetzt vollkommen wach war, richtete sich auf.

»Ich weiß es nicht, aber ich habe nicht die Absicht zu warten, bis ich es herausfinde«, antwortete Kalen. »Draußen auf der Gasse sind Leute. So wie es sich anhört, sind sie auch über uns. Es muss einen anderen Weg hinaus geben. Amli hat wahrscheinlich irgendwo einen geheimen Ausgang.« Er bewegte sich auf die Tür zu.

Ein Schrei wurde laut, gedämpft von den Dielenbrettern.

»Das ist Amli«, sagte Ranaan.

Ein heller, nadelstichfeiner Lichtschein schimmerte auf und beleuchtete den Raum. Er schwebte über Ranaans Hand.

»Mach das aus!«, zischte Kalen. »Sie werden…«

Vor ihrer Tür erklangen jetzt stampfende Schritte. Kalen fluchte und sprang auf das Fenster zu. Im nächsten Moment spürte er Hände, die sein Bein umklammerten und ihn zurückzogen.

»Sei kein Idiot«, sagte Ranaan und richtete sich auf. »Bei einem Sturz aus dieser Höhe könntest du dich umbringen. Oder dir zumindest die Knochen brechen.«

»Das Risiko würde ich eingehen«, erwiderte Kalen und blickte an Ranaan vorbei. Die Tür war geöffnet worden, und zwei zirklische Priester kamen auf sie zu. Einer packte Ranaan an den Schultern. Der andere griff nach Kalens Arm. Kalen sackte resigniert in sich zusammen.

Welchen Sinn hat mein Überlebensinstinkt, wenn er sich zu spät meldet?, dachte er.

Die Priester führten sie aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Im Hauptraum kauerten sich mehrere pentadrianische Konvertiten aneinander, umringt von Priestern und Priesterinnen. Amli und seine Frau standen vor einer anderen Priesterin, die die beiden wütend anfunkelte.

»Du hast deine Männer als Priester verkleidet und beauftragt, andere anzuwerben, die sich an die Fersen von Traumwebern hefteten«, sagte die Priesterin. Sie sprach mit solcher Gewissheit, dass ihre Worte eher wie eine Feststellung klangen als wie eine Anklage. »Dann hast du diese Traumweber von deinen Männern ermorden lassen. Du hast versucht, ein schlechtes Licht auf die Zirkler zu werfen, damit die Pentadrianer besser dastanden, obwohl es sich in Wahrheit genau andersherum verhielt.« Sie schüttelte den Kopf. »Man hat mir erzählt, die Pentadrianer würden die Traumweber respektieren. War das eine Lüge?«