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»Wahrscheinlich müssen Sie dafür ein neues Gesetz erlassen«, sage ich kichernd.

»Wenn’s weiter nichts ist«, sagt der Präsident mit einem verschwörerischen Grinsen.

Ach, wie wir zwei uns miteinander amüsieren.

Das Fest, das im Bankettsaal von Präsident Snows Anwesen stattfindet, sucht seinesgleichen. Die weit über zehn Meter hohe Decke ist in einen Nachthimmel verwandelt worden und die Sterne sehen genauso aus wie zu Hause. Vom Kapitol aus sehen sie vermutlich auch so aus, aber wer weiß? In der Stadt ist immer zu viel Licht, um die Sterne zu sehen. Irgendwo in der Mitte zwischen dem Fußboden und der Decke schweben die Musiker auf etwas, das aussieht wie bauschige weiße Wolken, aber ich kann nicht erkennen, was sie in der Luft hält. Statt der großen Tische sind überall im Saal Sofas und Sessel gruppiert, einige um Kamine herum, andere an duftenden Blumengärten oder Teichen mit exotischen Fischen, und die Gäste können in aller Bequemlichkeit essen und trinken und tun, was ihnen gefällt. In der Mitte des Saals ist eine große geflieste Fläche, die zum Tanzen, als Bühne für die unterschiedlichsten Künstler und einfach als Treffpunkt für die extravagant gekleideten Gäste dient.

Doch der eigentliche Star des Abends ist das Essen. Tafeln voller Köstlichkeiten sind an den Wänden entlang aufgebaut. Alles, was man sich nur vorstellen kann, steht dort bereit, Speisen, die man sich nie hätte träumen lassen. Ganze gebratene Rinder, Schweine und Ziegen, die sich noch am Spieß drehen. Riesige Platten mit Geflügel, gefüllt mit herrlichen Früchten und Nüssen. Meerestiere, die mit Soßen beträufelt sind oder darauf warten, in würzige Dips getunkt zu werden. Zahllose Käsesorten, verschiedene Brote, Gemüse, Desserts; Kaskaden von Wein und Ströme von Spirituosen, auf denen die Flammen züngeln.

Mit meinem Kampfgeist ist auch mein Appetit wieder erwacht. Nachdem ich wochenlang vor lauter Sorgen kaum essen konnte, habe ich jetzt einen Riesenhunger.

»Ich will alles probieren, was es gibt«, sage ich zu Peeta.

Ich sehe ihm an, dass er versucht, meine Miene zu deuten, den Wandel nachzuvollziehen. Er weiß ja nicht, dass ich in den Augen von Präsident Snow versagt habe, deshalb kann er nur schlussfolgern, dass ich glaube, wir hätten es geschafft. Vielleicht sogar, dass ich mich über unsere Verlobung wirklich ein bisschen freue. Seine Verwirrung spiegelt sich in seinem Blick, aber nur kurz, denn wir werden gefilmt. »Dann lass es lieber langsam angehen«, sagt er.

»Na gut, nicht mehr als einen Bissen von jedem Gericht«, sage ich. Ich werde meinem Vorsatz schon an dem ersten Tisch mit rund zwanzig Suppen untreu, als ich eine cremige Kürbissuppe mit geraspelten Nüssen und kleinen schwarzen Samen probiere. »Die könnte ich den ganzen Abend essen!«, rufe ich. Aber das tue ich nicht. Bei einer klaren grünen Brühe, deren Geschmack sich nur mit dem Wort »frühlingshaft« beschreiben lässt, werde ich erneut schwach, und dann noch einmal, als ich ein rosafarbenes, mit Himbeeren getupftes Schaumsüppchen koste.

Gesichter tauchen auf, Namen werden ausgetauscht, Fotos geknipst, Küsschen auf Wangen gehaucht. Meine Spotttölpelbrosche hat anscheinend eine neue Mode ins Leben gerufen, mehrere Leute kommen zu mir, um mir ihre Accessoires zu zeigen. Der Vogel ist auf Gürtelschnallen zu sehen, auf Seidenrevers gestickt, sogar an intimen Stellen eintätowiert. Alle wollen das Zeichen der Siegerin tragen. Ich kann nur ahnen, wie das Präsident Snow zur Weißglut bringen muss. Aber was kann er tun? Die Spiele sind so gut angekommen, hier, wo die Beeren nur für das verzweifelte Mädchen stehen, das den Geliebten retten will.

Peeta und ich suchen keine Gesellschaft, ganz von selbst kommen die Leute zu uns. Wir sind die Hauptattraktion auf dem Fest. Ich tue so, als wäre ich hocherfreut, aber die Leute vom Kapitol interessieren mich kein bisschen. Sie lenken mich nur vom Essen ab.

Jeder Tisch hält neue Verlockungen bereit und selbst mit der Alles-nur-einmal-probieren-Regel werde ich schnell satt. Ich nehme mir einen kleinen gebratenen Vogel, beiße hinein und Orangensoße breitet sich auf meiner Zunge aus. Köstlich. Doch den Rest dränge ich Peeta auf, weil ich noch mehr probieren möchte, und die Vorstellung, Essen wegzuwerfen, wie es hier so viele Leute gedankenlos tun, ist mir ein Graus. Nach etwa zehn Tischen bin ich satt, dabei haben wir nur einen kleinen Teil der Gerichte durchprobiert.

Genau in dem Moment kommt mein Vorbereitungsteam auf uns zugestürmt. Sie sind ganz außer sich von dem Alkohol und vor Begeisterung darüber, bei so einer großen Sache dabei zu sein.

»Warum isst du nichts?«, fragt Octavia.

»Hab ich schon, jetzt kriege ich nichts mehr runter«, sage ich. Alle lachen, als wäre es das Albernste, was sie je gehört haben.

»Davon lässt man sich doch nicht abhalten!«, sagt Flavius. Sie führen uns zu einem Tisch, auf dem kleine Weingläser stehen, die mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt sind. »Trinkt das!«

Als Peeta ein Glas nimmt, um einen Schluck zu trinken, flippen sie aus.

»Doch nicht hier!«, schreit Octavia.

»Du musst es dadrin trinken«, sagt Venia und zeigt auf eine Tür, die zu den Toiletten führt. »Sonst landet doch alles auf dem Boden!«

Peeta schaut wieder auf das Glas, bis er begreift. »Du meinst, dass ich mich davon übergeben muss?«

Mein Vorbereitungsteam lacht hysterisch. »Na klar, damit du weiteressen kannst«, sagt Octavia. »Ich war schon zweimal dadrin. Alle machen das, wie soll man so ein Festessen sonst genießen?«

Ich bin sprachlos, ich starre auf die hübschen kleinen Gläser und denke an Octavias Worte. Peeta stellt sein Glas mit einer Präzision zurück, als könnte es explodieren. »Komm, Katniss, wir tanzen.«

Musik dringt durch die Wolken herab, während er mich von dem Team und dem Tisch wegführt und mit mir zur Tanzfläche geht. Von zu Hause kennen wir nur wenige Tänze, solche, die zu Fidein und Flöten passen und für die man ziemlich viel Platz braucht. Doch Effie hat uns einige Tänze gezeigt, die im Kapitol beliebt sind. Die Musik ist langsam und traumgleich, also zieht Peeta mich in seine Arme, und wir drehen uns im Kreis, fast ohne Schritte. Diesen Tanz könnte man auf einem Kuchenteller tanzen. Eine Weile schweigen wir. Dann spricht Peeta mit gepresster Stimme.

»Da macht man mit, denkt sich, man kommt damit Idar und vielleicht sind sie doch nicht so übel, und dann …« Er verstummt.

Ich muss an die ausgemergelten Kinder auf unserem Küchentisch denken, an meine Mutter, die das verschreibt, was die Eltern nicht haben. Mehr zu essen. Jetzt, da wir reich sind, wird sie ihnen einiges mit nach Hause geben. Aber damals hatten wir oft nichts, was sie ihnen hätte geben können, und häufig kam für das Kind ohnehin jede Hilfe zu spät. Und hier im Kapitol übergeben sich die Leute, um sich die Bäuche nur zum Spaß erneut vollschlagen zu können. Nicht weil sie körperlich oder seelisch krank wären, nicht weil das Essen verdorben wäre. Das macht man eben so auf einem Fest. Es wird erwartet. Gehört zum Vergnügen dazu.

Einmal, als ich bei Hazelle vorbeiging, um ihr Wild zu bringen, war Vick mit einem schlimmen Husten zu Hause. Da der Kleine zu Gales Familie gehört, bekommt er mehr zu essen als neunzig Prozent der Bevölkerung von Distrikt 12. Trotzdem redete er eine Viertelstunde davon, dass sie eine Dose Maissirup vom Pakettag aufgemacht hätten, dass jeder einen Löffel voll aufs Brot bekommen habe und dass es im Laufe der Woche vielleicht noch mehr geben werde. Und Hazelle hatte gesagt, sie könne ihm vielleicht ein bisschen Sirup in den Tee tun gegen den Husten, aber er fand das ungerecht, wenn die anderen nicht auch etwas bekämen. Wenn es schon bei Gale so zugeht, wie muss es dann erst in den anderen Häusern sein?

»Peeta, die bringen uns her, damit wir uns zu ihrer Unterhaltung bis auf den Tod bekämpfen«, sage ich. »Im Vergleich dazu ist das hier doch gar nichts.«

»Ich weiß. Ich weiß ja. Aber manchmal halte ich es einfach nicht mehr aus. Bis … bis ich nicht mehr weiß, was ich tun werde.« Er schweigt, dann flüstert er: »Vielleicht haben wir einen Fehler gemacht, Katniss.«