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Als wir zu Distrikt 12 kommen, bin ich schon überwältigt von der Anzahl der Kinder, die dem sicheren Tod entgegengehen. Eine Frau, allerdings nicht Effie, ruft die Namen von Distrikt 12 auf, und auch sie sagt: »Ladies first!« Sie ruft den Namen eines Mädchens auf - man sieht ihm an, das es aus dem Saum stammt -, und dann höre ich den Namen: »Maysilee Donner.«

»Oh!«, sage ich. »Das war eine Freundin meiner Mutter.« Die Kamera macht sie in der Menge ausfindig, während sie zwei Mädchen umarmt. Alle blond. Und eindeutig Kaufmannstöchter.

»Das ist doch deine Mutter, die sie da umarmt«, sagt Peeta leise. Er hat recht. Als Maysilee Donner sich tapfer löst und zur Bühne geht, erhasche ich einen Blick auf meine Mutter, die damals so alt war wie ich heute. Was ihre Schönheit angeht, hat man nicht übertrieben. Ein zweites Mädchen, das Maysilee sehr ähnlich sieht, hält ihre Hand und weint. Aber dieses Mädchen sieht noch jemandem ähnlich, den ich kenne.

»Madge«, sage ich.

»Ihre Mutter. Sie und Maysilee waren Zwillinge oder so«, sagt Peeta. »Das hat mein Dad mal erzählt.«

Ich denke an Madges Mutter. Die Frau von Bürgermeister Undersee. Die die Hälfte der Zeit von unerträglichen Schmerzen ans Bett gefesselt ist und die Welt ausblendet. Mir ist nie bewusst gewesen, dass es diese Verbindung zwischen ihr und meiner Mutter gibt. Ich denke daran zurück, wie Madge in dem Schneesturm aufgetaucht ist, um das Schmerzmittel für Gale zu bringen. Denke an meine Spotttölpelbrosche und daran, dass sie eine andere Bedeutung hat, seit ich weiß, dass Madges Tante, Maysilee Donner, sie einst getragen hat - ein Tribut, der in der Arena ermordet wurde.

Als Letzter wird Haymitch aufgerufen. Ihn zu sehen, schockiert mich noch mehr als der Anblick meiner Mutter eben.

Jung. Stark. Es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber er sieht echt toll aus. Dunkle Locken, die grauen Augen klar und schon damals gefährlich.

»Mensch, Peeta, er wird doch nicht Maysilee getötet haben, oder?«, bricht es aus mir heraus. Ich weiß nicht, warum, aber die Vorstellung ist mir unerträglich.

»Bei achtundvierzig Spielern? Nicht sehr wahrscheinlich, würde ich behaupten«, sagt Peeta.

Die Wagenparade - bei der die Kinder aus Distrikt 12 in grauenhaften Bergarbeiteroutfits stecken - und die Interviews rauschen vorbei. Man hat kaum Zeit, sich auf einen zu konzentrieren. Aber weil Haymitch der spätere Sieger ist, wird ein Wortwechsel zwischen ihm und Caesar Flickerman gezeigt, der in seinem nachtblauen Glitzeranzug exakt so aussieht wie immer. Nur die dunkelgrün gefärbten Haare, Lider und Lippen sind anders.

»Also, Haymitch, was hältst du davon, dass bei diesen Spielen hundert Prozent mehr Mitstreiter dabei sind als sonst?«, fragt Caesar.

Haymitch zuckt die Achseln. »Ich sehe da keinen großen Unterschied. Sie werden hundert Prozent so dumm sein wie sonst auch und deshalb schätze ich meine Chancen eigentlich gleich ein.«

Die Zuschauer lachen, Haymitch schenkt ihnen ein halbes Lächeln. Höhnisch. Arrogant. Gleichgültig.

»Dafür hat er sich nicht sonderlich verstellen müssen, oder?«, sage ich.

Schnitt auf den Morgen, an dem die Spiele beginnen. Wir erleben aus der Perspektive einer Spielerin mit, wie sie vom Starträum durch den Zylinder in die Arena hinauffährt. Ich schnappe nach Luft. Unglauben zeichnet sich auf den Gesichtern der Spieler ab. Sogar Haymitch hebt erfreut die Augenbrauen, zieht sie dann aber sofort wieder zu einer finsteren Miene zusammen.

Die Szenerie ist atemberaubend. Das goldene Füllhorn thront mitten auf einer grünen Wiese mit lauter prächtigen Blumen. Der Himmel ist azurblau mit bauschigen weißen Wolken. Singvögel flattern fröhlich über den Köpfen der Tribute, von denen einige schnuppernd die Nase recken. Der Duft muss fantastisch sein. Eine Luftaufnahme zeigt, dass die Wiese sich über viele Kilometer erstreckt. In der Ferne liegt in der einen Richtung ein Wald, in der anderen ein schneebedeckter Berg.

Die Spieler lassen sich von der Schönheit des Anblicks verzaubern, und als der Gong ertönt, sehen die meisten aus, als würden sie aus einem Traum erwachen. Nicht so Haymitch. Im Nu ist er beim Füllhorn, hat sich Waffen und einen Rucksack mit Vorräten gesichert. Ehe die anderen auch nur die Metallscheibe verlassen haben, ist er schon auf dem Weg in den Wald.

Achtzehn Tribute werden beim Gemetzel des ersten Tages getötet. Die anderen sterben wie die Fliegen, denn rasch zeigt sich, dass fast alles an diesem bezaubernden Ort - die köstlichen Früchte, die an den Sträuchern baumeln, das Wasser in den kristallklaren Bächen, sogar der Duft der Blumen, wenn man ihn von Nahem einatmet - tödlich giftig ist. Nur das Regenwasser und die Nahrungsmittel aus dem Füllhorn lassen sich gefahrlos konsumieren. Es gibt auch eine große, gut ausgerüstete Karrierotruppe aus zehn Tributen, die auf der Suche nach Opfern die Bergregion durchstreift.

Haymitch in seinem Wald kommt ganz schön in Bedrängnis, weil die flauschigen goldenen Eichhörnchen sich als rudelweise attackierende Fleischfresser herausstellen und die Stiche der Schmetterlinge Höllenqualen hervorrufen - wenn sie nicht sogar tödlich sind. Aber er kämpft sich immer weiter vorwärts, weg von dem fernen Berg hinter ihm.

Maysilee Donner erweist sich als ganz schön erfinderisch für ein Mädchen, das am Füllhorn lediglich einen kleinen Rucksack ergattert hat. Darin findet sie eine Schale, etwas getrocknetes Rindfleisch und ein Blasrohr mit zwei Dutzend Pfeilen. Sie nutzt die üppig vorhandenen Gifte und verwandelt das Blasrohr in eine tödliche Waffe, taucht die Pfeile in hochgiftige Substanzen und schießt sie ins Fleisch ihrer Gegner.

Nach vier Tagen bricht der malerische Berg aus und eliminiert ein weiteres Dutzend Spieler, darunter die Hälfte aller Karrieretribute. Da der Berg flüssiges Feuer spuckt und die Wiese keinerlei Versteck bietet, haben die verbliebenen dreizehn Tribute - einschließlich Haymitch und Maysilee - keine andere Wahclass="underline" Sie müssen in den Wald.

Haymitch scheint entschlossen, immer der gleichen Richtung zu folgen, fort von dem Berg, der zum Vulkan geworden ist, doch ein Labyrinth aus dichten Hecken zwingt ihn in einem Bogen zurück in die Mitte des Waldes, wo er auf drei der Karrieretribute trifft. Haymitch zückt sein Messer. Sie sind vielleicht größer und stärker, aber er ist sehr schnell und hat bereits zwei getötet, als er vom dritten überwältigt wird. Der Karriero will ihm gerade die Kehle aufschlitzen, da streckt ihn ein Pfeil zu Boden.

Maysilee Donner tritt zwischen den Bäumen hervor. »Zu zweit würden wir länger leben.«

»Schätze, das hast du soeben bewiesen«, sagt Haymitch und reibt sich den Hals. »Verbündete?« Maysilee nickt. Und mir nichts, dir nichts haben sie plötzlich eins dieser Bündnisse geschlossen, die man irgendwann notgedrungen brechen muss, wenn man jemals zurück nach Hause und seinen Distrikt wiedersehen will.

Wie Peeta und ich sind sie zu zweit besser dran. Sie schlafen mehr, denken sich gemeinsam eine Methode aus, wie sie mehr Regenwasser gewinnen können, kämpfen im Team und teilen das Essen aus den Rucksäcken der toten Tribute. Trotzdem, Haymitch ist immer noch entschlossen, weiterzumarschieren.

»Warum?«, fragt Maysilee immer wieder, doch er ignoriert sie, bis sie sich schließlich weigert, auch nur noch einen Schritt zu machen, solange sie keine Antwort bekommt.

»Weil es doch irgendwo ein Ende geben muss, oder?«, sagt Haymitch. »Die Arena kann nicht unendlich sein.«

»Und was, glaubst du, wirst du dort finden?«, fragt Maysilee.

»Ich weiß nicht. Aber vielleicht ist da etwas, das wir gebrauchen können«, antwortet er.

Als sie mithilfe eines Schneidbrenners, den sie aus dem Rucksack eines der toten Karrieros haben, endlich die schier unüberwindliche Hecke hinter sich gebracht haben, treten sie auf eine ausgetrocknete Ebene hinaus, die an einer Klippe endet. Weit unten sind zerklüftete Felsen zu erkennen.