Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich zurück zu Peeta muss, um ihn zu retten. Mit letzter Willenskraft setze ich mich auf, ein Baumstamm ganz in der Nähe hilft mir, mich hochzurappeln. Ich bin heilfroh, dass ich etwas zum Anlehnen habe, denn der Dschungel schwankt hin und her. Ohne Vorwarnung beuge ich mich vor und erbreche das üppige Festmahl, so lange, bis keine einzige Auster in meinem Körper zurückgeblieben sein kann. Zitternd und schweißbedeckt prüfe ich meinen körperlichen Zustand.
Als ich meinen verletzten Arm hebe, spritzt mir das Blut ins Gesicht und die Welt kippt wieder bedenklich. Ich schließe die Augen und klammere mich an den Baum, bis meine Umgebung etwas stabiler geworden ist. Ich mache ein paar Schritte auf den Nachbarbaum zu, zupfe etwas Moos ab und wickele es fest um meinen Arm, ohne die Wunde näher zu untersuchen. Besser so. Es ist ganz sicher besser, wenn ich sie nicht anschaue. Dann erlaube ich meiner Hand, vorsichtig die Wunde am Kopf zu betasten. Eine große Beule, aber nur wenig Blut. Offenbar liegt der Schaden innen, aber Gefahr zu verbluten besteht wohl nicht. Zumindest nicht durch den Kopf.
Ich wische die Hände an Moos ab und greife mit dem verletzten linken Arm unsicher nach dem Bogen. Lege einen Pfeil in die Sehne ein. Befehle meinen Füßen, den Hang hinaufzustapfen.
Peeta. Mein letzter Wunsch. Mein Versprechen. Sein Leben zu retten. Ein bisschen leichter ums Herz wird mir, als mir einfällt, dass keine Kanone abgefeuert wurde und er also noch leben muss. Vielleicht hat Johanna auf eigene Faust gehandelt, weil sie wusste, dass Finnick sich ihr anschließen würde, wenn ihre Absichten erst mal klar wären. Obwohl man einfach nicht durchblickt, was zwischen den beiden läuft. Ich muss daran denken, wie er zu ihr hinsah und ihre Zustimmung abwartete, bevor er sich mit Beetees Falle einverstanden erklärte. Das Bündnis zwischen ihnen geht viel tiefer, es beruht auf jahrelanger Freundschaft und wer weiß was noch. Wenn Johanna mich angegriffen hat, darf ich Finnick nicht länger über den Weg trauen.
Ich bin kaum zu dieser Schlussfolgerung gelangt, da höre ich, wie jemand den Hang heruntergerannt kommt. Peeta oder Beetee können es nicht sein, so schnell sind sie nicht. Gerade noch rechtzeitig ducke ich mich hinter einem Vorhang aus Ranken. Finnick fliegt an mir vorbei, seine Haut ist fleckig von der Salbe, er springt durchs Unterholz wie ein Hirsch. Im Nu erreicht er den Ort der Attacke, jetzt muss er das Blut entdeckt haben. »Johanna! Katniss!«, ruft er. Ich rühre mich nicht vom Fleck, bis er fort ist, in die Richtung, die Johanna und die Karrieros eingeschlagen haben.
Ich bewege mich, so schnell ich kann, ohne dass die Welt sich wieder dreht. In meinem Kopf hämmert es im Rhythmus meines rasenden Herzschlags. Das Klicken der Insekten, die wahrscheinlich vom Blutgeruch erregt sind, schwillt in meinen Ohren zu einem steten Gebrüll an. Oder nein. Vielleicht klingeln mir auch die Ohren von dem Schlag mit der Drahtrolle. Ich werde erst Gewissheit haben, wenn die Insekten still sind. Doch wenn die Insekten verstummen, kommt der Blitz. Ich muss schneller laufen. Ich muss zu Peeta.
Der Knall einer Kanone lässt mich abrupt stehen bleiben. Einer ist gestorben. Jetzt, da alle bewaffnet und voller Angst durch die Gegend laufen, könnte es jeder sein. Aber wer immer es auch sein mag, sein Tod wird der Startschuss für ein allgemeines Gemetzel heute Nacht sein. Die Leute werden erst töten, über ihre Motive werden sie dann hinterher nachdenken. Ich zwinge meine Beine zu rennen.
Etwas verhakt sich in meinen Füßen und ich falle der Länge nach hin. Ich spüre, wie sich etwas um mich wickelt, und plötzlich bin ich in Fasern gefangen, die in die Haut schneiden. Ein Netz! Das muss eins von Finnicks tollen Netzen sein, die er ausgelegt hat, um mich zu fangen, und er wartet bestimmt schon ganz in der Nähe mit erhobenem Dreizack. Ich schlage wild um mich, wodurch ich mich nur noch mehr in dem Netz verheddere. Dann betrachte ich es im Mondlicht genauer. Verwirrt hebe ich den Arm und sehe, dass es aus schimmernden Goldfaden besteht. Das ist gar keins von Finnicks Netzen, das ist Beetees Draht. Vorsichtig stehe ich auf und stelle fest, dass ich über ein Stück Draht gestolpert bin, das sich an einem Baumstamm verheddert hat, als es zum Gewitterbaum zurückgeschnellt ist. Vorsichtig befreie ich mich, halte von nun an einen Sicherheitsabstand zum Draht ein und haste weiter bergauf.
Die gute Nachricht ist, dass ich auf dem richtigen Weg bin und durch die Kopfverletzung immerhin nicht meinen Orientierungssinn verloren habe. Die schlechte ist das drohende Gewitter, an das der Draht mich erinnert hat. Noch höre ich die Insekten, aber sind sie nicht schon leiser geworden?
Beim Rennen halte ich mich an den Draht, der ein paar Meter links von mir in Schleifen daliegt, aber ich gebe gut acht, dass ich ihm nicht zu nah komme. Sobald die Insekten verstummen und der erste Blitz in den Baum einschlägt, wird er sich mit voller Wucht in diesen Draht entladen, und jeder, der damit in Berührung kommt, wird sterben.
Der Baum kommt in Sicht, sein Stamm ist wie mit Gold verziert. Ich bremse ab, versuche mich unauffällig zu bewegen, aber ich kann von Glück sagen, dass ich nicht umkippe. Ich suche nach Lebenszeichen der anderen. Nichts. Keiner da. »Peeta?«, rufe ich leise. »Peeta?«
Als Antwort kommt ein leises Stöhnen. Ich fahre herum und entdecke weiter oben auf dem Boden eine Gestalt. »Beetee!«, rufe ich. Ich renne zu ihm und knie hin. Das Stöhnen muss unwillkürlich gekommen sein. Er ist nicht bei Bewusstsein, obwohl ich keine Wunde sehe außer einem tiefen Schnitt unterhalb der Armbeuge. Ich klaube etwas Moos zusammen und verbinde damit provisorisch den Arm, während ich versuche, ihn wach zu rütteln: »Beetee! Beetee, was ist hier los? Woher hast du diese Wunde? Beetee!« Ich schüttele ihn, wie man einen Verletzten niemals schütteln sollte, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Er stöhnt wieder auf und hebt kurz die Hand, um mich abzuwehren.
Da erst bemerke ich das Messer in seiner Hand, ein Messer, das, soweit ich weiß, zuvor Peeta bei sich trug und das nun lose mit Draht umwickelt ist. Verdutzt stehe ich auf, ziehe an dem Draht und stelle fest, dass er mit dem Baum verbunden ist. Erst da fällt mir das zweite Stück Draht ein, das Beetee ganz am Anfang, bevor er sich dem Stamm widmete, um einen Ast gewickelt und Finnick gereicht hatte, damit der es auf den Boden legt. Ich hatte gedacht, das Stück hätte irgendeine Funktion für die Falle und Beetee wollte es später einbauen. Aber offenbar hatte er etwas anderes im Sinn, denn hier liegt es noch, gut zwanzig bis fünfundzwanzig Meter Draht.
Ein Blick den Hügel hinauf sagt mir, dass wir uns ganz in der Nähe des Kraftfelds befinden. Da ist die verräterische freie Stelle, weit rechts über mir, genau wie heute Morgen. Was hatte Beetee vor? Hat er tatsächlich versucht, das Messer in das Kraftfeld zu stoßen, wie Peeta, nur mit voller Absicht? Und was soll das mit dem Draht? War das sein Plan B? Wollte er für den Fall, dass es nicht gelingen sollte, das Wasser unter Strom zu setzen, die Blitzenergie ins Kraftfeld leiten? Was würde dann wohl geschehen? Nichts? Oder die Katastrophe? Würden wir alle gegrillt? Ich nehme an, dass auch das Kraftfeld hauptsächlich aus Energie besteht. Das im Trainingscenter war unsichtbar gewesen. Dieses hier scheint irgendwie den Dschungel widerzuspiegeln. Doch als es von Peetas Messer und meinen Pfeilen getroffen wurde, habe ich gesehen, wie es ins Wanken geriet. Die wahre Welt liegt gleich dahinter.