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„Ach ja. Schwester K. Delaney“, sagte ihr finsterer Meister, als ob er sich erst jetzt wieder an sie erinnerte. „Ich will, dass du auf das Dach kommst, nachdem wir fort sind. Ich weiß, dass du den Ausblick vom Rand so spektakulär findest. Genieße ihn einen Augenblick … und dann springe hinunter.“

Sie blinzelte ihn gleichgültig an und nickte dann mit dem Kopf, völlig in seinem Bann.

„Kendra!“, schrie Gabrielle, die sich inständig wünschte, ihre Freundin irgendwie erreichen zu können. „Kendra, tu es nicht!“

Der Mann in dem schwarzen Mantel und mit der dunklen Brille schritt völlig unbekümmert an Kendra vorbei. „Lasst uns gehen. Ich bin hier fertig.“

Als der letzte Block C4 am nördlichen Ende der Nervenheilanstalt angebracht war, bahnte sich Lucan seinen Weg durch einen Belüftungsschacht nach draußen. Er bewegte das gelockerte Gitter und hievte sich nach draußen auf den Boden. Das Gras wurde unter ihm plattgedrückt, als er sich über die Erde wälzte, und die frische Luft fühlte sich in seinem Mund kühl an, als er auf die Beine kam und in Richtung der Umzäunung lief.

„Niko, wie sieht es aus?“

„Alles gut. Tegan ist auf dem Rückweg, und Gideon sollte direkt hinter dir sein.“

„Hervorragend.“

„Hab meinen Finger auf den Sprengzündern“, sagte Nikolai, als seine Stimme beinahe durch das leise Geräusch eines sich nähernden Helikopters übertönt wurde. „Sag Bescheid, Lucan. Ich brenne darauf, diesen Scheißhaufen hochzujagen.“

„Ich auch“, entgegnete Lucan. Er starrte finster in den nächtlichen Himmel und suchte nach dem Helikopter. „Ich höre was, Niko. Klingt wie ein Hubschrauber, der direkt hierher fliegt.“

Sobald er es ausgesprochen hatte, erblickte er die dunkle Silhouette über den Baumwipfeln. Kleine Lichter blitzten auf, während der Helikopter auf das Dach der Nervenheilanstalt zusteuerte und mit seinem Landeanflug begann.

Die Luft wurde durch den sich in einem gleichmäßigen Rhythmus drehenden Rotor aufgewirbelt. Lucan roch Kiefern und Sommerpollen … und einen anderen Duft, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Oh Gott“, keuchte er, als er den schwachen Jasminduft wahrnahm. „Rühr die Sprengzünder nicht an, Niko! Um Himmels willen, was auch immer du tust, spreng das verdammte Gebäude nicht in die Luft!“

33

Eine explosive Mischung aus Adrenalin, Wut und wahnsinniger Angst katapultierte Lucan auf das Dach der alten Nervenheilanstalt. Der Hubschrauber hatte kaum auf seinen Kufen aufgesetzt, als der Vampir bereits in seine Richtung stürmte. Lucan vibrierte vor Zorn, er war explosiver und instabiler als ein mit C4 bepackter Sattelschlepper. Er war bereit, demjenigen, der Gabrielle in dieser Maschine festhielt, alle Glieder auszureißen, wer auch immer es war.

Er näherte sich dem Helikopter von hinten, sorgfältig darauf bedacht, nicht gesehen zu werden, rollte sich unter dem Heck hindurch und tauchte dann mit gezogener Pistole auf der Copilotenseite des Cockpits auf.

Er erhaschte einen Blick auf Gabrielle im Inneren. Sie saß auf dem Rücksitz, neben einem großen Mann in schwarzer Kleidung und mit dunkler Brille, und sah so klein aus, so verängstigt. Ihr Duft umhüllte ihn. Und ihre Angst zerriss ihm das Herz.

Lucan riss die Cockpittür auf, stieß Gabrielles Entführer die Waffe ins Gesicht und griff mit der freien Hand nach ihr. Aber sie wurde zurückgezerrt, bevor er sie fassen konnte. „Lucan?“, keuchte Gabrielle, ihre Augen vor Überraschung weit aufgerissen. „Oh mein Gott – Lucan!“

Er versuchte mit einem schnellen Blick die Situation einzuschätzen und bemerkte den Lakaienpiloten sowie einen anderen menschlichen Sklaven neben ihm auf dem Vordersitz. Der Lakai auf dem Copilotensitz drehte sich um, um Lucans Arm wegzuschlagen – und bekam stattdessen eine Kugel in den Kopf.

Als Lucan kaum einen Augenblick später wieder zu Gabrielle sah, hielt der Mann auf dem Rücksitz Gabrielle eine Klinge an den Hals. Unter dem Ärmel seines langen, schwarzen Trenchcoats sah man die Dermaglyphen, die Lucan auf den Überwachungsfotos von der Westküste gesehen hatte.

„Lassen Sie sie los“, sagte Lucan zu dem Gen-Eins-Anführer der Rogues.

„Du meine Güte, diese Reaktion kam schneller, als ich gedacht hätte, sogar für einen im Blut verbundenen Krieger. Was hast du vor? Warum bist du hier?“

Die leise, arrogante Stimme überraschte Lucan.

Kannte er diesen Mistkerl?

„Lassen Sie sie gehen“, sagte Lucan, „dann werde ich Ihnen zeigen, warum ich hier bin.“

„Ich denke nicht.“ Der Gen-Eins-Vampir lächelte breit und entblößte dabei seine Zähne.

Keine Fangzähne. Ein Vampir, aber kein Rogue.

Was zum Teufel?

„Sie ist hinreißend, Lucan. Um genau zu sein, hatte ich erwartet, dass sie dir gehört.“

Gott, er kannte diese Stimme, tief begraben in seiner Erinnerung.

Tief in seiner Vergangenheit.

Ein Name drang ihm ins Gedächtnis, so scharf wie eine Klinge.

Nein. Er konnte es nicht sein.

Unmöglich …

Er schüttelte seine Verwirrung ab, aber seine mangelnde Konzentration rächte sich sofort. Ein Rogue war aus dem Inneren des Gebäudes auf das Dach der Nervenheilanstalt gekommen und hatte sich unbemerkt von der Seite an ihn herangeschlichen. Mit einem Knurren packte er die Hubschraubertür und stieß sie mit dem Rand gegen Lucans Schädel.

„Lucan!“, schrie Gabrielle. „Nein!“

Er taumelte, und seine Knie gaben unter ihm nach. Seine Waffe fiel ihm aus der Hand. Sie rutschte über die raue Oberfläche des Daches, mehrere Meter außer Reichweite.

Der Rogue verpasste Lucan mit seiner riesigen Faust einen Schlag gegen den Kiefer. Eine Sekunde später traf ihn ein brutaler Fußtritt in die Rippen. Lucan ging zu Boden, aber er holte mit seinem Stiefel aus und ließ das Bein seines Angreifers unter ihm einknicken. Er stürzte sich auf den Rogue, tastete mit einer Hand nach der Stichwaffe, die er sich in einer Scheide um den Körper geschnallt hatte.

Etwa einen Meter entfernt begannen die Rotoren des Hubschraubers sich schneller zu drehen. Der Pilot bereitete sich darauf vor, wieder abzuheben. Das konnte Lucan nicht zulassen. Wenn er Gabrielle von diesem Dach abfliegen lassen würde, dann bestand für ihn keine Hoffnung mehr, sie je lebend wiederzusehen.

„Bring uns hier raus“, befahl Gabrielles Entführer seinem Piloten, als die Rotoren des Helikopters sich immer schneller drehten.

Draußen auf dem Dach kämpfte Lucan gegen den Rogue, der heraufgekommen war und ihn angegriffen hatte. Durch die Dunkelheit erhaschte Gabrielle einen Blick auf einen weiteren Kerl, der durch eine Dachluke der Nervenheilanstalt heraufkam.

„Oh nein“, flüsterte sie. Durch die Stahlschneide, die in ihre Kehle drückte, konnte sie kaum sprechen.

Der große Mann neben ihr beugte sich vor, um zu sehen, was auf dem Dach passierte. Lucan war auf die Beine gekommen. Er zerteilte den ersten Rogue, der über ihn hergefallen war, und schlitzte ihm den Bauch auf. Der Schrei des Rogue übertönte sogar das laute Dröhnen der Hubschrauberrotoren. Und sein Körper begann sich zu krümmen, sich zu verkrampfen … zu schmelzen.

Lucan wandte den Kopf zu dem Helikopter. Wut brannte in seinen Augen; sie wirkten wie zwei glühende Kohlen, die von Höllenfeuer erleuchtet wurden. Er machte brüllend einen Satz nach vorn, die Schultern zusammengezogen, und ging mit der Wucht eines Güterzuges auf den Hubschrauber los.

„Bring uns jetzt sofort hier raus!“, brüllte der Mann neben Gabrielle, und zum ersten Mal hörte sie in seiner Stimme wahre Besorgnis. „Jetzt sofort, verdammt noch mal!“

Der Helikopter begann aufzusteigen.

Gabrielle versuchte sich der scharfen Klinge zu entziehen, indem sie ihre Wirbelsäule gegen die Lehne des kleinen Rücksitzes presste. Wenn sie nur einen Weg finden könnte, den Arm dieses Kerls wegzuschlagen, dann wäre sie vielleicht imstande, die Cockpittür zu erreichen …