Beim Aufwachen schien die Sonne. Tolliver war im Bad, machte Katzenwäsche und murrte vor sich hin.
»Was murrst du da?«, fragte ich, setzte mich auf und schwang meine Beine aus dem Bett.
»Ich möchte endlich duschen«, sagte er. »Ich wünsche mir nichts mehr als eine Dusche.«
»Tut mir leid«, sagte ich und meinte es ernst. »Aber noch darf deine Schulter nicht nass werden.«
»Heute Abend können wir versuchen, eine Müll- oder Einkaufstüte darüber zu kleben«, schlug er vor. »Wenn wir sie richtig befestigen, bin ich mit dem Duschen fertig, bevor das Klebeband aufweicht.«
»Wir können es ja mal probieren«, willigte ich ein. »Und, was steht heute auf dem Programm?«
Keine Antwort.
»Tolliver?«
Schweigen.
Ich stand auf und ging zum Bad. »Was ist denn?«
»Heute«, sagte er, »müssen wir mit meinem Dad reden.«
»Müssen wir das wirklich?«, fragte ich vorsichtig.
»Ja«, erwiderte er fest entschlossen.
»Und dann?«
»Dann werden wir in den Sonnenuntergang reiten«, sagte er. »Wir werden nach St. Louis zurückfahren und eine Weile allein sein.«
»Oh, das klingt gut. Ich wünschte, wir könnten das mit deinem Dad ausfallen lassen und gleich ›allein sein‹.«
»Ich dachte, du brennst darauf, mit ihm abzurechnen.« Er begann, sich seinen Bartstoppeln zu widmen, und hielt kurz inne, während eine Wange noch vor Rasiergel glänzte.
Das hatte ich eigentlich auch erwartet. »Es gibt vieles, was ich lieber nicht wissen will«, sagte ich. »Dabei hätte ich mir das nie vorstellen können. Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet.«
Er legte seinen gesunden Arm um mich und drückte mich. »Ich habe auch schon überlegt, Texas noch heute zu verlassen«, sagte er. »Wirklich. Aber das geht nicht.«
»Nein«, pflichtete ich ihm bei.
Ich hatte wie vereinbart Dr. Spradlings Krankenschwester angerufen und ihr erzählt, dass Tolliver keine erhöhte Temperatur hatte, nicht blutete und dass seine Wunde nicht entzündet aussah. Sie ermahnte mich, gut darauf zu achten, dass er seine Medikamente nahm, mehr nicht. Trotz der schockierenden Ereignisse vom Vortag sah Tolliver besser aus denn je, seit er angeschossen worden war. Ich war mir sicher, dass er wieder ganz gesund würde.
Die Fahrt nach Dallas ging ohne Probleme vonstatten, von ein paar kleinen Staus einmal abgesehen. Wir mussten Marks Haus finden, wo wir erst ein Mal gewesen waren. Mark war ein Einzelgänger, und ich fragte mich, wie er und Matthew miteinander auskamen.
Zu meiner Überraschung stand Marks Wagen in der kleinen Auffahrt. Sein Haus war kleiner als das von Iona und damit wirklich winzig. Ich erkannte sofort dieses Summen in der Nachbarschaft, aber es war schwach. Keine Toten in unmittelbarer Nähe.
Schmale Betonplatten führten von der Auffahrt zur Haustür. Die beiden Außenleuchten daneben waren voller Spinnweben, und so etwas wie Gartenpflege war hier unbekannt. Das Haus schien seinem Besitzer völlig egal zu sein.
Mark öffnete uns. »He, was macht ihr denn hier?«, sagte er. »Wollt ihr Dad besuchen?«
»Ja, in der Tat«, sagte Tolliver. »Ist er da?«
»Ja. Dad!«, rief Mark. »Tolliver und Harper sind hier.« Er trat einen Schritt zurück, um uns hereinzulassen. Er trug eine Jogginghose und ein altes T-Shirt. Offensichtlich musste er heute nicht arbeiten. Ich ertappte mich dabei, ihn anzustarren. »Tut mir leid«, sagte er. »Aber heute ist mein freier Tag. Ich habe keinen Besuch erwartet.«
»Wir haben uns ja auch nicht angemeldet«, sagte ich. Das Wohnzimmer war ungefähr genauso schlicht eingerichtet wie das von Renaldo: Es gab eine große Ledercouch und einen dazu passenden Sessel, einen großen Fernseher und einen Couchtisch, aber keine Leselampen und keine Bücher. Dafür sah ich ein gerahmtes Foto, das uns fünf Kinder zeigte und vor dem Wohnwagen aufgenommen worden war.
»Wer hat denn das gemacht?«, fragte ich überrascht.
»Ein Freund deiner Mutter«, erwiderte Mark. »Dad hat es zusammen mit den anderen Sachen einlagern lassen, als er ins Gefängnis musste. Er hat es sofort ausgepackt, nachdem er seine Sachen wiederhatte.«
Mit Tränen in den Augen sah ich mir das Foto an. Tolliver und Mark standen nebeneinander. Mark lächelte nicht. Tollivers Mundwinkel waren zwar leicht nach oben gezogen, aber sein Blick war finster. Cameron stand neben Mark und hatte einen Arm um ihn gelegt. Gleichzeitig hielt sie Mariellas Hand. Mariella lächelte. Wie die meisten kleinen Kinder liebte sie es, sich fotografieren zu lassen. Ich hielt Gracie im Arm. Wie klein sie war! Welche Gracie war es? Die Gracie nach dem Krankenhausaufenthalt.
»Dieses Foto wurde kurz davor aufgenommen«, sagte ich.
»Kurz wovor?«
»Du weißt schon«, sagte ich erstaunt. »Kurz bevor Cameron verschwand.«
Er zuckte die Achseln, als hätte ich von etwas anderem gesprochen.
Wir standen immer noch, als Matthew hereinkam. Er trug Jeans und ein Flanellhemd. »Ich muss in einer Stunde zur Arbeit, aber ich freue mich, euch zu sehen«, sagte er zu Tolliver und drehte dann den Kopf, damit sein Lächeln auch mir galt.
Danke, aber ich nicht.
»Wir waren gestern bei den Joyces«, sagte ich. »Chip und Drex haben von dir erzählt.«
Mit dem Entsetzen, das nun auf Matthews Gesicht erschien, hatte ich nicht gerechnet. »Ach ja? Und was hatten sie zu sagen? Das ist doch diese reiche Familie, oder? Die mit der Ranch?«
»Du weißt genau, wen wir meinen«, sagte Tolliver. »Du weißt, dass sie zum Wohnwagen kamen.«
Mark sah von seinem Bruder zu seinem Vater. »Diese reichen Jungs?«, sagte er. »Sind das die, für die Harper und du letzte Woche gearbeitet habt?«
»Wir haben uns in letzter Zeit mit einer ganzen Reihe von Leuten unterhalten«, sagte ich. »Auch mit Ida, weißt du noch?«
»Mit der alten Frau, die deine Schwester in einen blauen Truck steigen sah«, sagte Matthew.
»Nur, dass das nicht stimmt!«, sagte ich. »Wie sich herausstellte, war es gar nicht Cameron.«
Das Erstaunen auf ihren Gesichtern wirkte mehr oder weniger aufrichtig. Zumindest staunten sie, worüber auch immer.
»Ich habe dich in der Arztpraxis gesehen«, sagte ich zu Matthew.
Er staunte erneut. »Ich war vor ein paar Tagen beim Arzt«, sagte er vorsichtig. »Wegen dieses Hustens, den ich seit dem …«
»Ach, halt den Mund!«, herrschte ich ihn an. »Wir wissen, dass du Mariahs Baby genommen hast. Wir wissen nur nicht, was mit der echten Gracie passiert ist.«
Ein langes Schweigen entstand, und der Sauerstoff in dem winzigen Wohnzimmer schien immer knapper zu werden.
»Was redest du denn da«, sagte Mark, »und wer soll diese Mariah sein?«
»Dad weiß Bescheid, Mark«, sagte Tolliver. »Los, Dad, erzähl uns, wer das kleine Mädchen ist, das bei Hank und Iona lebt!«
»Dieses kleine Mädchen«, sagte Matthew, »ist die Tochter von Mariah Parish und Chip Moseley.«
Wir hatten etwas anderes erwartet. »Nicht die von Rich Joyce?«, fragte ich, nur um ganz sicher zu gehen.
»Chip hat mir erzählt, dass der alte Mr Joyce nie Sex mit Mariah hatte«, sagte Matthew. »Chip sagte, das Baby sei von ihm.«
Mark sah von einem zum anderen. Er schien wirklich nicht zu wissen, wovon wir sprachen.
»Chip hat Drogen von mir gekauft«, sagte Matthew. »Drex und er kamen gern in unser Viertel, um abzufeiern. Chip war schon immer recht gewieft. Er ist in Pflegefamilien aufgewachsen und war fest entschlossen, sich einen Platz unter den oberen Zehntausend zu erobern. Also begann er, für Rich Joyce zu arbeiten. Er fing ganz unten an und riss sich den Arsch auf, bis Rich tatsächlich abhängig von ihm war. Nach seiner Scheidung gelang es ihm, Lizzie auf sich aufmerksam zu machen. Er kannte Mariah, weil sie in derselben Pflegefamilie gewesen war wie er. Chip verschaffte ihr den Job bei den Peadens, wo sie viel lernte. Chip sorgte auch dafür, dass Rich die Peadens so weit kennenlernte, dass sie ihm Mariah vorstellten. Als dann der alte Mr Peaden starb, war es nur logisch, dass Mariah Rich um einen Job bat. Er hatte einen Herzinfarkt gehabt und wusste, dass seine Familie eine Pflegerin für ihn engagieren wollte. Ihm gefiel die Vorstellung, eine so junge, hübsche Frau wie Mariah um sich zu haben, auch wenn er nicht vorhatte, sie anzumachen. Sie wusste, dass er ein schwaches Herz hatte. Sie wusste, dass er sie mochte. Sie hat einfach nur gehofft, dass er ihr etwas Geld vererbt. Sie mochte den alten Mann.«