»Bis zum Mordfall in Ithaca waren die Morde zunehmend effizient geworden. Der Mörder hatte Erfahrungen gesammelt, seine Technik perfektioniert. Aber bei Flayley war das anders. Ihr Erhängen wurde schlecht ausgeführt, es war eine Art homicidus interruptus, und dass sie von einer Brücke gestoßen wurde – wobei es Zeugen hätte geben können –, lässt fast auf Verzweiflung schließen. Und die Vorgehensweise legt noch anderes nahe: jugendliche Impulsivität, Theatralik, das Verlangen, zu beeindrucken.«
»Dann war dieser Lehrling ein Zuschauer, sozusagen«, sagte Grove. »Und Flayley hat ihm die Gelegenheit geboten, nicht viel Federlesens zu machen. Aber weil er weder die Erfahrung noch den Mumm für die Sache besaß, hat er sie vermasselt.«
Pendergast hob das Kinn von den Fingerspitzen. »Abgesehen von der etwas schiefen Bildlichkeit der Formulierung, erscheint das wahrscheinlich. Aber dieser spezielle Mord weist noch ein weiteres interessantes Detail auf.«
»Er hat sich weit entfernt von der Interstate 95 ereignet.«
»Richtig. Mit anderen Worten: Wir haben einen zweiten Mörder – einen zimperlichen Lehrling –, der mit seinem ersten Mord eine neue Richtung einschlägt und ihn fast vermurkst. Dennoch gibt es da eine Ähnlichkeit: Er verübt seinen einzigen Mord ebenfalls in der Nähe einer großen Verkehrsader.«
Coldmoon blickte erneut auf die Landkarte. »Die Interstate 81.«
Pendergast nickte.
»Also haben die Täter sich wieder zurück in Richtung Süden orientiert?«, fragte Fauchet.
»So scheint es. Und jetzt, da wir die Route kennen, die sie genommen haben, wollen wir sie noch einmal nachzeichnen – aber in umgekehrter Richtung.«
Coldmoon wandte sich wieder der Landkarte zu und begriff ganz plötzlich, worauf Pendergast hinauswollte, wie alles zusammenpasste. »Florida«, sagte er leise. »Die Morde müssen in Florida begonnen haben.«
»Tut mir leid«, sagte Fauchet. »Ich verstehe das nicht. Wir haben keinen Mord mit diesem Modus Operandi in Florida gefunden.«
»Meine liebe Dr. Fauchet, das liegt daran, dass wir nicht in Florida gesucht haben. Commander Grove wurde gebeten, nach möglichen Selbstmord-Morden außerhalb von Florida zu suchen. Vielleicht hat sich der erste Mord – Opfer zero, wenn Sie so wollen – genau hier in Miami zugetragen, zwei Monate vor dem Mord in Savannah. Die Entfernung passt. Und falls der Zeitpunkt ebenfalls stimmt, hätte der Mord fast auf den Tag genau vor zwölf Jahren stattgefunden.«
Coldmoon überlegte schnell. »Der Mörder – die Mörder – ist von Florida aus nach Norden gefahren«, sagte er. »Wobei er einem präzisen Zeitplan folgte. Die Täter machten kehrt, nachdem sie Maine erreicht hatten, töteten erneut in Ithaca – und dann hörten die Morde auf. Warum?«
»Eine ausgezeichnete Frage. Was meinen Sie?«, fragte Pendergast.
»Na ja, da gibt es mehrere Möglichkeiten. Nummer eins: Die Täter wurden erwischt und aufgrund anderer Anklagepunkte inhaftiert. Nummer zwei: Einer oder beide kamen ums Leben oder waren in irgendeiner Weise nicht mehr imstande zu morden. Oder Nummer drei: Der Lehrling weigerte sich weiterzumachen.« Er hielt inne.
»Weigerte sich weiterzumachen«, murmelte Pendergast. »War er vielleicht entsetzt über das, was er getan hatte – oder wurde er zum Aufhören gezwungen? Konnte er seinen Schuldgefühlen entkommen? Ist er vielleicht erwachsen geworden und zu –«
»Brokenhearts!« Coldmoon schnippte mit den Fingern. »Brokenhearts war der Lehrling.« Da kam ihm noch eine Idee, und zwar eine furchterregende. »Wenn dieses Profil von Dr. Mars zutrifft und der Mann höchstens fünfundzwanzig ist, dann muss er praktisch noch ein Junge gewesen sein, als er dazu gezwungen wurde, diesen Roadtrip zu unternehmen. Vielleicht hörte die Mordserie auf, weil … weil der Lehrling seinen Meister umgebracht hat.«
Stille.
»Aber damit wäre immer noch nicht die Frage nach dem Motiv geklärt«, sagte Pendergast. »Was ist der ursprünglichen Mordserie vorausgegangen? Ich glaube, die Antwort liegt genau hier in Miami – das heißt, wenn wir das Opfer zero identifizieren können, dasjenige, mit dem alles begonnen hat.« Er drehte sich zu Grove. »Ich hoffe, dass Sie, Commander, Ihre Teams einsetzen, damit sie für uns den ersten Mord finden. In diesem Mord liegen die Antworten, nach denen wir suchen – was diese mörderische Reise ausgelöst hat und wer die beiden Mörder waren. Er wird uns zu Brokenhearts führen.«
»Ich bin dabei«, sagte Grove. »Wir setzen die ganze Abteilung darauf an. Ich verspreche Ihnen eine Antwort in vierundzwanzig Stunden oder weniger. Dr. Fauchet? Wenn wir potenzielle Treffer bekommen, benötige ich womöglich Ihre Hilfe bei der Forensik.«
»Sie können mich jederzeit anrufen. Wie gesagt, ich habe mir ein paar Tage Urlaub genommen, aber ich bin immer zu erreichen.«
Noch während sie das sagte, erhob sich Grove von seinem Stuhl und ging die halbe Strecke bis zur Tür. Für einen Mann im sogenannten besten Alter bewegte er sich verblüffend schnell. Nach einem raschen Blick auf Pendergast verließ Fauchet nach ihm den Raum.
Sobald das Echo ihrer Schritte verklungen war, herrschte relative Stille in der Dachgeschosswohnung. Dann sah Coldmoon zu Pendergast. »Sie haben das alles herausgefunden, aber wieso haben Sie mir nichts davon erzählt?«
»Ich war mir nicht sicher. Mehr noch, ich bin es immer noch nicht. Zugegeben, es ist eine schöne Theorie, aber es ist trotzdem nur das: eine Theorie. Wir müssen diesen ersten Mord in Miami aufspüren.«
»Ich wette, Sie vermuten schon eine ganze Weile irgendwas in der Richtung. Wie lange – schon damals, als wir in Ithaca waren?«
»Agent Coldmoon, derartige Erkenntnisse kommen einem nicht so, wie wenn man eine Lampe anknipst. Das gibt es nur in Kriminalromanen. Vielmehr entwickeln sie sich langsam, unterhalb der Oberfläche – wie ein subkutaner Abszess.«
»Hübsches Bild.« Coldmoon seufzte und schüttelte belustigt den Kopf. Dann griff er in die Gesäßtasche seiner Jeans, zog seine Thermoskanne hervor und sagte: »Atanikili.«
Pendergast verneigte sich leicht. »Philámayaye.«
Coldmoon hob überrascht die Brauen. »Sie haben gebüffelt.«
»Es schien mir eine gute Idee zu sein, unter den Umständen.«
»Es schadet nie, etwas Neues zu lernen.«
»Stimmt.«
»Oder Neues auszuprobieren.«
Es entstand eine Pause, während der Pendergast mit leicht zusammengekniffenen Augen auf die Thermoskanne spähte. »Vielleicht.«
Coldmoon zog den Deckel ab, schraubte die innere Kappe auf und schenkte eine großzügige Menge der teerschwarzen Flüssigkeit in den roten Becher. Ein Geruch nach verbranntem Gummi – den er fast mehr liebte als alles andere – wehte durchs Zimmer. Er hielt den Becher Pendergast hin. »Auch einen Kaffee, Partner?«
Eine weitere, längere Pause. Dann griff Pendergast nach dem Becher und nahm einen kleinen Probierschluck. »Auf dem Gaumen der blumige Duft von Giftsumach. Gefolgt von Noten von Dieselöl und einem langen Abgang von Batteriesäure.« Und damit reichte er den Becher zurück.
»Genau, wie ich ihn mag«, sagte Coldmoon, schloss zufrieden die Augen und kippte das lauwarme Getränk in einem Schluck hinunter.
38
Am darauffolgenden Morgen um halb sieben erwachte Coldmoon aus tiefem Schlaf – weil sein Mobiltelefon klingelte. Unwirsch brummelnd ging er ran.
»Agent Coldmoon? Ich bin’s, Grove. Ich konnte Pendergast nicht erreichen.«
»Was für ein Schock«, erwiderte Coldmoon.
»Ich habe gestern nach unserem Meeting gleich mehrere Teams auf die Suche angesetzt«, sagte Grove. »Die haben die ganze Nacht daran gesessen. Wir richten den Fokus auf Miami-Dade, aber nur um sicherzugehen, beziehen wir auch alle anderen Bezirke in Südflorida ein.«