»Und der dritte Junge?« fragte jemand aus dem hinteren Teil des Raumes.
Jameson sah einige Sekunden schweigend auf das Bild von Michael Sundquist. »Dieser Fall ist der interessanteste«, sagte er schließlich. »Es handelt sich um einen sechzehnjährigen Weißen schwedischer Abstammung, und obwohl wir ihn sowenig für unser Projekt ausgewählt haben wie die drei anderen Jungen, erweist er sich als einer unserer faszinierendsten Probanden. Natürlich erwarten wir auch bei ihm noch keinen durchschlagenden Erfolg, aber ich bin sicher, dass uns eine Autopsie nach seinem Tod ein ganzes Stück weiterbringen wird bei unserer Untersuchung, wie genau die Substanz den menschlichen Körper beeinflusst.«
Eine Stimme mit einem schweren deutschen Akzent meldete sich: »Und wenn er zufällig nicht stirbt?«
Jameson lächelte kühl. »Glauben Sie mir, Herr von Schmidt, auf die eine oder andere Weise werden alle diese Jungen sterben.«
KAPITEL 24
»Mrs. Reynolds?« fragte Katharine, als sich eine Frauenstimme am Telefon meldete. Sie saß in Robs Büro und sah durch die Glastür auf die idyllische Szenerie, die sich ihr bot: ein Blumenmeer, das den milden hawaiianischen Morgen mit einem Regenbogen von Farben erfüllte, der in krassem Gegensatz zu der kalten, grauen Furcht stand, die Katharine umfangen hielt, seit sie die Laboratorien auf der unteren Ebene im Südflügel des Forschungspavillons verlassen hatte.
In Robs Büro zurückgekehrt, hatte sie als erstes den genauen Standort des Dorfes auf den Philippinen herausgesucht, aus dem der Schädel stammte. Wie sie gestern vermutet hatte, war er an den Hängen des Pinatobu gefunden worden. Und wenn es sich tatsächlich um den Schädel eines Kindes handelte, hatte dieses sein Leben lang die vulkanischen Dämpfe - also Smog - eingeatmet.
Dann holte sie aus ihrer Tasche den Identifikationszettel hervor, den sie vom Zeh der Leiche genommen hatte. Der Name des Jungen, sauber auf Pappe getippt, lautete Mark Reynolds. Unter dem Geburts- und Todesdatum stand eine Adresse: North Maple Drive, Beverly Hills, Kalifornien. Mitten in Los Angeles - einer der Städte mit der höchsten Luftverschmutzung des Landes. Aber so verschmutzt, dass Mark daran gestorben war? Sie musste es herausfinden. Zuerst rief sie in dem Krankenhaus an, wo Mark Reynolds verstorben war, aber dort teilte man ihr kurz und bündig mit, dass man am Telefon keine Auskünfte gebe. Wenn sie eine schriftliche Anfrage einreichen würde?
Aber sie wollte auf keinen Fall eine schriftliche Anfrage einreichen. Schließlich hatte Katharine fast widerwillig die Nummer gewählt, die auf der Karte stand. Sie rief Mark Reynolds' Mutter an, die als nächste Angehörige aufgelistet war. Zwar brannte sie darauf, eine Antwort auf ihre Fragen zu finden, aber natürlich hatte sie Angst vor diesem Gespräch. Nach dem zweiten Klingeln meldete sich Mrs. Reynolds. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
»Elaine Carter Reynolds?« fragte Katharine. Dieser Name stand auf der Karte.
»Ja.« Die Stimme der Frau klang so traurig, dass Katharine am liebsten wieder aufgelegt hätte.
Aber das ging nicht. »Sie hatten einen Sohn namens Mark?« fragte sie.
Nach einer Sekunde des Schweigens sagte die Frau nur ein Wort: »Ja.«
Katharine holte tief Atem. »Mrs. Reynolds, meine Name ist Katharine Sundquist. Ich muss mit Ihnen über Mark sprechen. Ich weiß, dass es sehr schwer für Sie ist, aber ich brauche dringend einige Informationen, die Sie mir, wie ich hoffe, geben können.«
Katharine glaubte ein unterdrücktes Schluchzen zu hören, aber dann sprach Elaine Roberts, und ihre Stimme klang relativ gefasst. «Schwerer als das, was ich schon durchgemacht habe, kann es nicht sein«, sagte sie.
»Es gibt wohl nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren«, sagte Katharine.
»Ich habe Mark nicht einfach verloren, Mrs. ...«
»Sundquist«, wiederholte Katharine schnell. »Bitte, nennen Sie mich Katharine.«
»Danke«, murmelte Elaine Reynolds. Wieder schwieg sie eine Weile, und Katharine wartete. Sie spürte, dass die Frau etwas loswerden wollte. Schließlich brachte sie es über sich. »Mein Sohn hat Selbstmord begangen, Katharine«, sagte sie. »Mark hat sich umgebracht.«
Die Worte verblüfften Katharine. Selbstmord? »Ich ... es tut mir leid«, stammelte sie. »Ich dachte ...« Mit einemmal wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte.
»Was dachten Sie, Katharine?« fragte Elaine Reynolds, offensichtlich neugierig geworden. Als Katharine schließlich ihre Vermutung äußerte, dass Marks Tod irgend etwas mit der verschmutzten Luft in Los Angeles zu tun habe, lachte Elaine Reynolds bitter auf. »Sicherlich kann man das Ableiten von Autoabgasen als Luftverschmutzung bezeichnen«, sagte sie. Mit schleppender Stimme und vielen Unterbrechungen berichtete Elaine Roberts von dem Selbstmord ihres Sohnes. »Aber sie kamen zu spät«, sagte sie. »Sie gaben ihm Sauerstoff, aber zu spät. Er starb auf der Fahrt ins Krankenhaus.«
Katharine dachte an den jungen Hund, der in ihren Armen gestorben war - ein Hund, der Atemnot bekommen hatte, nachdem sie ihn aus seiner Box voll vergifteter Luft geholt hatte. »Ihr Sohn ist gestorben, als man ihm Sauerstoff gab?« fragte sie nach. Sie betete, dass sie Mrs. Reynolds mißverstanden hatte.
Mit brüchiger Stimme erzählte Elaine von Marks Kampf im Krankenwagen. »Er hat sich gewehrt«, sagte sie. »Ich bin sicher, dass er nicht wusste, was er tat. Er wollte die Sauerstoffmaske nicht. Und ich konnte nichts tun. Können Sie sich vorstellen, wie hilflos ich mich gefühlt habe?« Dann fragte sie: »Katharine, was soll das alles? Sie haben mir noch nicht gesagt, warum Sie mich überhaupt anrufen.«
»Ich rufe aus Hawaii an«, antwortete Katharine. »Ich arbeite für einen Mann, der sich sehr für das Problem der Luftverschmutzung interessiert ...«
»Auf Hawaii?« fragte Elaine. »Ich hätte geglaubt, dass es nirgendwo auf der Welt weniger verschmutzte Luft gibt. Obwohl die Luft auch nicht sehr gut war, als ich über Weihnachten mit Mark zwei Tage auf Maui war.«
Katharine erstarrte. »Maui?« wiederholte sie. Was ging hier vor? War es reiner Zufall, dass Mark vor ein paar Monaten auf Maui gewesen war? »Mrs. Reynolds - Elaine -, was haben Sie auf Maui gemacht?«
»Nur Ferien. Warum?«
»Elaine, ich bin auf Maui, nicht auf der Großen Insel von Hawaii. Und ich habe etwas entdeckt...« Sie zögerte, da sie Elaine Reynolds nicht mehr Schmerz als nötig zufügen wollte. »Etwas sehr Seltsames«, fuhr sie schließlich fort. »Es scheint, dass aus irgendeinem Grund die Lunge Ihres Sohnes untersucht wird.«
»Wie soll das möglich sein?« fragte Elaine. »Ich meine, wie wollen Sie ohne Leiche irgend etwas untersuchen?«