»Das reicht!« Longstreet hatte die Stimme gehoben.
»Entschuldigen Sie bitte, Sir.«
Longstreet trank einen kleinen Schluck und stellte seufzend sein Glas ab. »Schauen Sie, Pendergast – Aloysius –, ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich Ihnen die Ermittlungen zu diesem ersten Mord nicht als eine Art Bestrafung für Ihr eigenmächtiges Vorgehen im Fall Halcyon Key im vergangenen Monat entzogen habe. Aber ich bin bereit, das Kriegsbeil zu begraben. Weil ich, offen gestanden, Ihre besonderen Talente für diesen Fall benötige. Er ist bereits in aller Munde, wie Sie sicherlich aus den Zeitungen erfahren haben.«
Pendergast gab keine Antwort.
»Es ist entscheidend, dass wir den Zusammenhang zwischen diesen beiden Morden aufklären, wenn es denn einen gibt, oder, umgekehrt, beweisen, dass keinerlei Zusammenhang besteht. Wenn wir es hier mit einem Serienmörder zu tun haben, könnte das den Beginn von etwas wirklich Schrecklichem bedeuten. Und Serienmörder sind Ihre Spezialität. Das Problem ist bloß: Trotz des Lärms, den wir geschlagen haben, weil die erste Leiche aus Jersey in die Stadt gebracht und in Queens entsorgt wurde, gibt es genau genommen keinerlei Beweis, dass es sich hier um eine bundesstaatsübergreifende Straftat handelt – was unsere Ermittlungen in juristischer Hinsicht heikel macht. Offiziell darf ich niemanden sonst aus unserer Außenstelle hinzuziehen – das wäre erst möglich, wenn uns das NYPD um Hilfe bitte, und Sie wissen ja, dass das nicht geschehen wird, denn es geht hier ja nicht um eine terroristische Tat. Deshalb brauche ich Sie. Sie müssen da hinfahren und sich die Umstände des zweiten Mordes ganz genau ansehen. Falls es sich um die Tat eines angehenden Serienmörders handelt, will ich das wissen. Wenn es zwei Einzeltäter sind, können wir uns zurückziehen und die Fälle dem NYPD überlassen.«
»Verstehe, Sir.«
»Könnten Sie bitte dieses affige ›Sir‹ weglassen?«
»Wie Sie wünschen.«
»Ich kenne Captain Singleton, er ist ein loyaler Freund, aber er wird unsere Mitarbeit nicht lange dulden, ohne dass wir ein klares bundesstaatliches Mandat haben. Und ich kenne auch die lange Vorgeschichte, die Sie mit dem leitenden Lieutenant verbindet … wie heißt er noch gleich? D’Agosta.«
Pendergast nickte.
Longstreet blickte ihn lange und forschend an. »Begeben Sie sich zum Tatort dieses zweiten Mordes. Finden Sie heraus, ob es sich bei dem Täter um ein und denselben Kerl handelt oder nicht – und erstatten Sie mir anschließend Bericht.«
»Wie Sie wünschen.« Pendergast machte Anstalten aufzustehen.
Longstreet hob die Hand, um ihn aufzuhalten. Er beendete das künstliche Gesieze. »Ich merke doch, dass irgendwas nicht mit dir stimmt. Aloysius, du musst in diesem Fall hundert Prozent geben. Wenn es irgendetwas gibt, das verhindert, dass du das schaffst, muss ich das wissen. Denn für mich fühlt sich irgendetwas an diesen Morden … ich weiß nicht … seltsam an.«
»Inwiefern?«
»Ich kann es nicht genau sagen, aber ich liege selten falsch mit meinen Intuitionen.«
»Verstehe. Du kannst versichert sein, dass ich mein Bestes geben werde.«
Longstreet setzte sich zurück und machte wieder eine wegwerfende Geste mit der erhobenen Hand. Pendergast stand auf, nickte beifällig, drehte sich um und verließ das Büro.
10
Eine Stunde später war Pendergast zurück in seinem Zuhause, den drei aneinandergrenzenden Wohnungen im Dakota-Gebäude an der Ecke Central Park West und West 72. Street mit Blick auf den Central Park. Minutenlang lief er unruhig durch die zahlreichen Zimmer. Er nahm einen Kunstgegenstand in die Hand und stellte ihn wieder hin, schenkte sich ein Glas Sherry ein, ließ es dann aber auf einem Sideboard stehen. Es kam ihm merkwürdig vor, dass er in letzter Zeit so wenig Vergnügen an den Zerstreuungen fand, die ihm einst so interessant und lohnend erschienen waren. Die Unterredung mit Longstreet hatte ihn aus der Bahn geworfen – auch wenn es im Grunde nicht so sehr das Treffen war, sondern die doch ziemlich aufdringlichen, irritierenden Bemerkungen, mit denen es geendet hatte.
Ich merke doch, dass irgendwas mit dir nicht stimmt.
Bei der Erinnerung an den Satz runzelte Pendergast die Stirn. Aufgrund der Chongg-Ran-Übungen wusste er, dass die Gedanken, die man mit besonderer Kraft aus der Erinnerung zu verbannen suchte, diejenigen waren, die sich einem am nachdrücklichsten immer wieder aufdrängten. Der beste Weg, nicht an etwas zu denken, bestand darin, den Gedanken erst zuzulassen und dann Gleichgültigkeit ihm gegenüber zu kultivieren.
Pendergast ging von den öffentlicheren Räumen der Wohnung in die Küche, wo er sich mit seiner taubstummen Haushälterin, Miss Ishimura, kurz in Gebärdensprache über die Speisen zum Abendessen unterhielt. Nach einigem Hin und Her einigten sie sich schließlich auf okonomiyiki-Pfannkuchen mit Yams-Butter, Oktopus und Bauchspeck.
Es war über drei Wochen her, dass Pendergasts Mündel Constance – nach einer jähen Erklärung – ihr Zuhause am Riverside Drive 891 verlassen hatte, um bei ihrem kleinen Sohn in einem abgelegenen Kloster in Indien zu leben. In der Zeit nach ihrer Abreise war Pendergast in einen höchst untypischen Gemütszustand verfallen. Doch während die Tage und Wochen verstrichen und die Stimmen, die in seinem Kopf ertönten, eine nach der anderen verstummten, blieb eine Stimme – eine Stimme, die, wie er wusste, das Zentrum seiner seltsamen Unruhe bildete.
Kannst du mich so lieben, wie ich es mir wünsche? So wie ich es brauche?
Heftig, schlagartig schob er die Stimme von sich weg. »Ich werde diese Schwierigkeit meistern«, murmelte er halblaut vor sich hin.
Er verließ die Küche und begab sich durch den Flur zu einem sehr kleinen, fensterlosen, asketisch möblierten Zimmer, nicht unähnlich einer Mönchszelle. Darin standen lediglich ein schlichter Schreibtisch aus Holz und ein Stuhl mit aufrechter Lehne. Pendergast setzte sich, zog die einzelne Schublade des Schreibtisches auf, entnahm vorsichtig die drei darin befindlichen Gegenstände und legte sie auf die Schreibtischplatte: ein Notizbuch mit festem Einband, eine Gemme und ein Kamm. Einen Augenblick lang saß er still da und betrachtete abwechselnd die Gegenstände.
Und ich – ich liebe dich. Aber du hast sehr deutlich gemacht, dass du meine Liebe nicht erwiderst.
Das Notizbuch war aus französischer Herstellung, es hatte einen orangefarbenen Einband aus italienischem Kunstleder, die unlinierten Seiten waren aus Clairefontaine-Korrespondenzpapier, das sich ideal für Füllfederhalter eignete. Es handelte sich um das Schreibpapier, das Constance in den vergangenen zwölf Jahren ausschließlich verwendete, nachdem der altehrwürdige englische Lieferant ledergebundener Tagebücher, die sie immer bevorzugt hatte, das Geschäft aufgeben musste. Pendergast hatte das Tagebuch aus Constance’ Privatgemächern im zweiten Untergeschoss unterhalb der Villa. Es handelte sich um den Band mit den neuesten Eintragungen, die sie bei ihrem jähen Aufbruch nach Indien unvollendet gelassen hatte.
Er hatte den Band noch nie aufgeschlagen.
Als Nächstes widmete er sich dem antiken Schildpattkamm und der alten, vornehmen Gemme in einer Fassung aus Achtzehn-Karat-Gelbgold. Die Gemme war, wie er wusste, aus einem kostbaren Sardonyx des Cassis madagascariensis geschnitten worden.
Beide Gegenstände zählten zu den Besitztümern, die Constance am meisten wertschätzte.
Jetzt, da ich weiß, was ich weiß, jetzt, wo wir gesagt haben, was wir zu sagen hatten, wäre es mir unerträglich, weiter unter einem Dach mit dir zu leben …