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Pendergast nahm alle drei Gegenstände von der Tischplatte, verließ das Zimmer, ging den Flur entlang und öffnete die unscheinbare Tür, die in die dritte und intimste seiner Wohnungen führte. Hinter der Tür befand sich ein kleines Zimmer, das an einer shoji endete, einer Schiebetür aus Holz und Reispapier. Und hinter dieser shoji befand sich – tief verborgen innerhalb der dicken Wände des alten und vornehmen Apartmenthauses – ein Teegarten, den Pendergast nach den genauesten Vorgaben hatte anlegen lassen.

Langsam schloss er die Schiebetür hinter sich, blieb kurz stehen, lauschte dem leisen Gurren der Tauben und atmete dabei den Duft von Eukalyptus und Sandelholz ein. Alles – der schmale, mit flachen Natursteinen gepflasterte Weg, der sich vor ihm dahinschlängelte, die Zwergkiefern, der Wasserfall, das chashitsu beziehungsweise Teehaus, das halb verborgen im direkt vor ihm befindlichen Grün lag – war in ein dunstiges, indirektes Licht getaucht.

Jetzt begab sich Pendergast den schmalen Weg entlang, vorbei an den steinernen Laternen, zum Teeraum, beugte sich tief hinunter und betrat das dämmrige chashitsu. Er schloss die sadouguchi, stellte die drei Gegenstände, die er mitgebracht hatte, auf einer Seite ab, dann blickte er sich kurz um, um sich zu vergewissern, dass alles für die Teezeremonie Benötigte – die mizusashi, die Matcha-Besen, die Löffel, der Teewärmer, die kama – bereitstand. Er stellte die Teeschälchen und das Behältnis mit dem Matcha-Pulver an ihren richtigen Platz, dann nahm er auf der Tatamimatte Platz. In der folgenden halben Stunde ging er vollständig in der Zeremonie auf: das rituelle Säubern der verschiedenen Utensilien, das Erhitzen des Wassers, das Erwärmen der chawan und, nachdem er schließlich heißes Wasser hineingeschöpft hatte, das Hineinrühren der richtigen Menge Matcha. Erst dann, als er die Zubereitung mit geradezu ehrfürchtiger Genauigkeit beendet hatte, schmeckte er den Tee und nahm ihn mit kaum wahrnehmbaren kleinen Schlucken zu sich. Und währenddessen ließ er – das erste Mal seit fast einem Monat – zu, dass die Last des Kummers und der Schuld sein Bewusstsein vollständig erfüllte und eben dadurch langsam von ihm abfiel.

Zu guter Letzt, als er seine innere Ruhe wiedergefunden hatte, führte er sorgfältig und bewusst die letzten Schritte der Zeremonie durch: das neuerliche Säubern der Utensilien und deren Zurückstellen an ihren richtigen Platz. Jetzt blickte er nochmals auf die drei Gegenstände, die er mitgebracht hatte. Nach einem Augenblick griff er nach dem Notizbuch, schlug es zum ersten Mal aufs Geratewohl auf und gestattete sich, einen Absatz zu lesen. Sofort sprang ihm Constance’ Charakter, ihre Persönlichkeit aus den geschriebenen Worten entgegen: der scharf ironische Ton, die kühle Intelligenz, die ein wenig zynische, etwas makabre Weltsicht – dies alles gefiltert durch den Blickwinkel des 19. Jahrhunderts.

Pendergast war ungeheuer erleichtert, dass er das Tagebuch nun endlich mit einem gewissen Maß an Distanz lesen konnte.

Behutsam legte er es zurück neben den Kamm und die Gemme. Die schlichten, leeren Wände, der Boden dieses chashitsu schienen fürs Erste ihr bestes Zuhause zu sein. Vielleicht würde er in nicht allzu ferner Zukunft zurückkehren, um noch einmal über diese Gegenstände und ihre Besitzerin zu meditieren. Doch jetzt hatte er sich mit anderen Dingen zu befassen.

Er verließ das Teehaus, ging den schmalen Pfad entlang, verließ den Garten und begab sich flotten, festen Schrittes durch die lange Reihe von Fluren bis zur Eingangstür der Wohnung. Dabei zog er sein Mobiltelefon aus der Innentasche der Jacke und wählte per Kurzwahl eine Nummer.

»Vincent? Kommen Sie bitte zum Stadthaus dieses Cantucci. Ich bin jetzt bereit für die Begehung, von der Sie gesprochen haben.«

Und dann steckte er das Mobiltelefon wieder ein, zog seinen Vicunjawollmantel über und verließ die Wohnung.

11

D’Agosta war nicht gerade begeistert, abermals am Cantucci-Tatort zu erscheinen, und das auch noch praktisch mitten in der Nacht, auch wenn es sich um ein Treffen mit Pendergast handelte, der schließlich eingewilligt hatte, den Tatort unter die Lupe zu nehmen. Sergeant Curry öffnete ihm die Haustür. Kurz darauf sah D’Agosta Pendergasts großen Oldtimer-Rolls mit Proctor am Steuer vorfahren. Pendergast stieg aus.

Nachdem er sich an Curry vorbeigedrängt hatte, sagte er: »Guten Abend, mein lieber Vincent.«

Sie gingen den Flur entlang. »Sehen Sie die Überwachungskameras, die hier überall installiert sind?«, fragte D’Agosta. »Der Täter hat die Sicherheitsanlage gehackt und sämtliche Alarme umgangen.«

»Ich würde gerne den Bericht lesen.«

»Ich habe eine Kopie für Sie dabei, mit allem, was dazugehört«, sagte D’Agosta. »Forensik, Haare und Faserpartikel, Fingerabdrücke, alles da. Sergeant Curry gibt sie Ihnen, bevor Sie gehen.«

»Ausgezeichnet.«

»Der Täter hat sich durch die Haustür Zutritt verschafft«, fuhr D’Agosta fort. »Weil das Sicherheitssystem gehackt war, konnte er unbemerkt ins Haus gelangen. Er ist in fast allen Zimmern ausgiebig herumspaziert. Soweit uns bekannt, hat sich die Sache folgendermaßen abgespielt: Offenbar ist Cantucci, als sich der Mörder im Eingangsbereich des Hauses aufhielt, aufgewacht. Wir glauben, dass Cantucci zur Videoüberwachungsanlage geht und den Typen im Erdgeschoss sieht. Er zieht seinen Bademantel an und holt seine Waffe, eine Beretta 9 mm. Er glaubt, dass der Kerl im Aufzug nach oben fährt, also gibt er, als der Fahrstuhl eintrifft, mehrere Schüsse durch die Tür ab – aber der Mörder hat ihn ausgetrickst, indem er den Lift leer nach oben geschickt hat. Deshalb geht Cantucci jetzt vermutlich, nachdem er das Überwachungssystem noch mal gecheckt hat, hinunter in den zweiten Stock, wo sich der Typ am Tresor zu schaffen macht, in dem Cantucci seine Stradivari aufbewahrt. Und dort gerät er in einen Hinterhalt und wird von drei in rascher Folge abgeschossenen Pfeilen getötet, die ihn alle mitten ins Herz treffen. Und dann enthauptet ihn der Täter – quasi während das Herz zu schlagen aufhört, wenn man dem Rechtsmediziner glauben soll.«

»Muss ein ziemlich derber Vorgang gewesen sein.«

D’Agosta war sich nicht sicher, was Pendergast damit meinte, und ließ den Satz unkommentiert. »Anschließend begibt sich der Täter auf den Dachboden, wo sich der Tresor mit dem Sicherheitssystem befindet, öffnet den Tresor mithilfe des gehackten Codes, nimmt die Festplatte heraus und geht. Er verlässt den Tatort durch die Haustür. Laut unserem Experten konnte nur ein Angestellter oder ehemaliger Angestellter der Firma, die das Sicherheitssystem installiert hat, die Sache durchziehen. Steht alles im Bericht.«

»Sehr gut. Dann lassen Sie uns die Begehung fortsetzen. Ein Stockwerk nach dem anderen, jedes Zimmer auf jeder Etage, auch diejenigen, in denen nichts stattgefunden hat.«

D’Agosta ging Pendergast voran durch die Küche ins Wohnzimmer im Erdgeschoss und öffnete auf Pendergasts Bitte hin sämtliche Schranktüren. Sie stiegen die Treppe zum ersten Stock hinauf, besichtigten diesen und dann den zweiten. Hier hatte sich der Großteil des Geschehens abgespielt. An der Rückseite verfügte das schmale Stadthaus über zwei Zimmer, nach vorn über ein großes Wohnzimmer.

»Der Mord hat im Durchgang zum Musikzimmer stattgefunden«, sagte D’Agosta und deutete auf die Wand, in die sich die Pfeile gebohrt hatten. Aus drei gesplitterten Stellen in der Wandtäfelung verlief je ein breiter, dicker Streifen Blut, auf dem Teppich darunter war eine große Lache getrockneten Bluts zu sehen. Hier blieb Pendergast stehen und kniete sich hin. Mithilfe einer kleinen Taschenlampe stocherte er hier und da herum, wobei er hin und wieder ein kleines Glasröhrchen aus seiner Anzugjacke hervorholte, irgendetwas mit einer Pinzette hochhob, es in das Glasröhrchen tat und dieses verschloss. Sodann inspizierte er, die Lupe in die eine Augenhöhle geklemmt, den Teppich und die Pfeilspuren. D’Agosta machte sich gar nicht erst die Mühe, ihn daran zu erinnern, dass die Spurensicherung bereits alles gründlich untersucht hatte. Er hatte erlebt, dass Pendergast selbst an besonders gründlich durchkämmten Tatorten noch frische Spuren fand.