Wegen der Kinder sprach sie nicht darüber, aber sie konnte es an den Gesichtern von Eleborn und Nodon ablesen, dass auch sie wussten, was sie alle erwartete. Ihre Spur im Sand war sehr auffällig. Es war unmöglich, sie nicht zu bemerken.
Der Schwertmeister stützte Eleborn, der mit seiner Krücke immer wieder im Sand eingesackt war. Dennoch kamen sie nur langsam voran. Sie selbst trug Meliander auf ihren Schultern. Er war eingeschlafen.
»Ich bin müde«, sagte Emerelle leise.
Sie hatte sich bisher gut gehalten. Nicht gejammert und keine Fragen gestellt. Aber sie war solche Märsche nicht gewöhnt.
»Nur ein kleines Stück noch. Siehst du die Schatten am Himmel?«
Müde hob die Kleine den Kopf.
»Was glaubst du, was das ist.«
»Pegasi«, antwortete Emerelle ohne zu zögern.
»Aber die Himmelspferde kommen normalerweise nicht in die Wüste. Was glaubst du, warum sie hier sind? Sieh nur, einige landen jetzt. Und andere steigen wieder in den Himmel.«
Ihre Tochter beobachtete eine Weile die Schatten. »Ich glaube, sie haben ein Geheimnis.«
Das dachte Nandalee auch. Und sollten die Himmelsrösser entgegen ihrer Gewohnheiten nicht sofort davonfliegen, wenn sich Elfen zeigten, gab es vielleicht noch einen Hauch von Hoffnung.
»Sollen wir dem Geheimnis nachspüren?«
»Ja!« Emerelles Müdigkeit schien vergessen. Für den Augenblick. Aber es lag noch mindestens eine Meile Weg vor ihnen.
Ihre Tochter drückte fest ihre Hand. Sie hatte den beiden nicht gesagt, dass Nachtatem tot war und sie nun gejagt wurden. Eleborn hatte angedeutet, dass etwas in der Pyramide geschehen war, aber in Anwesenheit der Kinder hatte er nicht darüber reden wollen. Wozu auch viele Worte machen? Ihr Schicksal war ohnehin unausweichlich.
Auch Nodon zog es vor zu schweigen. Hatte er ihr geglaubt? Oder hielt auch er sie für die Mörderin Nachtatems? Die Intrige gegen sie war wohldurchdacht. Sie würde sie niemals entkräften können. Bis ans Ende aller Zeiten würde man sie unter den Elfen als die heimtückische Verräterin kennen, die den Erstgeschlüpften ermordet hatte.
Der Goldene hatte am Ende obsiegt. Er würde die Himmelsschlangen nun anführen. Und er würde sich die Kinder holen. Nandalee ballte in hilfloser Wut die Fäuste. Sie konnte nichts dagegen tun. Zumindest würden die zwei überleben. Schließlich hielt er sie für seine Brut.
Sie versuchte, all diese Gedanken zu vergessen. Dies war ihre letzte Nacht. Sie sollte sie genießen. Jetzt drückte sie Emerelles Hand. Ihre Tochter sah zu ihr auf und lächelte.
»Wir ergründen ein Geheimnis, und Meliander wird es verschlafen«, sagte sie gut gelaunt.
Nandalee konnte nicht anders, als auch zu lächeln.
Nun, da sie alles losgelassen hatte und sie sich ihrem Schicksal stellte, war ihr Herz ein wenig leichter. Es war eine wunderschöne Nacht. Sie erfreute sich am Licht der Sterne und der kühlen Brise, die den Sand um ihre Knöchel tanzen ließ.
Ein Wiehern störte die Stille der Nacht. Eine weiße Pegasusstute kam auf sie zugaloppiert. Etwa zehn Schritt entfernt blieb sie stehen und weitete die Flügel. Es schien, als wollte der Schimmel sie warnen, näher zu kommen.
»Ich glaube, sie wird uns treten«, sagte Emerelle eingeschüchtert.
Nandalee kniete nieder und legte Meliander behutsam in den warmen Sand. »Ich gehe zu ihr. Passt du auf deinen Bruder auf?«
Emerelle nickte.
Nandalee gab Nodon und Eleborn ein Zeichen, stehen zu bleiben. Dann hob sie beide Hände und ging langsam auf die Stute zu, wobei sie beruhigend auf sie einsprach.
Das Tier stampfte nervös und schnaubte herausfordernd. Kurz bevor Nandalee es erreichte, weitete es bedrohlich seine mächtigen Schwingen.
»Wir werden deine Herde nicht stören«, sagte sie leise. »Ruhig, meine Schöne. Ganz ruhig.« Sie wob Magie in ihre Worte und verstärkte den Geruch Sternauges, der noch an ihren Kleidern haftete. Pegasi waren zugänglicher, wenn man roch wie sie.
Immer noch stampfte die Stute mit den Hufen. Nandalee war jetzt bis auf drei Schritt an sie heran.
Ein zweiter und dritter Pegasus landeten hinter der Stute und kamen mit bedrohlich geweiteten Schwingen näher.
»Ich bin verwundet«, sagte Nandalee. »Und ich bin auf der Flucht. Drachen jagen mich.« Ihr war bewusst, dass die Stute sie nicht verstand, aber sie wusste nicht, was sie sonst sagen sollte. Sie musste die Pegasi friedlich stimmen. Die Himmelsrösser würden über ihr Leben oder ihren Tod entscheiden.
»Bitte, ich muss meine Jungen retten.« Zoll um Zoll arbeitete sie sich an die Stute heran. Zwei Mal scheute sie zurück, dann gestattete sie es, dass Nandalee ihre Nüstern berührte.
Die beiden anderen Pegasi waren nur noch einen Schritt entfernt. Beide hatten die Ohren angelegt. Eine falsche Bewegung, und sie würden sie mit trommelnden Hufen angreifen.
Doch die Stute schien Vertrauen zu ihr gefasst zu haben. Sie ließ es zu, dass Nandalee ihre Stirn streichelte. Und nun wagte sie etwas, das sie oft mit Sternauge getan hatte. Sie presste ihre Stirn an die der Stute und versuchte, sie an all ihren Gefühlen teilhaben zu lassen. An ihrem Zorn und ihrer Angst wegen der Himmelsschlangen. An ihrer Trauer um Sternauge und an der Sorge um ihre Kinder.
Auch sie spürte etwas. Trauer. Dieses Gefühl teilten sie beide. Als sie in die großen schwarzen Augen der Stute aufblickte, war alle Scheu daraus verschwunden. Sie wandte den Kopf zur Seite, ging zwei Schritte und blickte dann zu Nandalee zurück, als wollte sie sie auffordern, ihr zu folgen. Auch die beiden anderen Pegasi wirkten nicht mehr so nervös wie vorhin noch.
Nandalee erklomm eine flache Düne. Auf der Rückseite sah sie einen dunklen Körper, halb im Flugsand versunken. Ein Rappe.
Die Stute hielt neben ihm an. Sanft stieß sie mit den Nüstern gegen den leblosen Körper, als hoffte sie, sie könne ihn so aufwecken.
Die Elfe stieg zu dem toten Hengst herab. Sie streichelte ihn. Sein Kopf war schon halb im Sand versunken. »Es tut mir leid«, sagte sie leise und dachte an Sternauge. Nicht einmal ein Tag war vergangen, seit sie von ihm Abschied genommen hatte.
Nach einiger Zeit stand sie auf und ging zu den anderen zurück. Die drei Pegasi blieben bei ihrem Toten.
»Und, hast du das Geheimnis herausgefunden?«, bestürmte Emerelle sie.
»Ja.«
»Darf ich es auch sehen? Bitte!«
»Manche Geheimnisse sind traurig, wir jagen ihnen nach, doch wenn wir sie finden, stecken wir uns an ihrer Traurigkeit an. Dieses ist so ein Geheimnis. Willst du es wirklich wissen?«
Emerelle zögerte kurz, dann nickte sie.
Nandalee nahm sie bei der Hand und führte sie zum Kamm der Düne. Dort verharrte sie kurz, bis sie sich sicher war, dass die Stute erlaubte, dass sie noch einmal zurückkam.
»Ein toter Pegasus?«, sagte Emerelle leise und klang weniger erschüttert als enttäuscht.
»Ich glaube, es war ihr Gefährte oder ihr Bruder«, sagte Nandalee, und als sie den Eindruck hatte, dass die Stute es gestattete, dass sie sich noch einmal näherten, ging sie mit Emerelle hinab.
Ihre Tochter kniete sich neben den Kopf, so wie sie es eben getan hatte. Sie schob Sand zur Seite. »Er sieht aus wie Sternauge«, sagte sie leise, ohne in ihrer Arbeit innezuhalten.
Jetzt erst sah Nandalee die Blesse, die eben noch unter dem Sand verborgen gewesen war. Sie ähnelte der von Sternauge nicht nur. Sie war genau gleich!
Plötzlich gab Emerelle einen halb erstickten Laut von sich und sprang auf. Sofort scheuten die Pegasi und wichen zurück. Nandalee zog ihre Tochter zu sich in die Arme. Und dann sah sie, was Emerelle erschreckt hatte: Ein tiefer, sandverklebter Schnitt klaffte im Hals des Pegasus.
»Wer tut so etwas?«, schluchzte sie. »Das ist so böse!«
»Ich weiß es nicht.« Nandalee drückte ihre Tochter an sich und strich ihr über das Haar, bis sie sich beruhigte.