Aus den Augenwinkeln sah sie Nodon und Eleborn, die zum Kamm der Düne heraufgestiegen waren. Die beiden hatten alles gesehen.
»Kannst du ihm den Sand aus der Mähne streichen, oder graut es dir zu sehr vor ihm? Ich glaube, die Stute würde es mögen, wenn du das tust.«
Emerelle nickte, doch Tränen standen ihr in den Augen.
Als sie sich wieder neben dem toten Hengst niederließ, stieg Nandalee die Düne hinauf.
»Er sieht aus wie Sternauge«, sagte Nodon kalt, und es war überdeutlich, dass all seine Zweifel an ihrer Geschichte wieder erwacht waren.
»Es ist nicht Sternauge! Benutze deinen Verstand. Warum hätte ich ihn hier töten sollen? Wie wäre ich von hier zum Albenstern im Jadegarten gelangt?«
»Du kannst sehr schnell sein, wenn du willst.«
Er klang noch distanzierter. Würde er sie zum Kampf herausfordern? Hier, vor den Kindern?
»Sternauge starb in dem Tal, in dem der Gelbe Turm steht«, erklärte sie beschwörend. »Glaubst du wirklich, ich würde meinen Pegasus ermorden? Welchen Grund hätte ich dazu?«
Die letzte Frage schien ihn zum Nachdenken zu bringen. Jedenfalls nickte er zögerlich.
»Ich werde versuchen, die Pegasi dazu zu bringen, uns zu helfen. Vielleicht tragen sie uns zu einem Albenstern.«
»Besser, unsere Wege trennen sich schon hier, und sie tragen uns zu drei verschiedenen Albensternen«, warf Nodon ein. »Das wird es den Himmelsschlangen schwerer machen, uns zu verfolgen.«
Das war ein vernünftiger Einwand, doch Nandalee spürte, dass es dem Schwertmeister vor allem darum ging, fort von ihr zu kommen. Er konnte ihre Nähe nicht länger ertragen.
Sie griff nach dem Lederbeutel an ihrem Gürtel, nahm eines der Stoffröllchen heraus und überreichte es Eleborn. »Ich habe das Traumeis gefunden. Ich werde dir nie genug für all das danken können, was du für die Kinder und auch für mich getan hast.« Sie stockte. »Vielleicht wird dir das Traumeis helfen, wieder der zu sein, der du einst warst.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich werde mir mehr als nur ein Bein wachsen lassen. Ich werde mich von Grund auf verändern. Nach allem, was geschehen ist, bedauere ich, jemals ein Drachenelf gewesen zu sein.«
Nandalee bemerkte den verächtlichen Blick Nodons. Er würde immer ein Drachenelf bleiben, ganz gleich wie viel Zeit verging. Sie war sich auch sicher, dass er sich keinen neuen Meister suchen würde. Seine Treue gehörte allein Nachtatem. Sie gab auch ihm eines der Stoffröllchen. »Wann immer du an mir zweifelst, nimm dies in die Hand. Ich war im Gelben Turm, und ich habe Nachtatem niemals verraten.«
Es war unmöglich, in seinen schwarzen Augen zu lesen, was er dachte. Nandalee hoffte, dass sie ihn niemals zum Feind haben würde. Er würde sie finden, wenn er zu der Überzeugung gelangte, dass sie die Mörderin seines Herrn war. Und wenn es dazu kam, würde es keine Gelegenheit zu reden mehr geben.
»Ich weiß, wohin ich gehen werde«, durchbrach Eleborn das beklemmende Schweigen zwischen ihnen. »Ich werde …«
»Lass uns nicht voneinander wissen!«, unterbrach ihn Nodon schroff. »Die Himmelsschlangen werden uns nachstellen. Sollten sie einen von uns finden, ist es besser, wenn wir nicht verraten können, wo die anderen sind.«
Er hatte recht, und doch fand es Nandalee niederschmetternd, sich so zu trennen.
Sie ging zu den Pegasi. Noch einmal stand sie Stirn an Stirn mit der Stute. Und schließlich gestatteten die beiden Hengste Eleborn und Nodon aufzusteigen. Ohne ein weiteres Wort des Abschieds flogen sie in den Nachthimmel davon.
Nandalee hob Meliander auf, der noch immer schlafend im Sand ruhte. Mit ihm in den Armen ging sie zu Emerelle.
Ihre Tochter hatte die Mähne des toten Hengstes mit den Fingern ausgekämmt und den tiefen Schnitt im Hals wieder unter Sand verschwinden lassen. Die Stute trat hinter sie und stupste sie sanft mit der Schnauze in den Nacken, als wollte sie sich bedanken.
»Wohin gehen wir, Mama?«
Nandalee sah all die anderen unausgesprochenen Fragen in den Augen ihrer Tochter und wusste, dass sie schweigen würde. Zumindest in dieser Nacht. Manchmal war sie schon zu erwachsen, dachte sie bedrückt. »Wir machen eine weite Reise. Ihr beide wolltet doch immer schon fort aus dem Jadegarten. Wir werden Wüsten und Dschungel erkunden, ich werde euch den Winter in Carandamon zeigen, wo ich gelebt habe, als ich Kind war, und die Basare von Drashnapur. Alle Wunder dieser Welt werde ich mit euch teilen.«
Emerelles Augen strahlten.
Was sie ihr nicht sagen würde, war, dass sie gleich beim ersten Durchschreiten eines Albensterns absichtlich einen Fehler machen würde. Sie wollte nicht allein an einen anderen Ort. Sie wollte in die Zukunft gehen. Zehn, vielleicht fünfzehn Jahre.
Nachtatem hatte gesagt, Meliander und Emerelle würden eine große Zukunft haben. Der sollten sie etwas näher kommen, denn eine Gegenwart hatten sie alle drei nicht mehr.
Ohne Mass
Der Zorn der Himmelsschlangen kannte kein Maß. Wohin Bidayn auch blickte, der Horizont stand in Flammen. Seit Stunden schon wüteten die Drachen über dem Bainne Tyr, und obwohl das Grasland viele Meilen entfernt war, trieb der Wind die Asche bis zu den Felsen des Jadegartens.
Der Goldene hatte allen befohlen, hier hinaufzusteigen, um dem Strafgericht beizuwohnen. Solaiyn war da und seine Schlangenfrau, Farella, Lydaine und die anderen Elfen, die sich mit den Luftaalen hierher gerettet hatten, alle Kobolddiener der verborgenen Oase, ja selbst die Gazala, die von ihnen allen am meisten darunter litten, den ganzen Tag unter der sengenden Sonne zu stehen.
Keiner wagte es, ein Wort zu sagen oder gar in die Oase hinabzusteigen, um Wasser zu holen.
Die Himmelsschlangen waren spät am Morgen gekommen. Bidayn vermutete, dass sie sich noch beraten hatten. Sie wussten, dass ihr Bruder Nachtatem tot war. Der Goldene hatte sogar gewusst, dass Nandalee entkommen war. Sein Zorn war ausgeblieben, und er hatte vielmehr lobende Worte für ihren harten Kampf gefunden und ihr sein Beileid für Valarielle ausgesprochen.
Dann waren die Himmelsschlangen hinaus in die Wüste geflogen, und als sie wiederkamen, war alles anders gewesen. Ihr Zorn hatte keine Grenzen mehr gekannt. Sie hatten die Spuren von Nandalee und den Kindern gefunden. Die Mörderin und ihre Helfer waren in der Wüste auf Pegasi getroffen. Dort, wo es eigentlich keine Pegasi hätte geben dürfen. Und die Himmelsrösser hatten die Flüchtlinge davongetragen, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Sie alle waren hier versammelt, weil ihnen der Goldene eine Lektion erteilen wollte: Das Strafgericht, das sich vor ihren Augen abspielte, würde künftig jeden treffen, der der Mörderin half. Und sie sollten es in die Welt hinaustragen, damit alle erfuhren, was hier geschehen war.
Was die Himmelsschlangen so erzürnt hatte, konnte Bidayn nur erraten. Vielleicht hatte der Goldene in der Silberschale eine Zukunft gesehen, in der er Nandalee in der Wüste stellte, sie tötete und ihre Kinder zu sich nahm? Dabei hätte doch gerade er wissen müssen, wie trügerisch die Bilder waren, die jene verfluchte Schale zeigte.
Ein weiterer Flammenstrahl erhellte den Horizont.
Bidayn sah die Angst in den Gesichtern der anderen. Nandalee würde es künftig schwer haben, einen Unterschlupf zu finden.
Kaum dass der Feuerschein verschwunden war, stand ein Blauer Stern über dem brennenden Grasland. Das Himmelsschiff des Sängers! Kaum ein Albenkind hatte es nicht mindestens ein Mal in seinem Leben gesehen. Der Blaue Stern stand für Hoffnung. Und auch wenn der Sänger sich nie leibhaftig zeigte, so ließ er sie durch sein Himmelsschiff doch als Einziger wissen, dass die Alben mehr waren als nur Geschichten.
Der blaue Stern
Der Blaue Stern war wie aus dem Nichts am rauchverhangenen Himmel erschienen.
Der Goldene landete zwischen den Kadavern verbrannter Pegasi. Der Geruch des gebratenen Fleischs ließ Speichel von seinen Lefzen tropfen. Herausfordernd sah er zum Himmelsschiff des Sängers empor. Sollten sie nur kommen, die Alben.