Wir müssen nicht kommen, wir sind immer da. Die Worte waren in seinem Kopf. Ein Stück voraus erschien ein unstet tanzendes silbernes Licht.
Sie wagten es nicht, sich in seiner Gegenwart in Fleisch zu kleiden, dachte er abfällig.
Du irrst. Wir ehren dich nicht damit, uns zu offenbaren. Du und deine Brüder, ihr seid ohne Maß und ohne Weisheit. Nichts von dem, was ihr heute begonnen habt, wird Bestand haben.
»Wir sind der Schild eurer Welt. Wir tun, was ihr längst aufgegeben habt.«
Wir haben nie eine Welt zerstört. Auch haben wir niemals Tausende unserer Kinder auf dem Altar unseres Stolzes geopfert. Albenmark war behütet. Nangog war euch verboten. Habt ihr all dies vergessen?
»Ihr habt uns Macht gegeben, um uns dann zu verlassen. Also wundert euch nicht, dass wir diese Macht nun nutzen. Eure vermeintliche Freiheit führt nur zu Unsicherheit und Chaos. Heute ist der erste Tag der neuen Ordnung. Und auf die Schrecken dieses Tages werden Frieden und Sicherheit folgen.«
Frieden, wie ihn die Pegasi erfahren haben? Ihr habt sie alle gefunden. Es gibt keine Pegasi mehr in Albenmark. Was für ein Gefühl ist das, etwas für immer in dieser Welt vernichtet zu haben? Der Welt, die zu schützen wir euch Himmelsschlangen erschaffen haben.
Leere Worte, dachte er verärgert. Phrasen, hinter denen sich jene versteckten, die längst aufgegeben hatten, die Welt zu ordnen. »Am Anfang aller Ordnung steht ein Opfer. Ein paar tote Pferde erscheinen mir ein geringer Preis für den Frieden zu sein.«
Das Licht wurde so grell, dass der Goldene den Blick senken musste.
Du träumst von einem Zeitalter der Drachen. Einem Zeitalter, in dem du dich vom Hüter zum Herrscher aufschwingst. Nun wisse: Wir Alben haben der Ordnung heute auch ein Opfer gebracht, und auch wenn du es noch nicht spürst, ist es bereits vollzogen. Du und deine Brüder, ihr habt unsere Gunst verloren. Wir haben euch Himmelsschlangen die Gnade genommen, alterslos zu sein. Ihr werdet erfahren, wie es ist, euch jeden Tag ein wenig zu verlieren. Jene anderen Drachen aber, denen wir Vernunft geschenkt hatten, werden dazu verflucht sein, dass ihre Brut in Zukunft das sein wird, als das ihr euch heute gebärdet habt: Raubtiere! Statt des Verstandes, den ihre Eltern nicht zu nutzen wussten, werden Instinkte ihr Leben beherrschen.
Das Licht verblasste. Der Blaue Stern verschwand, und der Goldene blieb zurück inmitten von Rauch und Asche.
Ein geschenkter Traum
Artax bäumte sich auf. Es war dunkel. Er war so eng eingeschnürt, dass er sich kaum bewegen konnte, und ein mit Speichel vollgesogenes Stück Stoff steckte in seinem Mund.
»Ist ja schon gut, ich hab gesehen, dass du erwacht bist.«
Ein Ruck, und er schlug auf einen festen Untergrund. Dann wurde er herum und herum gewirbelt. Die Dunkelheit wich einem grenzenlosen blauen Himmel, dessen ferner Horizont in blassem Rosa verging. Artax tastete um sich. Er lag auf einem Teppich. Über ihm stand breitbeinig Shaya.
»Versuch jetzt nichts Dummes. Ich kenne mehr gemeine Tricks als du, und ich würde dir nur ungern wehtun.« Sie grinste ihn breit an, auf eine Art, wie sie es lange nicht mehr getan hatte. Ganz mit sich und der Welt im Reinen.
»Wo bin ich?« Das Land, das ihn umgab, war flach und steinig. Gesprenkelt von vertrockneten Grasbüscheln und kräftig lila blühenden Disteln. Ein Land, das ihm seltsam vertraut vorkam und dessen Anblick ihn mit Sehnsucht erfüllte. »Wo bin ich?«, fragte er erneut.
»Das Königreich heißt Aram, die Provinz Nari, und wie das nächste Kaff heißt, wissen allein die Götter.«
Artax setzte sich auf. »Was hast du getan?«
»Das einzig Richtige. Übrigens waren Ashot und ich darin ausnahmsweise einmal einer Meinung. Er war es, der dir hinterrücks den Schlag auf den Kopf gegeben hat. Mich wollte er das nicht machen lassen. Er hatte wohl Angst, dass ich dir den Schädel einschlage.«
»Wie konntest du …«
»Es war Blut auf den Monden! Das war ein überaus schlechtes Omen. Ashot war derselben Meinung. Er fand auch, dass die Erdbeben ein schlechtes Omen waren. Da war ich mir nicht ganz so sicher …«
»Weil die Monde rot waren und die Erde gebebt hat, dachtest du, du entführst mich. Mich, den Unsterblichen? Und das am Abend vor der Schlacht!«
Shaya sah ihn beleidigt an. »So leicht habe ich es mir natürlich nicht gemacht. Ich war bei Volodi und habe ihm davon erzählt. Er hat mir gezeigt, was Quetzalli gemacht hat, wenn sie den Schleier der Zukunft zerreißen wollte. Wir haben gemeinsam einen schwarzen Hahn geschlachtet.«
Artax stöhnte. »Lass mich raten – die Leber war voller schwarzer Flecke und Würmer.«
Shaya schüttelte den Kopf. »Nein, sie war völlig in Ordnung, aber nachdem ich mit Volodi ein wenig getrunken hatte, waren wir übereinstimmend der Meinung, dass nur Zapote auf diese Weise die Zukunft bestimmen sollten und Hühnerlebern für alle anderen keine Aussagekraft haben. Er fand es übrigens eine gute Idee, dich vom Schlachtfeld fernzuhalten. Er meinte, du seist zu sehr in den Tod verliebt.«
Das sagte der Richtige, dachte Artax, sprach es aber nicht aus. »Ich habe für immer mein Gesicht verloren«, sagte er erschüttert.
»Du meinst diese stählerne Maske unter dem Löwenhelm? Ashot hat deine Rüstung angelegt. Der Unsterbliche Aaron hat also auf dem Kommandodeck gestanden und seine Flotte befehligt, wie es die Pflicht verlangt. Niemand wird bemerkt haben, dass du fehlst.«
»Ich bin mehr als eine Rüstung«, sagte er gekränkt.
Shaya ergriff seine Hände. »Endlich sind wir einer Meinung. Du bist unendlich viel mehr. Du bist der Mann, der seinem Königreich all seine Träume geopfert hat. Der selbstlose Herrscher, den alle lieben und der doch an seiner Selbstlosigkeit schon fast zerbrochen ist. Glaubst du, ich hätte nicht gesehen, wie du dir Tag für Tag neue Bürden auferlegt hast? Und weißt du, worin Ashot und ich noch einer Meinung waren?«
Sie ließ ihm keine Zeit, darauf zu antworten.
»Wir beide waren überzeugt, dass es dir egal wäre, ob du in einer Schlacht stirbst oder nicht. Wer so denkt, der kommt nicht mehr zurück.«
Artax fühlte sich ertappt. Manchmal hatte er wirklich gedacht, der Tod sei ein Segen, so unendlich müde machte ihn die Herrschaft.
Shaya wies in weit ausholender Geste über das Land. »Ich hoffe, das hier entspricht deinen Vorstellungen. Du hast mir so oft von der Schönheit von Distelblüten vorgeschwärmt. Also bitte, Distelblüten bis zum Horizont.«
Er mochte das Lila der Blüten. Wenn der Wind über ein Distelfeld blies und es auf und nieder wogte, sah es aus wie ein lila Ozean.
»Gefällt es dir auch?«
Shaya sah ihn überrascht an. »Ob mir ein Meer von Disteln gefällt? Dieses Land ist keinen Hundefurz wert. Hier kann man keine Pferde weiden. Nicht einmal eine Ziege, die auch nur ein bisschen Hirn in ihrem Schädel trägt, würde sich in so ein Distelfeld wagen. Das hier ist dein Traum, nicht meiner.«
»Dann ist es nichts wert. Ich habe mir immer vorgestellt, dass wir zusammen ein Gehöft …«
»Ja, ja. Du hast mir öfter als einmal erzählt, wie wunderbar es ist, mit nackten Füßen in warmem Mist zu stehen. Noch so ein Traum, den wir nicht teilen …« Sie lächelte, wie nur sie lächeln konnte. Dann deutete sie nach Osten. »Ein paar Meilen in diese Richtung soll es einen Bach geben und an seinen Ufern ganz passables Weideland.«
»Das ganz bestimmt schon jemandem gehört …«
Shaya blickte zu den beiden Packtieren, die auf der staubigen Straße standen. »Wir haben ein paar Beutel Gold dabei. Ich bin zuversichtlich, dass am Ende alle zufrieden sein werden. Und sollte jemand uneinsichtig sein …« Sie legte die Hand auf die Dornaxt an ihrem Gürtel. »Du weißt ja, dass ich sehr überzeugend sein kann.«
Er lachte und dachte bei sich, dass er die Verhandlungen führen würde.
»Der Löwenhäuptige wird kommen und uns holen.« Und wahrscheinlich bestrafen …