„Oh, ich denke, daß ich zu jeder Zeit zur Verfügung stehe!“
„Ganz im Gegenteil! Warum gingst du so schnell, als ich im Speisesaal mit dir zu sprechen hatte?“
„Weil ich glaubte, daß unsere Unterredung zu Ende sei.“
„Sie sollte erst beginnen.“
„Davon hatte ich freilich keine Ahnung. Der Gegenstand schien erschöpft zu sein.“
„Mitnichten. Ich wollte wissen, wo du dich während dieser Nacht befunden hast.“
„Wer sagt dir, daß ich nicht hier gewesen bin?“
„Ich habe erfahren, daß deine Zofe bei dir geschlafen hat!“
„Ah. Du fragst die Zofe nach der Herrin aus? Das ist ein Verhalten, welches ich rügen muß. Nur im Bauernstand pflegt es vorzukommen, daß die Herrschaft sich auf diese Weise mit dem Gesinde ins Einvernehmen setzt.“
Seine Brauen zogen sich zusammen, und die Spitzen seines Schnurrbarts stiegen empor. Er zeigte die langen, gelben Zähne und stieß dann hervor:
„Was? Rügen? Rügen willst du mein Verhalten? Du?“
„Allerdings!“
„Mädchen, was fällt dir ein! Du überschätzest dich bedeutend. Du weißt nicht, mit wem du sprichst!“
„Ich kenne dich lange genug, um dies wissen zu können!“
„Und dennoch irrst du dich gewaltig. Du schlägst seit einiger Zeit einen Ton an, den ich mir sehr verbitten muß!“
„Weil du stets gewohnt warst, diesen Ton für dich als Monopol in Anspruch zu nehmen. Du sagst, daß ich mich überschätze? Vielleicht ist das bei dir in noch viel höherem Grad der Fall. Was hast du mir noch zu sagen?“
„Zunächst will ich wissen, wo du während der verflossenen Nacht gewesen bist.“
„Darüber bin ich dir nicht Rechenschaft schuldig.“
Da sprang er von seinem Sessel auf und rief:
„Donnerwetter! Das bietest du mir?“
„Ja“, antwortete sie ruhig.
„So? Ah! Schön! Weißt du, wer hier Herr und Meister ist?“
„Der Baron de Sainte-Marie, nicht aber der Kapitän Richemonte.“
„Ich bin der Vater des Barons, dein Großvater.“
„Beweise mir diese Verwandtschaft!“
Er war beinahe starr vor Erstaunen.
„Mädchen“, knirschte er, „bist du verrückt?“
Sie wendete sich mit einer unbeschreiblichen Handbewegung ab und sagte:
„Brechen wir ab. Ich sehe, daß du nicht einmal weißt, in welcher Weise man mit einer Dame zu verkehren hat. Du gefällst dir seit einiger Zeit ganz in dem Betragen eines Plebejers, den man nur bemitleiden kann.“
Da ergriff er sie beim Arm und sagte in einem Ton, welcher beinahe pfeifend erklang:
„Ja, ja, du bist verrückt, sonst könntest du so etwas nicht wagen. Aber ich bin der Mann, dich zu zähmen! Also du sagst nicht, wo du gewesen bist?“
„Nein.“
„Dein Bräutigam wird es wissen.“
„Ich habe keinen Bräutigam. Nimm deine Hand von meinem Arm!“
„Oh, nicht doch! Ich werde dich festhalten und sogar züchtigen, wenn du bei diesem Ton bleibst!“
„Gut, schlagen wir einen anderen Ton an!“
Ehe er es zu verhindern vermochte, ergriff sie den Glockenzug und läutete, daß man es fast durch alle Korridore zu hören vermochte. Man hörte sofort Türen öffnen.
„Ah, dieses Mal gelingt es dir noch“, sagte er. „Ich will den Eklat vermeiden, darum gehe ich; das nächste Mal aber bin ich der Sieger. Richte dich darauf ein!“
Er ging.
„Es ist nichts. Packt euch zum Teufel!“ herrschte er der durch das Läuten herbeigerufenen Dienerschaft entgegen.
Dann begab er sich nach seinem Zimmer, in einer Aufregung, welche er kaum zu meistern vermochte.
Unterdessen hatte Müller seine Arbeit beendet. Er war noch über dem Einsiegeln derselben, als sein Blick zufällig durch das Fenster fiel. Er gewahrte draußen an der Linde das mit dem Wachtmeister verabredete Zeichen.
„Fritz ist wieder da“, sagte er erfreut. „Er hat mit mir zu sprechen. Das ist schön. Er kann mir gleich diese Arbeit nach der Post bringen.“
Sein Auge glitt von der Linde nach dem Schloß zurück. Da gewahrte er einen Wagen, welcher sich dem Tor näherte. In demselben saßen Madelon und Nanon, die beiden Schwestern.
„Da kommen sie“, dachte er. „Die Gegenwart von dieser Madelon kann mir von Nachteil sein. Ich werde mich vorerst gar nicht von ihr sehen lassen.“
Er wartete, bis die beiden ausgestiegen und in das Gebäude getreten waren; dann begab er sich durch den Park in den Wald. An der verabredeten Stelle trat ihm Fritz entgegen.
„Grüß Gott, Herr Doktor!“ sagte er. „Ich komme, meine Wiederkehr pflichtschuldigst zu melden.“
„Schön. Ich dachte, du würdest länger bleiben. Wie ist es dir ergangen?“
„Sehr gut, mit Abenteuern.“
„Abenteuer? Das klingt verheißungsvoll. Komm und erzähle mir.“
Sie schritten miteinander tiefer in den Wald hinein, und Fritz berichtete seine Erlebnisse. Am Schluß langte er in die Tasche und zog einige Papiere hervor.
„Hier sind die Notizen, welche ich mir in der Pulvermühle bei Schloß Malineau gemacht habe.“
„Danke. Du denkst also, daß sie für uns wichtig sind?“
„Jedenfalls. Ich habe zum Beispiel daraus ersehen, daß es die letzte Pulverladung ist, welche der Kapitän empfängt.“
„Das beweist, daß er mit seinem Arrangement fast zu Ende ist. Wir müssen uns also sputen.“
„Gewiß. Ist er gesund?“
Der Sprecher blinzelte bei dieser Frage sehr bezeichnend mit den Augen.
„Ich habe nicht gehört, daß er sich unwohl fühlt.“
„Dann haben Sie Ihr Versprechen gehalten.“
„Natürlich. Ich wollte diese unterirdischen Gänge nicht vor deiner Rückkehr untersuchen. Nun aber werde ich nicht länger zögern. Der Alte soll schon heute die Tropfen erhalten.“
„Ist das nicht schwierig?“
„Nein. Er pflegt sich nach Tisch ein Glas Absinth kommen zu lassen. Er erhält dabei immer ganz dasselbe Glas, welches auf dem Büffet steht. Die Tropfen sind ihm also gewiß.“
„Ob sie wohl heute noch wirken werden?“
„Das werden wir erfahren. Komm nach elf Uhr wieder hierher an diese Stelle. Du wirst mich treffen.“
Er kehrte nach dem Schloß zurück. Dort erfuhr er, daß der Kapitän heute, wie so oft, in seinem Zimmer speisen werde. Als Müller sich nach dem Speisesaal begab, tat er das um einige Minuten früher als gewöhnlich. Nanon und Madelon befanden sich bereits dort. Die erstere kam ihm freudig entgegen und sagte:
„Sie sehen, daß ich wieder eingetroffen bin, Herr Doktor. Hier meine Schwester, die Sie ja an der Unglücksstelle bereits gesehen haben.“
Er und Madelon verbeugten sich sehr förmlich voreinander, ganz so, als ob sie sich im Leben noch nie begegnet seien. Aber im Laufe der Unterhaltung erhaschte sie einen passenden Augenblick und raunte ihm zu:
„Keine Sorge. Sie haben nichts zu befürchten.“
Das beruhigte ihn. Nach der Tafel, während man sich noch unterhielt, befand er sich stets in der Nähe des Büffets. Er nahm sich ein Glas Wein und benutzte die Gelegenheit, diese vierzig Tropfen in das Glas des Alten fallen zu lassen.
Als dann der Diener eintrat, mit einem kleinen Präsentierteller in der Hand, wußte er, was dieser wollte. Er schenkte sich selbst einen Absinth ein und fragte dann wie so nebenbei:
„Ein Glas auch für den Herrn Kapitän?“
„Ja, Herr Doktor.“
„Hier.“
Der Diener nahm das Glas und entfernte sich mit demselben.
Nun begann eine Zeit des Wartens für Müller. Er hörte, daß Marion nach Thionville sei, um ihre neue Freundin Harriet de Lissa zu besuchen. Auch der Amerikaner hatte das Schloß verlassen, vielleicht zu demselben Zweck. Der Abend war nahe; da entstand ein sehr bemerkbares Hin- und Herlaufen in den Korridoren, und dann verließ ein Reitknecht das Schloß, um im Galopp auf der Straße nach Thionville hinzufegen. Müller verließ sein Zimmer und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe.