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„Aber wenn du doch der Sohn eines Grafen, eines Generals wärst?“

„Dieses Glück wäre wohl nicht so groß wie dasjenige, der Mann dieser Nanon sein zu dürfen.“

„Nun gut, sprechen wir jetzt nicht weiter darüber. Wenn es mir gelingt, diesen Bajazzo ausfindig zu machen, so – – –“

„So werden Sie vielleicht erfahren“, fiel Fritz ein, „daß wir Spinnweben gesponnen haben.“

Da wurde die Tür geöffnet; der Wirt blickte herein.

Er machte, als er die beiden sah, ein finsteres Gesicht, trat näher und fragte, sich an Fritz wendend:

„Sind Sie schon lange hier?“

Fritz machte das dümmste Gesicht, welches er fertigzubringen vermochte, und antwortete:

„Sie wissen es ja.“

„Ich? Ich sah Sie nicht kommen.“

„O doch! Als ich zum ersten Mal bei Ihnen einkehrte, standen Sie unter der Tür.“

„Ah, wer fragt denn danach.“

„Sie doch.“

„Ist mir nicht eingefallen.“

„Donnerwetter! Sie fragten mich doch, wie lange ich bereits hier bin, in Thionville.“

„Da haben Sie mich falsch verstanden. Ich meine, wie lange Zeit Sie bereits hier sitzen, nämlich heute.“

„Hm! Ich habe nicht nach der Uhr gesehen.“

„War jemand im vorderen Zimmer?“

„Die Kellnerin.“

„Kein Gast?“

„Nein.“

Jetzt schien der Wirt beruhigt zu sein. Er wendete sich an Müller und fragte diesen:

„Sie waren noch nie bei mir, Monsieur. Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Aus welchem Grund fragen Sie? Muß man, um ein Glas Wein bei Ihnen zu trinken, sich legitimieren?“

„Nein; das nicht, aber ich liebe es, die Herren zu kennen, welche bei mir verkehren. Sie wissen ja, Monsieur, es ist Pflicht eines Wirtes, jeden nach seinen begründeten Ansprüchen zu behandeln.“

„Möglich. Was mich betrifft, so sind meine Ansprüche nicht groß. Ich bin Erzieher. Auf Schloß Ortry.“

Ein leises Zucken ging über das Gesicht des Wirtes. Er ließ sein Auge von dem einen auf den anderen herüber und hinüber schweifen und fragte:

„So sind Sie Herr Doktor Müller? Sie haben das gnädige Fräulein gerettet? Und auch den jungen Baron Alexander?“

„Es gelang mir, ihn vor dem gefährlichen Sturz zu bewahren.“

„Sie müssen ein sehr mutiger Mann sein.“

Dabei musterte er ihn mit offenbar mißtrauischem Blick.

„Pah! Man tut seine Pflicht“, meinte Müller kalt.

„Haben diese Herren sich zufällig getroffen?“

„Zufällig“, nickte der verkleidete Offizier, der damit ja auch die Wahrheit sagte.

„Kennen Sie sich vielleicht?“

Das war denn doch zu unverschämt. Müller stand auf, warf ein Geldstück auf den Tisch und antwortete:

„Bringen Sie Ihre Fragen bei Schulknaben an, nicht aber bei einem, der selbst gewohnt ist, Antworten zu hören. Hier die Bezahlung. Adieu!“

Er ging. Der Wirt blickte ihm nach und sagte dann, zu Fritz gewendet.

„Ein grober Mensch.“

„Ja“, meinte der Kräutersammler kurz.

„Finden Sie das nicht auch?“

„Sogar sehr. Ich hätte ihn beinahe ohrfeigen mögen.“

„Wieso?“

„Er trat hier ein, als ich mich eben niedergesetzt hatte. Meinen Sie etwa, daß er grüßte?“

„Nicht?“

„Fiel ihm gar nicht ein. Ich wollte ein Gespräch beginnen –“

„Er mochte nicht?“

„Nein. Ich fing vom Wetter an; er aber gönnte mir nicht einmal einen Blick. Ich brachte Verschiedenes vor, lauter prächtige und interessante Sachen; wissen Sie, was er da zu mir sagte?“

„Nun?“

„Ich sollte meinen Schnabel halten.“

„Das ist allerdings sehr stark.“

„Sehr! Mich wundert es, daß er es nicht auch zu Ihnen gesagt hat. Schnabel! Als ob man ein Star oder eine Blaumeise wäre. Dieser Kerl wird dem jungen Baron eine schauderhafte Bildung beibringen.“

„Ja, das scheint so! Aber sagen Sie: Ist wirklich niemand in der vorderen Stube gewesen? Sie haben nicht gehört, daß jemand gesprochen hätte?“

„Kein Wort.“

„So ist's also doch gut. Ich erwarte nämlich den Briefträger, er ist aber, wie ich nun höre, noch nicht dagewesen. Waren Sie heute bereits nach Pflanzen aus?“

„Allüberall, im Wald und im Feld.“

„Wo sind da Ihre liebsten Stellen?“

„Wie meinen Sie das?“

„Ich meine, wo sie sich am allerliebsten aufhalten?“

„Hm. Im Bett.“

Fritz sagte das, indem seine Miene die größte Unbefangenheit zeigte. Der Wirt warf ihm einen zornig forschenden Blick zu und fragte:

„Monsieur, wollen Sie mich etwa zum Narren haben?“

Fritz sah erstaunt zu ihm auf und antwortete:

„Wieso? Sie fragen mich, wo ich mich am allerliebsten aufhalte, und ich sage es Ihnen. Was ist da weiter daran?“

Der Wirt sah ein, daß er es mit einem Menschen zu tun habe, dem die Intelligenz nicht mit Scheffeln zugemessen worden sei. Er beruhigte sich also und erklärte:

„Ich meinte, ob Sie im Wald vielleicht ein Plätzchen haben, an welchem Sie sich am liebsten aufhalten.“

„Ich gehe dahin, wo ich meine Pflanzen finde; andere Plätze können mich gar nicht interessieren.“.

„Sind Sie oft beim alten Turm?“

„Brrr! Dort geht es ja um.“

„Wer sagte Ihnen das?“

„Alle Welt weiß es ja.“

„Oder gehen Sie zuweilen nach der großen Ruine, welche mitten im Wald liegt?“

„Was soll ich in Ruinen? Dort wächst das, was ich suche, jedenfalls nicht.“

„Oder halten Sie sich öfters am Trou du bois auf?“

Fritz merkte natürlich, daß er ausgehorcht werden solle. Je mehr der Wirt in ihn drang, ein desto dümmeres Gesicht machte er. Jetzt freute er sich innerlich, daß der Ort erwähnt wurde, von dem er gern wissen wollte, wo er liege. Er fragte darum:

„Am Trou de bois? Was ist das?“

„Ein Loch im Wald.“

„Das heißt, ein Ort, an welchem sich keine Bäume befinden?“

„Nein. Es ist ein großes Loch in der Erde.“

„Es gibt viele Löcher im Wald, bei denen ich gewesen oder vorübergekommen bin.“

„Es ist, wenn Sie von dem großen Steinbruch aus über die nächste Waldecke eine gerade Linie ziehen.“

„Was verstehe ich von dem Steinbruch, der Waldecke und der Linie! Wer soll das begreifen!“

„Ich meine, wenn Sie auf dieser Linie fortgehen, so gelangen Sie in der Zeit einer guten halben Stunde nach dem Loch.“

„Meinetwegen. Fällt mir gar nicht ein, eines alten Lochs wegen, welches mich gar nichts angeht, eine Linie durch den Steinbruch und den Wald zu ziehen. So eine Heidenarbeit! Da habe ich mehr zu tun.“

Der Wirt lachte laut auf. Er fühlte sich außerordentlich befriedigt und sagte, noch immer lachend:

„Aber, Monsieur, ich habe doch auch gar nicht gemeint, das Sie eine wirkliche Linie ziehen sollen.“

„Na also! Da lassen Sie mich auch mit der Linie in Ruhe. Warum reden Sie überhaupt von ihr, wenn Sie gar nicht verlangen, daß ich sie ziehen soll.“

„Sie sind köstlich, wirklich köstlich. Also Sie waren noch nicht an dem Loch? Sie kennen es nicht?“

„Nein.“

„Finden Sie nicht, daß der Wald, gerade dieser Wald, sehr einsam ist?“

„Wie jeder andere auch.“

„Oh, es gibt doch Wälder, in denen viel Verkehr ist. Dieser Wald wird aber wohl nicht viel von Menschen besucht?“ forschte der Wirt weiter.

„Ich weiß nichts davon. Wenigstens habe ich nicht gefunden, daß dort so viele Menschen verkehren, daß sie geradezu mit den Köpfen zusammenrennen.“