Richemonte kam langsam herabgestiegen. Er schein sehr nachdenklich zu sein. In der Nähe von Müllers Versteck blieb er stehen und brummte vor sich hin:
„Verdammt! Dieser Deep-hill ist ein vorsichtiger Kerl! Was können mir die Anweisungen nützen, wenn die Unterschrift der Firma fehlt: Diese Amerikaner sind höchst penible Geschäftsleute. Aber, unterschreiben wird er doch!“
Er schritt an der Säule, hinter welcher Müller stand, vorüber, als wolle er das Gartenhäuschen aufsuchen, blieb aber nach zwei Schritten bereits wieder stehen.
„Ob ich Rallion aufsuche?“ fragte er sich.
Er blickte eine Weile überlegend vor sich nieder und fuhr dann fort:
„Diese Marion muß gezähmt werden, und zwar baldigst! Ich werde doch mit ihm sprechen, wenn er auch erschrecken wird darüber, mich so unerwartet vor seinem Bett zu sehen.“
Er machte eine halbe Wendung, so daß Müller sich genötigt sah, dieser Wendung, um nicht entdeckt zu werden, um die Säule zu folgen, und stieg dann eine andere Stufenreihe empor.
Auch diese Stufen führten zwischen zwei engen Mauern nach oben; die Wände standen so eng zusammen, daß ein Mensch nur bei schiefer Körperhaltung Platz finden konnte. Oben gab es wieder ein niedriges, schmales türähnliches Loch, welches durch Täfelwerk verschlossen war. Richemonte schob dasselbe, nachdem er einige Augenblicke gelauscht hatte, zur Seite und trat, indem er sich niederbückte, durch die entstandene Öffnung. Er befand sich im Schlafzimmer des jungen Rallion.
Er trat an das Bett und leuchtete dem Schläfer, der nichts gehört hatte, in das Gesicht. Dieses letztere war durch ein Heftpflaster entstellt, infolge von Fritz Schneebergs Messerstich. Der Alte schüttelte den Grafen leise.
„Herr Oberst!“ sagte er.
Rallion drehte sich herum und machte die Augen auf. Er sah Licht und erblickte den Alten.
„Donnerwetter!“ meinte er, indem er empor fuhr. „Kapitän, wie kommen Sie in dieses Zimmer?“
„Zu Fuß natürlich!“ antwortete lachend der Alte.
„Die Türen sind doch verriegelt!“
„Das kann für mich kein Hindernis sein. Aber bitte, sprechen Sie ein wenig leiser! Es ist nicht notwendig, daß wir uns mit Aufbietung aller unserer Lungenkräfte unterhalten. Es kann das mehr piano geschehen.“
„Unterhalten? Ah, mir scheint, daß Sie eine eigentümliche Zeit zu dieser Konversation gewählt haben!“
„Es ist die beste; ich kann es Ihnen versichern!“
„Gut! Sie müssen das besser beurteilen können als ich. Aber die Veranlassung kann keine gewöhnliche sein!“
„Vielleicht ist sie für Sie ungewöhnlich; für mich ist sie es aber nicht. Es handelt sich nämlich um Marion.“
„Um Marion? Ah! Da könnten Sie mich zu jeder Nachtzeit wecken! Warten Sie; ich werde aufstehen.“
„Ist nicht notwendig!“
„Aber, soll ich denn im Bett – – –“
„Pah! Wir brauchen unter vier Augen uns ganz und gar nicht um die Dehors zu bekümmern. Bleiben Sie liegen!“
„Gut! Aber wie sind Sie hereingekommen?“
„Das geht Sie zunächst nichts an!“
„Meinetwegen! Also was ist's mit Marion?“
„Dieses Mädchen zeigt sich höchst obstinat.“
„Leider, leider!“
„Sie haben es nicht verstanden, sich ihre Teilnahme zu erwerben!“
„Alle Teufel! Wer kann sich mit einem so bepflasterten Gesichte, wie das meinige ist, die Anbetung einer Dame erringen.“
„Damen pflegen Leidenden gegenüber doch immer mehr oder weniger Sympathie zu hegen.“
„Heftpflaster gegenüber? Hm!“
„Wer das Mitleid eines Mädchens besitzt, wird auch sehr bald die Liebe desselben besitzen.“
„Das ist Theorie. Die Praxis zeigt sich mir ganz anders!“
„Daran tragen Sie Schuld!“
„Wieso? Ich möchte das bewiesen sehen!“
„Der Beweis ist sehr leicht. Trugen Sie das Heftpflaster bereits, als Marion Sie zum ersten Mal sah?“
„Nein.“
„Sie dürfen also dem Pflaster nichts vorwerfen. Sie hätten die Bekanntschaft Marions in einer Weise machen sollen, welche Ihnen deren Liebe sicherte.“
„Wollen Sie die Güte haben, mich über diese Art und Weise aufzuklären?“
„Wenn ich Sie aufklären soll, so brauche ich mich über Ihren Mißerfolg allerdings gar nicht zu wundern. Ein junger Mann muß ganz von selbst wissen, wie er sich eine Frau erwirbt.“
„Meinen Sie etwa, ich hätte Süßholz raspeln sollen?“
„Ein wenig, ja.“
„Nun, das habe ich getan.“
„Das war aber nicht genug!“
„Was noch?“
„Sie hätten sich als Helden zeigen sollen.“
„Auf dem Schiff?“
„Ja. Sie hatten die beste Gelegenheit dazu.“
„Donnerwetter! Haben Sie etwa die Ansicht, daß ich Marion hätte retten sollen?“
„Das ist allerdings meine Ansicht. Sie hatten ja den Kahn.“
„Es gab aber keine Zeit, die Dame zu holen.“
„Sie hätten diese Zeit haben können, wenn Sie sich beeilt hätten.“
„O nein! Ehe ich Marion aus der Kajüte gebracht hätte, wäre der Kahn bereits von anderen weggenommen worden.“
„Nun, dann gab es immer noch einen Rettungsweg.“
„Noch einen? Welchen?“
„Das Schwimmen!“
„Brrr! Das macht naß!“
„Ich denke, Sie haben das Schwimmen gelernt?“
„Allerdings! Aber mit einer solchen Last – bei solchem Wetter – bei diesem Aufruhr aller Elemente – kein Mensch hätte das fertiggebracht.“
Der Alte zog eine etwas verächtliche Miene bei der Entschuldigung Rallions, die dessen Feigheit bemänteln sollte.
„Pah!“ sagte ersterer. „So hat es doch einer fertiggebracht.“
„Sie meinen diesen Menschen, diesen Schulmeister Müller? Bei ihm ist das etwas anderes. Er ist buckelig, er hat den Sicherheitsapparat auf dem Rücken; dieses Subjekt kann ja niemals untergehen.“
„Sie vergessen, daß noch ein anderer mit Nanon in die Flut gesprungen ist. Er hat sie gerettet, ohne buckelig zu sein.“
Der Graf machte eine ungeduldige Handbewegung und antwortete:
„Sind Sie etwa gekommen, um mich mit diesen Beispielen des Heldenmuts zu langweilen?“
„Nein. Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß Sie selbst versäumt haben, sich Marion zu gewinnen.“
„Es handelte sich um Leben und Tod. Ein Kahn war in diesen Augenblicken der Gefahr mehr wert als das schönste Mädchen der ganzen Welt.“
„In denke, Sie lieben Marion.“
„Zweifeln Sie daran?“
„Fast möchte ich.“
„Unsinn! Sie ist eine Schönheit allerersten Ranges. Und Sie muß meine Frau werden.“
„Und doch war Ihnen ein Kahn lieber als sie.“
„Hören Sie, Kapitän: das Leben geht noch über die Liebe. Ich glaube nicht, daß Sie mir da Unrecht geben werden.“
„Die kalte Berechnung sagt allerdings, daß Sie da recht haben; aber es gibt auch Charaktere, welche für ihre Liebe in den Tod gehen können.“
„Zu diesen Leuten gehöre ich nicht. Ich bin weder ein Dichter, noch sonst ein Schwärmer. Es mag romantisch sein, für die Geliebte zu sterben; für sie zu leben, ist aber jedenfalls vernünftiger und vorteilhafter.“
„Vorausgesetzt, daß die Geliebte einwilligt. Aber gerade das tut Marion nicht.“
„Das läßt mich kalt. Auf ihre Einwilligung kommt ja nicht das Geringste an.“
„Sie meinen, daß mein Befehl ausreichend ist?“
„Ich hoffe es.“
„Aber sie weigert sich, mir zu gehorchen.“
„Wirklich! Das ist fatal, aber mehr für Sie, als für mich. Sie haben uns Ihr Wort gegeben und müssen es halten.“