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»Den Hund ham de Engel sei Leben lang b’schützt und ihm beig’standen! Unseroana plagt si und bringt’s doch zu nix. Und so a Pleeboi, so a ausg’schamter, der verdient an Haufa Geld mit unseroam!«

»Und net amoi a Bayer war a. A Österreicher!«

»Des aa no!« sagte der, der Jonny genannt wurde. »Und wegen dem Scheißkerl müaß ma mir uns jetzt d’Füaß in Bauch steh!«

»… verleihe dem Jakob Formann in jener Stunde lebendigen Glauben, festes Vertrauen, brennende Liebe und große Geduld …«, las Hirnschall. Der Arbeiter neben Jakob sagte: »Oiso, des woaß a jeda: I bin koa Kommunist! Aba wenn i an den Formann denk’, nacha könnt i oana werden!«

»Mir geht’s grad a so«, ließ sich eine andere Stimme vernehmen. »I mag die DDR, die sogenannte, g’wiß net. Aba was wahr is, des muaß wahr bleiben: Solchene Kreaturen, solchene, die hams drüben net!«

Herrgott, würde ich dir gerne die Zähne einschlagen, dachte Jakob, dem speiübel geworden war vor Wut. Euch allen! Was bin ich? Ein Ausbeuter? Ein Kapitalistenschwein? Eine Kreatur, wo es in der DDR, in der sogenannten, nicht gibt? Ich, ausgerechnet ich, der ich mein Leben lang ein anständiger Mensch gewesen bin? Der euch Armleuchtern Häuser gebaut hat und ganze Siedlungen und Schulen für eure Kinder und Kindergärten und Kinos und Supermärkte, und vierzehn Monatsgehälter kriegt ihr, wozu ich gar nicht verpflichtet bin, und mehr Urlaub als jeder andere, und bei dem ihr habt krankfeiern können bis zum Geht-nicht-mehr, sogar euern Weibern hab’ ich einen Zuschuß gegeben, wenn sie schwanger gewesen sind. Und die Sportplätze? Und die Betriebsausflüge? Und die Spielplätze für eure Kinder? Und das Schwimmbad, das große? Also, das ist ja … Herrgott, drängelt doch nicht so, ich kann mich ja nicht rühren, nicht einmal meine Knie kann ich einem reinrennen dort, wo’s weh tut. Die größte Sau, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, das ist ohne jeden Zweifel der Arnusch Franzl gewesen. Meine bitterste Enttäuschung. Aber da fällt mir ein, was er einmal gesagt hat: »Goldene Klos kannst du ihnen schenken, du Trottel, und sie werden doch nur vom ›schlechten Gewissen‹ reden und daß du ein ›kapitalistischer Ausbeuter‹ bist …« Eine ganz große Sau, der Arnusch Franzl, mein lieber, lieber Schulfreund, aber er hat halt wirklich gewußt, wie es zugeht im menschlichen Leben!

»… gib, daß Jakob Formann sich mit vollem Bewußtsein in Deine Hände empfohlen und im heiligen Frieden entschlafen ist …«, bemühte sich der Hirnschall.

»Heiligen Frieden!« murrte wieder einer der Arbeiter. »Den hat er sei Leben lang g’habt! Was hat der denn von Sorgen g’wußt, so wie wir?«

Gott sei Dank, wenigstens goldene Klos haben sie nicht von mir gekriegt!

»… Du hast dem reuigen Schächer Dein Reich verheißen und in Deiner großen Güte geschenkt! Gedenke auch des reuigen Jakob Formann, o Herr, in seiner letzten Stunde …«

»Reuig! Da machst da ja in d’Hos’n! Der is in sei’m ganzen Leben net reuig g’wesen, de Wuidsau!«

»Der hat net amal g’wußt, was des hoaßt: reuig!«

Also, das halte ich nicht aus. Nicht eine Sekunde länger halte ich das aus. Ihr seid Lumpen, alle miteinander! Kalt ist mir, der Kopf tut mir weh, einen Kater habe ich wie noch nie vom zu vielen Saufen, die Knie schlackern mir noch vor Aufregung wegen dem Malheur da auf der Autobahnbrücke über die Mangfall, und jetzt das! Ich könnte ja brüllen, daß ich noch lebe, und daß ich der Jakob Formann bin. Aber ich habe einfach keine Kraft mehr. Weg, weg, weg hier!

Mit gesenktem Kopf und Tränen der Wut in den Augen brach Jakob Formann sich zum Ausgang hin Bahn. Er rammte Bäuche, Gesichter, Brüste. Ihm war alles egal. Raus hier, raus, raus, raus!

Die Arbeiter wichen zurück.

»Was is denn des für a Trottel?«

»Schaut’s euch des an, Leutln, der woant ja!«

»Mamakind, tut er dir leid, der Herr Formann, gell?«

Ja, dachte Jakob erbittert, sich zum Ausgang kämpfend, ja, ihr undankbares Gesindel, er tut mir leid, der Herr Jakob Formann.

»… und gedenke seiner in seiner letzten Stunde. Amen!«

53

»Nach Starnberg«, sagte Jakob Formann, außer Atem, und ließ sich in den Fond eines Taxis fallen. Er war außer Atem, weil er ein weites Stück bis zum nächsten Taxistand hatte rennen müssen.

Der Chauffeur drehte sich um und musterte ihn angewidert.

»Was is los?«

»Nach Starnberg«, wiederholte Jakob, der eisern an sich hielt, »sollen Sie mich fahren. Wenn es Ihnen nicht zuviel Mühe macht oder vielleicht unangenehm ist.«

»Du bist b’soffen, was?«

»Nein! Ja! Das auch! Aber nicht mehr so sehr! Also wollen Sie nun fahren oder nicht?«

»Starnberg! Des is a schöns Stück Weg! Des kannst du doch nia bezahlen! Also los, los, los, schau, daß du aus mei’m Kübel rauskommst!«

Jakob schnappte nach Luft. »Wie reden Sie denn mit mir, Sie Lümmel?«

»Hast du Lümmel g’sagt, du Mausdreck, du aufg’stellter? Na wart, dir geb’ i glei’ an Lümmel!« Der Chauffeur stieg aus, ging um das Taxi herum, riß den Schlag an Jakobs Seite auf und zerrte unsern Freund heraus. Jakob hatte jetzt genug. Er holte weit aus und traf den Chauffeur mit einem rechten Schwinger direkt an der Kinnspitze. Der stürzte in den Schnee wie ein gefällter Baum. Klassischer K.o.

Jakob stieg über ihn hinweg und setzte sich in das Taxi hinter dem ersten. Der Chauffeur war ein kleiner, magerer Mann, der alles mit angesehen hatte und nun, um sein Leben fürchtend, die Hände hob.

»I hab’ Ihnen nix getan! Steigen S’ aus, Herr! Nehmen S’ a anderes Taxi!«

»Es sind nur Sie und der Kerl da am Stand!« sagte Jakob grimmig. Er hatte sich neben den Chauffeur gesetzt. Der griff in Verzweiflung zu dem kleinen Mikrofon, das am Armaturenbrett hing, und hob es an den Mund, um seiner Zentrale einen Notruf zu geben. Jakob riß ihm das Mikrofon aus der Hand und sicherheitshalber gleich das Kabel ab, an dem es hing.

»Hilfe!« schrie der Kleine. »Hilfe! A Verrückter! Der is aus Haar auskumma!«

Jakob wühlte in einer Tasche der Jacke des ersten türkischen Gastarbeiters. (Die Hose war vom zweiten.) Jakob suchte und fand einen Haufen Geldscheine. Die hielt er dem bebenden Chauffeur unter die Nase. »Da! Ich hab’ Geld! Ich will nach Starnberg! Zum Formann-Schloß! Ich bin der Formann!«

»Sie … sind … Um Gottes willen, der bringt mi um! Der glaubt, er is der Herr Formann! Hilfe!«

Jakob stopfte dem Chauffeur wahllos Scheine in die Tasche.

»Also, fahren Sie jetzt?«

Der Kleine betrachtete ihn bebend.

Dann sah er nach, was Jakob ihm in die Tasche gestopft hatte.

»Wenn ma’s net so dringend brauchen tät«, murmelte er. »Also schön, wie der Herr meinen. Zum Formann-Schloß am Starnberger See. Sie, aba ich warne Sie! I hab’ a Pistole!«

»Ach, leck mich doch am Arsch«, sagte Jakob, endgültig verärgert. Sonderbarerweise brachte die Aufforderung dem Kleinen neuen Lebensmut und ließ seine Ängste schwinden.

Er lachte sogar.

Die erwähnte Aufforderung ist nach höchstrichterlicher Entscheidung im Freistaat Bayern keine Beleidigung. Hingegen häufig ein Grund zur Erheiterung.

»Du g’fallst ma«, sagte der Kleine zu Jakob Formann und fuhr los.

Den Schrecken seines Lebens bekam er erst in Starnberg, als drei Diener aus dem Schloß Jakob Formann entgegeneilten, nachdem der Wagen vor der Treppe zum Eingang gehalten hatte, ihm aus dem Wagen halfen, in Glück- und Segenswünsche ausbrachen (auch sie hatten Radio gehört) und Tränen der Erleichterung und Freude vergossen. Da erwischte es den Taxichauffeur! Er saß mit offenem Mund da und würgte.

»Na los, fahren Sie schon ab, Mann«, sagte Jakob. »Geld genug habe ich Ihnen in die Tasche gestopft. Los, hauen Sie ab!«

»Sie … Sie … Sie sind wirklich der Herr Jakob Formann …«

»Das habe ich Ihnen von Anfang an gesagt, Sie Trottel. Los, fahren Sie ab!«

»I kann net … mir is schlecht … ich … ogottogottogott …« Der Chauffeur brach über dem Lenkrad zusammen.