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»Nehmt ihn mit in die Küche und gebt ihm einen ordentlichen Kaffee und einen großen Kognak«, sagte Jakob. »Ihr seht ja, es steht nicht gut um den armen Kerl …«

Während heißes Wasser in die Wanne floß, in der Jakob sich zu reinigen gedachte, telefonierte er mit dem Münchner Büro der Deutschen Presse-Agentur, welches sich in der Sonnenstraße befindet.

Die Folge dieses Gesprächs war eine Meldung, die von der Hamburger Zentrale sodann über die Fernschreiber gejagt wurde. Sie lautete:

eil  eil

dpa 423

muenchen 26. Januar 1965

formann lebt

jakob formann hat autounfall auf der mangfallbruecke unversehrt ueberstanden und befindet sich zur zeit in seinem schloss am starnberger see. alle vorangegangenen meldungen ueber seinen tod sind damit gegenstandslos. dpa wurde opfer eines missverstaendnisses und bittet um entschuldigung.

dpa el bf mm 26. jan 65 1412 nnnn

54

»Was wollen Sie?« fragte unser Freund am 29. November 1971 gereizt.

»Einen Privatjet«, antwortete sein Plastic-Experte Dr. Addams Jones. Die Herren saßen einander im Living-room von Dr. Jones’ schöner Villa an der Elbchaussee zu Hamburg gegenüber.

Jakob lief rot an.

»Alle meine anderen Herren fliegen mit der LUFTHANSA! Sie als einziger nicht! Sie haben mir schon ein Privatflugzeug abgepreßt!«

»Ja, eben«, sagte Dr. Addams Jones.

»Eben was?«

»Eine Propellermaschine haben Sie mir zur Verfügung gestellt, Herr Formann. Abgepreßt? Ich muß doch sehr bitten! Zum Zeichen der Anerkennung für meine unermüdliche Arbeit haben Sie mir das Propellerprivatflugzeug gegeben!«

»Na also!«

»Propellerprivatflugzeug habe ich gesagt, Herr Formann. Inzwischen gibt es aber Düsenprivatmaschinen. Also kann ich selbstverständlich von Ihnen erwarten, daß Sie mir als Anerkennung meiner unermüdlichen Arbeit jetzt eine Düsenprivatmaschine geben. Das ist doch nur logisch, nicht wahr?«

»Das ist Ihre, Logik, Jones!« sagte Jakob leise.

»Wie darf ich das verstehen, Formann?«

»Ich werde Ihnen ein Beispiel für Ihre Art von Logik geben, Jones«, sprach Jakob, noch leiser. »Ihre Art von Logik funktioniert so: Kuh ist ein einsilbiges Wort. Die Kuh gibt Milch. Auch ein einsilbiges Wort. Aus Milch macht man Käse. Also ist Käse ein einsilbiges Wort!« Jakob erstickte fast an seinen Worten. »Das ist Ihre Ich-kann-den-Hals-nicht-voll-genug-kriegen-Logik, Jones!«

»Immer noch Mister Jones für Sie, Formann!«

»Mann«, sagte Jakob, jetzt fast flüsternd, was ein Zeichen dafür war, daß er sich in einem nahezu unkontrollierbar erregten Zustand befand, »sind Sie denn vollkommen wahnsinnig geworden? Drei Autos haben Sie von mir gekriegt! Einen zweiten Diener! Einen Tennisplatz drinnen, falls es regnet und Sie auf dem draußen nicht spielen können! Einen Swimmingpool drinnen, falls es regnet und Sie draußen nicht schwimmen können, zwei Gärtner, zwei Chauffeure, eine Empfangsdame, prozentuelle Beteiligungen am Umsatz meiner Plastikwerke nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in der ganzen Welt, ein Gästehaus im Watzmanngebiet mit eigenem Lift, ein zweites Gästehaus auf Sylt, vier Monate Urlaub im Jahr, bezahlten natürlich, das höchste Gehalt, das ein Manager Ihrer Art in der Welt kriegt, den höchsten Spesensatz, Jahresappartements in fünf Hotels! Was wollen Sie denn noch?«

»Einen Düsenprivatjet«, sagte Dr. Addams Jones milde. »Das wäre ein nettes kleines Weihnachtsgeschenk, zum Beispiel, Formann, wenn es Ihnen so leichter fällt.«

»Weihnachten steht doch schon vor der …«

»Ich habe mir auch schon etwas ausgesucht und reservieren lassen«, gab der Experte bekannt.

Am 22. Dezember 1971 hielt Jakob dann anläßlich eines Festschmauses in der Kantine des Hamburger Plastikwerkes eine Rede. Festlich geschmückt war der Raum. Auf einem Podium stand Jakob vor dem Mikrofon, rechts von ihm saß der Wenzel Prill, links von ihm der Karl Jaschke. Jakob sprach nur kurz und zu Herzen gehend. Er schloß mit den Worten: »… der Wind, meine lieben Freunde, ist rauher geworden, und er wird noch rauher wehen. Die Zeiten werden auch schwerer werden, das wissen wir alle. Gerade darum müssen wir, die ich wie eine große Familie sehe, nun zusammenhalten und zusammenstehen! Keine Feindschaft darf es geben, nicht die geringste. Wir müssen alles verstehen und alles verzeihen …« Hier beugte sich Jakob kurz zu Wenzel und sagte dem ins Ohr: »Diesen Scheißkerl, den Jones, den schmeißt du zum nächstmöglichen Zeitpunkt raus, verstanden?«, und als Wenzel nickte, fuhr Jakob, wieder in das Mikrofon hinein, mit verklärtem Gesichtsausdruck und im Schein der Kerzen eines riesigen Weihnachtsbaumes fort: »….und so lassen Sie mich denn alles, was noch zu sagen bleibt, in dem alten Spruch zusammenfassen: ›Gott gebe uns die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können, den Mut, die Dinge zu verändern, die zu verändern sind, und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.‹«

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»Ja, mir san mit’m Radl da!« sang Jakob am Sonntag, dem 25. November 1973, um 10 Uhr 35 MEZ im Chor mit achtundsechzig Männern, Frauen und zarten Kindern. »Ja, mir san mit’m Radl da! Ja, mir san mit’m Radl da! Ja, mir san mit’m Radl da …« Der Text dieses bundesweit beliebten Liedchens hatte die Besonderheit, daß man, wenn man wollte, fast nur mit dieser einzigen Zeile auskam, und das, sofern man nur wollte, stundenlang. Jakob sang »Ja, mir san mit’m Radl da!« in dem schönen Kirchlein von Hammering bei Passau in Niederbayern. Auf der Kanzel stand Hochwürden Karl Dussl und sang mit. Saukalt war es in der Kirche. Und die gläubigen Schäflein waren denn auch wirklich fast alle mit’m Radl da. Die Radln lehnten draußen an der Kirchenmauer. Vierundfünfzig Radln. Ein paar, die ganz nahe wohnten, waren zu Fuß gekommen. (Die logen jetzt beim Singen, die meisten aber sangen die Wahrheit.)

»… ja, mir san mit’m Radl da …« steigerte sich der Chor der Gläubigen. Jakob war auch wieder ein Gläubiger geworden! Hatte er doch in der Nacht zu seinem fünfundvierzigsten Geburtstag, im Geäst eines Baumes über der Mangfallschlucht hängend, ein Gelübde getan. Nix wie wieder rein in die Kirche, wenn ich jetzt mit dem Leben davonkomme, hatte Jakob gelobt. Er war mit dem Leben davongekommen. Er hatte sein Versprechen gehalten. Er war wieder in die Gemeinschaft der katholischen Christen eingetreten. Trotz der ganz schön hohen Kirchensteuer! Aber versprochen ist versprochen!

»… ja, mir san mit’m Radl da …« Der Chor schwoll weiter an. Das Liedchen war noch lange nicht aus! Der Geistliche Herr, Hochwürden Dussl, hatte vor diesem Sonntag verlauten lassen, er verheiße den Einwohnern von Hammering (und Umgebung) Gotteslohn und das Absingen von ›Ja, mir san mit’m Radl da!‹, wenn sie auch wirklich zur Sonntagsmesse kämen. Diese Verheißung hatte natürlich ihren Grund. Der Grund dafür, daß in einer katholischen Kirche in Niederbayern ›Ja, mir san mit’m Radl da!‹ gesungen wurde, war Jom Kippur.

Jom Kippur, zu deutsch ›Tag der Sühne‹, bekannter als Versöhnungstag, ist das höchste jüdische Fest. Es wird am zehnten Tischri mit strengem Fasten, feierlichem Sündenbekenntnis und ununterbrochenem Gebet begangen. In biblischer Zeit entsühnte am Versöhnungstag der Hohepriester das Heiligtum, das Volk und sich selbst.

Zum Jom Kippur des Jahres 5734 jüdischer Zeitrechnung, am 6. Oktober 1973 (sieben Wochen also vor dem ›… mit’m Radl-da‹-Gottesdienst in Hammering, Niederbayern), startete Ägypten einen Überraschungsangriff gegen Israel und verwickelte das kleine Land in einen Zweifrontenkrieg, nämlich im Süden am Suezkanal und im Norden bei den Golanhöhen, wo die Syrer den Kampf eröffneten.

Es wurde mit äußerster Erbitterung gekämpft. Die Verluste waren auf beiden Seiten sehr hoch. Schließlich wurde die ägyptische Dritte Armee von israelischen Truppen eingeschlossen. Mit allbekannter Blitzgeschwindigkeit reagierte wie immer auch diesmal die UN. Augenblicks, 25. Oktober, erzwangen Amerikaner und Russen in der Vollversammlung der Vereinten Nationen einen Waffenstillstand.