Evelyn saß da wie eine blasse Statue. Sie hatte keine Abendrobe angezogen, sondern trug ihren Morgenrock, dessen blaßrosa Seide mit winzigen Rosenknospen bestickt war.
»Ich will ja deine Kleider nicht kritisieren, Base«, sagte Lucas plötzlich. »Aber du solltest das tragen, was deiner
Schönheit und Stellung entspricht. Seit Kairo habe ich nicht ein Kleid an dir gesehen, das richtig zu dir gepaßt hätte. Schade, daß ich deine Kisten nicht mitbringen konnte.«
»Es wäre auch unnötig gewesen, Lucas«, antwortete Evelyn. »Es wird mir keinen Spaß machen, sie auszupacken. Die eleganten Kleider will ich nie wieder tragen. Sie würden mich schmerzlich an die Güte meines Großvaters erinnern.«
»Dann verbrennen wir sie ungeöffnet, sobald wir wieder in Kairo sind«, schlug Lucas großzügig vor. »Ich werde dir Kleider kaufen, die deiner würdig und mit denen keine schmerzlichen Erinnerungen verbunden sind.«
»Ich habe die Kleider, die meiner Stellung entsprechen«, erklärte sie nachdrücklich. »Und die Vergangenheit läßt sich nicht auslöschen, Lucas. Von einigen Dingen kann ich mich nicht trennen, und ich will sie aufbewahren, damit sie mich an glückliche Zeiten erinnern. Ich habe für so vieles dankbar zu sein, daß ich mich nicht an meine Fehler und Irrtümer verlieren darf.«
»Das war gut gesagt, Evelyn«, lobte ich sie. »Aber was geht unten vor? Die Männer machen solchen Lärm.«
Ich hatte recht, wenn ich auch das Thema nur wechselte, um Evelyn von trüben Gedanken abzubringen. Die Männer lachten und sangen laut.
»Oh, ich habe ihnen Whisky gestiftet«, verriet Lucas. »Sie vergaßen ganz gern, daß ihr Prophet den Alkohol verboten hat. Und ein Gläschen kann ja gar nicht schaden.«
»Aber Sie haben jetzt genug«, stellte ich fest und nahm ihm die Flasche weg. »Vergessen Sie bitte nicht, daß unsere Freunde im Lager in Gefahr sind. Wenn wir nachts ein Signal bekommen .«
»Ihr Freund Emerson würde auch dann nicht um Hilfe rufen, wenn man ihn bei lebendigem Leib braten würde«, stellte er fest. »Warum ängstigen Sie Evelyn?«
»Ich habe keine Angst«, erklärte sie, »aber Amelia hat recht. Bitte, Lucas, hör zu trinken auf.«
»Dein Wunsch sei mir Befehl.« Aber Lucas hatte leider schon viel mehr getrunken, als er eigentlich vertragen konnte.
Evelyn sagte, sie sei müde, schlug aber vor, ich solle auch zu Bett gehen, um meine Stärke wieder zurückzugewinnen. Ich hatte ganz vergessen, daß ich leidend war, aber ich ließ sofort den Reis kommen, weil ich fürchtete, Evelyn könne nicht schlafen, wenn die Leute so laut seien. Er verstand nur wenig Englisch, doch schließlich hatte ich ihn soweit, daß er begriff. Wenig später war Ruhe.
Als ich mich zum Gehen anschickte, sagte Lucas zu mir: »Entschuldigen Sie meine schlechten Manieren, Miß Amelia. Ich bin nicht so betrunken, wie es den Anschein hatte. Ich schlafe in einer der Kabinen unten, damit ich zur Hand bin, falls ich gebraucht werde.«
»Ich glaube nicht, daß wir Sie brauchen«, antwortete ich ihm. Er ahnte ja nichts von meiner Unterhaltung mit Emerson in der Nacht vorher, und ich hatte auch kein besonderes Vertrauen zu ihm, doch er schien zu den gleichen Schlüssen gekommen zu sein wie wir.
Wir gingen die enge Treppe zu den Kabinen hinab; da bat mich Lucas, einen Moment zu warten, er müsse mir etwas zeigen. Er betrat eine Kabine und kam mit einem langen Gegenstand zurück. Ich schaute genau hin und erschrak.
»Nein, keine Angst, Miß Amelia, diese Flinte hier ist nicht geladen, doch das wissen nur Sie und ich. Vielleicht hatte die Mumie allen Grund, eine Pistole mit kleinem Kaliber nicht zu fürchten, aber das Ding hier schaut so gefährlich aus, als könne es einen ausgewachsenen Elefan-ten umlegen. Jedenfalls gibt es aber eine ausgezeichnete Keule ab.«
»Ich halte es für eine verrückte Idee«, fuhr ich ihn an. »Wenn Sie aber unbedingt damit ... Gute Nacht, Lucas.« Ich ließ ihn waffenschwingend und mit einem blöden Grinsen im Gesicht stehen.
Sonst bewohnten Evelyn und ich getrennte Kabinen, aber nun wollte ich sie unter keinen Umständen allein lassen und gab vor, wieder einen Schwächeanfall erlitten zu haben. Sie half mir ins Bett und blieb auch, da sie ehrlich um mich besorgt war, in meiner Kabine. Sie schlief bald ein.
Ich lag wach. Ich hatte nur ein Glas Wein getrunken, das sonst überhaupt keine Wirkung auf mich hat, aber jetzt mußte ich gewaltsam gegen den Schlaf ankämpfen. Ich klatschte mir im Badezimmer nebenan Wasser ins Gesicht, kniff mich am ganzen Körper und tat alles, um mich wach zu halten.
Endlich fühlte ich mich ein bißchen wacher und ging zum Fenster. Das war kein kleines Bullauge wie auf normalen Schiffen, sondern eine richtige breite Öffnung mit einem Vorhang, der das Licht ausschloß, aber die Luft ungehindert durchließ. Es öffnete sich auf das untere Deck und konnte vom Boden aus leicht erreicht werden. Wenn also Gefahr drohte, mußte sie aus dieser Richtung kommen. Unsere Tür war sicher versperrt und verriegelt. Selbstverständlich wäre auch das Fenster zu schließen gewesen, doch dann hätten wir bald unter Hitze und Luftmangel gelitten, und außerdem hätte ich Lärm gemacht und Evelyn aufgeweckt.
Von meinem Platz aus konnte ich das Deck überschauen. Der Mond schien so hell, daß ich sogar die Nägel im Holz erkennen konnte. Nichts bewegte sich, nur das Mondlicht tanzte in den silbrigen Wellchen. Ich weiß nicht, wie lange ich dastand. Ich mußte wohl ein wenig gedöst haben, doch plötzlich bemerkte ich eine Bewegung, die von rechts kam. Schlagartig war ich hellwach. In dieser Richtung lag Lucas' Kabine.
Ich hielt mich im Schatten und sah bald einen blassen, nun schon recht vertrauten Umriß. Ich weiß nicht, warum, aber diesmal fühlte ich nicht die abergläubische, lähmende Angst wie bei den früheren Besuchen; vielleicht deshalb, weil ich in vertrauter Umgebung war; oder der Eindruck schwächt sich durch die Wiederholung ab. Wirklich, die Mumie wurde allmählich lächerlich. Ihr Repertoire war doch sehr begrenzt! Warum fiel ihr gar nichts Neues ein, warum lief sie immer nur mit wedelnden Armen herum?
Ich war entschlossen, die Mumie im Alleingang zu fangen und vergaß völlig Emersons Warnungen. Um Hilfe rufen wollte ich nicht, weil ich sonst die Mannschaft aufgeweckt hätte; genützt hätten mir die Männer trotzdem nichts, weil sie vom ungewohnten Alkohol sicher schwer schliefen, was ich auch von Lucas annahm. Nein, ich wollte erst warten, was die Mumie vorhatte. Wenn sie versuchte, unsere Kabine durch das Fenster zu betreten, dann hatte ich sie ja. Neben mir stand ein großer, mit Wasser gefüllter irdener Krug, der sicher eine schmerzhafte Beule hinterließ, wo er traf.
Die Mumie trat ins volle Mondlicht und kam immer näher. Sie war sehr groß, viel größer, als ich sie in Erinnerung hatte. Ob da der irdene Krug genügte? Ich hatte ganz vergessen, daß ja der Kopf dick umwickelt war. Ich war zwar ziemlich stark; wenn aber die Kreatur ein kräftiger Mann war, so konnte der mich in einem Handgemenge sehr wohl besiegen und brauchte dazu kein mit übernatürlichen Kräften begabtes Monster zu sein. Sollte ich .
»Lucas! Lucas!« schrie ich. »Zu Hilfe! Lucas! Zu Hilfe!«
Es war sehr dramatisch.
Die Mumie blieb stehen, als sei sie überrascht, meine Stimme zu hören. Evelyn murmelte im Schlaf. Dann tat es einen lauten Krach und einen dumpfen Schlag, und Lucas sprang vom Fenster der nächsten Kabine auf das Deck.
Er war angezogen, hatte die Hemdärmel aufgerollt und den Kragen offen, so daß kräftige Arme und eine behaarte Brust sichtbar waren. In grimmiger Entschlossenheit umklammerte seine rechte Hand die Flinte. Das wäre der richtige Anblick für ein romantisches Mädchen gewesen.