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Von ihnen dreien erholte der Graf sich als Erster. »Nun, nun«, murmelte er. Ein paar behandschuhte Finger strichen über seine Stirn, als angedeuteter Gruß an Ingrey, und wanderten dann zu seinem Herzen, um eine symbolische Verbeugung vor Ijada auszudrücken. »Was für eine eigentümliche Begegnung das doch ist. Ich bin schon seit langem nicht mehr so überrascht worden … eine längere Zeit, als Ihr Euch vorstellen könnt.«

Der Wirt setzte an, eine Begrüßung zu plappern, doch auf eine Geste Wenzels wurde er von einer der Wachen unterbrochen. Der Krieger führte den Mann zur Seite und erklärte ihm vermutlich, was die hochwohlgeborenen Gäste von seinem bescheidenen Haus erwarteten. Aus eingeübter Höflichkeit schritt Ingrey zu Wenzels Pferd, obwohl er dem Grafen eigentlich nicht noch näher kommen wollte. Als seine Hand das Zaumzeug fasste, schnaubte das Tier und scheute zurück, und Ingrey griff fester zu. Die Schultern des Pferdes waren schweißnass vom morgendlichen Galopp, das kastanienbraune Haar gewellt und dunkel. Schaum stand zwischen den Beinen. Warum immer er hier ist: Wenzel hat keine Zeit vergeudet.

Der Graf blickte auf Ingrey hinab und holte tief Luft. »Euch wollte ich sehen, Vetter. Lord Hetwar hat sich Eurer Abneigung gegenüber Förmlichkeiten erbarmt, die Ihr so dezidiert in Euren ansonsten überaus knappen Sendschreiben zum Ausdruck gebracht habt. Also wurde ich ausgesandt, um mich des Leichenzuges für meinen dahingeschiedenen Schwager anzunehmen. Eine familiäre Verpflichtung, da ich anscheinend der einzige Verwandte bin, der nicht von Trauer übermannt, von Krankheit niedergestreckt oder noch unterwegs auf halbem Weg von der Grenze ist. Ein fürstliches Aufgebot an Wagen und Trauergästen folgt mir auf dem Fuße und wird sich uns in Ochsauen anschließen. Ich hatte erwartet, Euch gestern Abend dort anzutreffen, Euren anscheinend recht wechselhaften Reiseplänen gemäß.«

Ingrey befeuchtete sich die trockenen Lippen. »Es wäre mir eine große Erleichterung, wenn Ihr mich ablösen könntet.«

»Das habe ich mir gedacht.« Sein Blick wanderte zu Ijada, und der süffisante, einstudierte Tonfall verschwand. Er senkte das Haupt. »Lady Ijada. Ich kann Euch nicht sagen, wie Leid mir das tut, was geschehen ist — was Euch angetan wurde. Ich bedauere es zutiefst, dass ich nicht auf Burg Keilerkopf zugegen war, um es zu verhindern.«

Ijada nahm diese Worte mit einem Nicken zur Kenntnis. »Ich bedaure ebenfalls, dass Ihr nicht auf Burg Keilerkopf wart. Es war nie mein Wunsch, dass dieses hohe Blut an meinen Händen klebt, genauso wenig wie … diese anderen Folgen.«

»Jaaa …«, erwiderte Wenzel langgezogen. »Wie es scheint, haben wir mehr zu bereden, als ich erwartet hatte.« Er schenkte Ingrey ein verkniffenes Lächeln und stieg ab. Im Stehen war Wenzel tatsächlich kaum eine Handbreit kleiner als sein Vetter. Aus Gründen, die Ingrey selbst nicht verstand, schätzte man ihn immer wieder größer ein, als er war. Sehr viel leiser fügte Wenzel noch hinzu: »Eigenartige Geheimnisse, die Ihr anscheinend nicht einmal dem Siegelbewahrer gegenüber kundtun wolltet. Manch einer mag Euch dafür tadeln. Lasst Euch versichern, dass ich keiner von diesen bin.«

Wenzel raunte seinen Wachen ein paar Befehle zu. Ingrey reichte die Zügel an Wenzels Diener weiter, und die Stalljungen des Gasthauses liefen herbei und führten das Gefolge um das Gebäude.

»Wo können wir reden?«, fragte Wenzel. »Ungestört.«

»Schankstube?«, schlug Ingrey vor und nickte in Richtung des Gasthauses.

Der Graf zuckte die Achseln. »So geht voran.«

Ingrey wäre lieber hinterhergekommen, ging nun aber notgedrungen vorneweg. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie Wenzel Lady Ijada höflich den Arm reichte. Sie wich dieser Geste argwöhnisch aus, indem sie so tat, als müsse sie an der Treppe mit beiden Händen ihr Reisekleid anheben.

»Raus«, befahl Ingrey den beiden Soldaten, die noch beim Frühstück saßen. Beim Anblick des Grafen sprangen sie überrascht auf. »Ihr könnt Brot und Fleisch mit nach draußen nehmen. Wartet dort. Sorgt dafür, dass wir nicht gestört werden.« Er schloss die Tür zur Gaststube hinter ihnen und vor der Nase der verwirrten Zofe.

Wenzel blickte sich gleichmütig in dem altmodischen, mit Binsen ausgestreuten Raum um, steckte die Handschuhe in den Gürtel und setzte sich an einen der Tische. Er bedeutete Ingrey und Ijada, auf der Bank ihm gegenüber Platz zu nehmen. Dann verschränkte er die Hände auf den polierten Brettern, reglos, aber nicht entspannt.

Ingrey konnte nicht genau erkennen, was für ein Tier Wenzel in sich trug. Aber natürlich hatte er auch Ijadas Tiergeist erst dann deutlich vor sich gesehen, als sein Wolf entfesselt worden war. Selbst jetzt hätte er möglicherweise die beunruhigende Erscheinung in ihrem Innern nicht genauer benennen können, hätte er nicht den Kadaver des Leoparden gesehen und später dessen Gestalt gewordenen Geist bei ihrem Kampf gegen den Zauberbann.

Die Frage nach dem Wann beschäftigte Ingrey allerdings deutlich mehr als die nach dem Was. Seit er vor vier Jahren aus dem Exil in Darthaca zurückgekehrt war, hatte er Wenzel nur zweimal gesehen. Der Graf hatte erst kurz vor Ingreys Rückkehr Prinzessin Fara geheiratet und seine Braut mit auf die ausgedehnten Besitztümer seiner Familie entlang des Unterlaufs des Flusses Lure mitgenommen, zweihundert Meilen von Ostheim entfernt. Vor drei Jahren waren die frisch Vermählten Rossflutens zum ersten Mal in die Hauptstadt zurückgekehrt, anlässlich einer Winterfeier zum Tag des Vaters. Ingrey war zu diesem Zeitpunkt in Hetwars Auftrag in den Kantonen gewesen. Er hatte seinen Vetter bei dessen nächstem Besuch während einer Versammlung in der königlichen Halle gesehen, als Prinz Biast Speer und Banner des Fürstmarschalls aus den Händen seines Vaters empfangen hatte. Wenzel war durch die Zeremonie beschäftigt gewesen und Ingrey eingebunden in Hetwars Gefolge.

Sie waren dicht aneinander vorübergekommen, aber nur kurz. Der Graf hatte seinen verrufenen und enterbten Verwandten mit einem höflichen Nicken begrüßt, eine schlichte Geste des Erkennens, ohne Zeichen von Erstaunen oder Abneigung, aber er hatte später keinen Kontakt zu ihm gesucht. Ingrey war der Ansicht gewesen, dass Wenzel sich sehr zum Vorteil verändert hatte, verglichen mit dem wenig anziehenden Jungen, an den er sich aus seiner Kindheit erinnerte. Er hatte angenommen, dass die Verantwortung durch das frühe Erbe und die hohe Heirat ihn hatten reifen lassen und ihm jene eigentümliche Würde verliehen, die er jetzt ausstrahlte. Hatte diese Würde etwa damals schon eine übernatürliche Ursache gehabt?

Das nächste Mal waren sie einander vor einer Woche in Hetwars Gemächern begegnet. Wenzel war still und zurückhaltend gewesen in dieser Versammlung ernster, alter Männer — eingeschüchtert, so hatte Ingrey angenommen, da Wenzel seinen Blick mied. Ingrey konnte sich kaum daran erinnern, dass er überhaupt etwas gesagt hatte.

Wenzel redete mit Ijada, die Augen kummervoll niedergeschlagen: »Meine Frau Gemahlin hat Euch großes Unrecht zugefügt, Ijada, und es ist sicher ein Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit, dass sie selbst nun die Folgen zu spüren bekommen hat. Anfangs hat sie mich belogen und behauptet, es wäre Euer eigenes Begehr gewesen, bei Boleso zu bleiben. Dann aber brachte der Bote von Burg Keilerkopf uns die düstere Kunde. Ich kann schwören, dass ich ihr nicht den mindesten Anlass für diese Eifersucht gab. Ich sollte ihr mehr zürnen, als ich fertigbringe, doch ihr Verrat hat so offensichtlich schon die eigene Bestrafung in sich getragen. Sie weint unaufhörlich, und ich … ich weiß kaum einen Rat, wie ich dieses Durcheinander auflösen und die Ehre meines Hauses wiederherstellen soll.« Er blickte wieder auf.