Die Eindringlichkeit, mit der er Ijada anschaute, galt nicht nur ihrem Leoparden, wie Ingrey befand. Ich glaube, Prinzessin Fara lag mit ihrer Eifersucht doch nicht so falsch, wie Wenzel es vorgibt. Sie waren seit vier Jahren verheiratet, und es gab noch keinen Erben für das alte und bedeutende Haus Rossfluten. Verbarg sich hinter dieser Lücke Unfruchtbarkeit, Abneigung oder ein weniger greifbares Unvermögen? Hatte das den Ängsten einer Frau Nahrung geboten, ob zu Recht oder nicht?
»Das weiß ich auch nicht«, erwiderte Ijada. Ingrey wusste nicht genau, ob diese gereizte und abweisende Antwort auf Zorn oder Furcht hindeutete. Verstohlen betrachtete er sie. Ihr Gesicht war bemerkenswert ausdruckslos. Plötzlich hätte er zu gerne genau gewusst, was sie sah, wenn sie Wenzel anblickte.
Wenzel neigte den Kopf und musterte sie mit einem Stirnrunzeln. »Was ist das eigentlich? Gewiss kein Dachs. Ich würde vermuten, es ist ein Luchs.«
Ijada hob das Kinn. »Ein Leopard.«
Wenzel verzog überrascht den Mund. »Aber das ist doch kein … und wo hat dieser Narr Boleso einen … und warum … Lady Ijada, ich glaube, Ihr solltet mir erst einmal erzählen, was dort auf Burg Keilerkopf geschehen ist.«
Sie sah Ingrey an. Der nickte bedächtig. Wenzel steckte anscheinend ebenso tief in dieser Sache drin wie sie alle, und das in mehr als einer Hinsicht. Außerdem genoss er anscheinend Hetwars Vertrauen. Wusste Hetwar also von Wenzels Tier oder nicht?
Ijada fasste die Ereignisse dieser Nacht ebenso knapp wie unverblümt zusammen. Was die Tatsachen betraf, hielt sie sich an das, was Ingrey schon gehört hatte. Allerdings gab sie kaum einen Hinweis auf ihre eigenen Gedanken oder Gefühle und enthielt sich jeglicher Interpretation oder Mutmaßung. Ihre Stimme war tonlos. Es war fast, als würde man eine Pantomime verfolgen.
Wenzel, der mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte, ohne etwas dazu anzumerken, wandte seinen stechenden Blick schließlich Ingrey zu: »Wo also ist der Zauberer?«
»Was?«
Er wies auf Ijada. »Das ist nicht von selbst geschehen. Es muss ein Zauberer dort gewesen sein. Ein abtrünniger Zauberer, so viel ist gewiss, wenn er sich mit verbotenen Künsten beschäftigte und überdies einem Trampel wie Boleso diente.«
»Lady Ijada … Ich habe Lady Ijadas Aussage so verstanden, dass Boleso die Zeremonie allein durchgeführt hat.«
»Wir waren mit Sicherheit allein in seinem Schlafgemach«, sagte Ijada. »Wenn ich jemals einer solchen Person in Bolesos Haushalt begegnet bin, habe ich sie nicht als Zauberer erkannt.«
Wenzel kratzte sich abwesend am Nacken. »Hm. Möglicherweise. Andererseits … hat Boleso sich eine solche Zeremonie gewiss nicht allein beigebracht. Er hat mehrere Tiere in sich aufgenommen, sagt Ihr? Götter, was für ein Narr. In der Tat … nein. Wenn sein Mentor nicht bei ihm weilte, muss er es vor kurzem noch getan haben. Womöglich hat er sich getarnt. Im Nebenraum verborgen. Vielleicht ist er geflohen?«
»Ich habe mich auch schon gefragt, ob Boleso Helfershelfer hatte«, gab Ingrey zu. »Aber Ritter Ulkra versicherte mir, dass nach dem Tod des Prinzen kein Diener des Hauses geflüchtet ist. Und Lord Hetwar hätte mich gewiss nicht ausgesandt, einen so gefährlichen Gegner festzusetzen ohne Unterstützung von der Kirche.« Ja, Ingrey hätte sich dabei noch sehr viel Schlimmeres zuziehen können als lehrreiche Wahnvorstellungen von Schweinen.
… etwa einen Bann? Was, wenn er seine mordlüsternen Anwandlungen gar nicht von Ostheim mitgebracht hatte? Mühsam verhinderte er, bei diesem Gedanken die Augen aufzureißen. »Hetwar konnte nicht ahnen, was tatsächlich geschehen war.« Aber warum hatte der Siegelbewahrer Ingrey dann so nachdrücklich zur Verschwiegenheit angehalten? Nur wegen der politischen Gründe?
»Die Berichte, die Hetwar zunächst über diese tragischen Begebenheiten erhielt, waren verworren und unzureichend, so viel kann ich Euch versichern«, stellte Wenzel mit einem Stirnrunzeln fest. »Von Leoparden war darin gar nicht die Rede, so wenig wie von manch anderer Einzelheit. Trotzdem … ich wünschte, Ihr hättet diesen Zauberer erwischt, wer immer es war.« Er richtete den Blick wieder auf Ijada. »Das Geständnis eines solchen Gefangenen hätte zumindest einer Dame meines Haushalts helfen können, der ich Schutz schulde.«
Das stimmte allerdings, erkannte Ingrey erschrocken. »Ich bezweifle, dass ich jetzt hier wäre, lebendig und bei Verstand, wenn ich diesen Mann überrascht hätte.«
»Ein berechtigter Einwand«, gestand Wenzel ihm zu. »Aber gerade Ihr hättet ihn erkennen sollen.«
Hatte der Bann Ingrey vielleicht die Sinne vernebelt? Oder hatte die Abneigung, mit der er diese Aufgabe übernommen hatte, ihn allzu nachlässig gemacht? Er lehnte sich ein wenig zurück, und weil er nichts zu seiner Verteidigung vorbringen konnte, wich er zu einer anderen Seite hin aus: »Und was für einem Zauberer seid Ihr begegnet? Und wann?«
Wenzels dunkelblonde Augenbrauen zuckten. »Könnt Ihr Euch das nicht denken?«
»Nein. In Hetwars Räumlichkeiten habe ich nichts von Eurer … Besonderheit gespürt. Auch nicht bei Biasts Amtseinführung, wo ich Euch das letzte Mal davor gesehen hatte.«
»Ist das so? Ich war mir nicht so sicher, ob es mir geglückt war, meine Heimsuchung vor Euch verborgen zu halten, oder ob Ihr einfach nur entschieden hattet, Diskretion walten zu lassen. Wofür ich in jedem Fall dankbar war.«
»Ich habe es nicht gespürt.« Beinahe hätte er noch hinzugefügt: Mein Wolf war gebunden. Aber damit hätte er zugegeben, dass dies nun nicht mehr der Fall war. Und er war sich noch nicht sicher, wie Wenzel und er zueinander standen.
»Wie beruhigend. Nun. Mich befiel es ziemlich zur selben Zeit wie Euch, wenn Euch das wirklich interessiert. Zu der Zeit, wo Euer Vater gestorben ist — oder vielleicht sollte ich besser sagen, zu der Zeit, wo meine Mutter gestorben ist.« Auf Ijadas fragenden Blick hin fügte er an sie gewandt hinzu: »Meine Mutter war die Schwester von Ingreys Vater. Das würde mich zu einem Halben von Wolfengrund machen, abgesehen von all den Rossflutenfrauen, die in früheren Zeiten schon in seine Sippe eingeheiratet haben. Ich brauchte Feder und Papier, um all die Verflechtungen auszubreiten, die unsere Verwandtschaft begründen.«
»Ich wusste, dass da eine Verbindung zu Euch besteht. Aber ich war mir nicht darüber im Klaren, wie nah sie ist.«
»Nah und eng verwoben. Ich hatte längst schon den Verdacht, dass all diese so dicht aufeinander folgenden Tragödien irgendwie miteinander in Verbindung stehen.«
»Ich wusste, dass meine Tante irgendwann während meiner Krankheit gestorben war«, merkte Ingrey langsam an. »Aber mir war nicht bewusst, wie unmittelbar das auf den Tod meines Vaters folgte. Das hat niemand mir gegenüber erwähnt. Ich nahm an, es wäre aus Trauer geschehen oder wegen eines dieser rätselhaften Leiden, die Frauen mittleren Alters befallen können.«
»Nein. Es war ein Unfall. In eigentümlicher Weise zeitlich abgepasst.«
Ingrey zögerte. »Verbindungen … habt Ihr den Zauberer getroffen, der die Tierseele an Euch gebunden hat? War es in Eurem Fall ebenfalls Cumril?«
Wenzel schüttelte den Kopf. »Was auch immer man mit mir gemacht hat, es geschah, während ich schlief. Und Ihr könnt Euch sicher denken, dass dies das verwirrendste Erwachen meines ganzen Lebens war!«
»Und Ihr wurdet nicht krank dadurch oder verrückt?«
»Allem Anschein nach traf es mich nicht so schwer wie Euch. Bei Euch muss etwas falsch gelaufen sein. Ich meine, noch über die Dinge hinaus, die mit Eurem Vater geschehen sind.«
»Weshalb habt Ihr mir nie etwas davon erzählt? Mein Unglück war kein Geheimnis. Ich wünschte, ich hätte gewusst, dass ich nicht alleine bin!«