Jean war nicht sicher, was es war. Sie bewegten sich langsam zwischen den dichtstehenden Bäumen und Büschen vor ihm entlang, so daß sie seinen Blicken hinter dem wuchernden Grün immer wieder entzogen wurden und er die absurde Gestalt mit dem viel zu großen Kopf nicht richtig sehen konnte. Er vermochte nicht zu sagen, ob es ein Kind war, ein Krüppel oder ein Zwerg.
Aber auch die anderen Mitglieder der Gruppe wirkten höchst merkwürdig: Eine der beiden Frauen war noch sehr jung. Sie hatte dunkles, kurzgeschnittenes Haar und trug ein sonderbares Kleidungsstück, das an einen Kampfanzug erinnerte.
Die zweite war ein wenig größer und älter und hatte ebenfalls kurzgeschnittenes, aber sehr helles Haar. Bekleidet war sie mit einem dunkelblauen, eng anliegenden einteiligen Anzug, an dem ein breiter, sehr klobiger Gürtel auffiel, in dem sich neben einer Unzahl Taschen und Reißverschlüssen auch etwas befand, das Jean an die Tastatur eines jener Miniaturcomputer erinnerte, die er in der Festung gesehen hatte. Ihr Gesicht wirkte offen und sympathisch, aber Jean täuschte sich keine Sekunde lang über die Entschlossenheit und Stärke, die diese Frau ausstrahlte.
Die beiden Männer schließlich waren so gegensätzlich, wie sie nur sein konnten: Der größere von ihnen mochte etwa dreißig Jahre zählen, trug als einziger der Gruppe das Haar schulterlang und von einem dünnen, ledernen Stirnband zusammengehalten. Jean schätzte ihn auf deutlich mehr als zwei Meter, und das bedeutete, daß seine scheinbar normal proportionierten Schultern fast doppelt so breit sein mußten wie seine eigenen. Seine Haut war dunkel und sonnenverbrannt. Er hatte ein schmales, fast asketisches Gesicht mit einer deutlichen Hakennase und einem kantigen Kinn. Und über seinem Auge befand sich eine frische Platzwunde. Der Kratzer konnte nicht seine einzige Verletzung sein, die er erlitten hatte, denn er bewegte sich mühsam und humpelte.
Und dann fiel Jeans Blick voller Entsetzen auf das fünfte und letzte Mitglied der Gruppe.
Es war ein Jäger!
Es gab gar keinen Zweifel. Der Mann war eine gute Handspanne kleiner als alle anderen Jäger, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Sein Gesicht war bleich, und er stolperte immer wieder und mußte sich ein paarmal an Baumstämmen oder Zweigen festhalten, um nicht zu stürzen. Aber er war unzweifelhaft ein Jäger. Die nachtschwarze Montur mit dem blutroten Flammenemblem Morons auf Brust und Rücken war nicht zu verkennen.
Jean zog sich hastig ein kleines Stück zurück und erstarrte zu vollkommener Reglosigkeit.
Er wagte kaum noch zu atmen, ja, nicht einmal mehr, den Kopf zu drehen, als die Gruppe sich allmählich von ihm entfernte. Er wußte, wie unvorstellbar fein die Sinne eines Jägers waren. Daß er ihn bisher nicht entdeckt hatte, war einzig seinem schlechten Zustand zuzuschreiben. Aber das würde sich bald ändern. Es gab keine Verletzungen, von denen sich ein Jäger nicht erholte.
Die freudige Erregung, mit der ihn der Gedanke erfüllt hatte, auf Menschen aus der Welt jenseits der Mauer zu treffen, schlug urplötzlich in Enttäuschung und hilflosen Zorn um. Obwohl er es mit eigenen Augen gesehen hatte, erschien ihm der Gedanke, daß sich Menschen mit einem Jäger zusammengetan haben sollten, im ersten Moment einfach absurd.
Aber dann fiel ihm etwas ein: Die beiden Frauen, der Mann mit dem Stirnband und selbst der Zwerg waren bewaffnet gewesen - der Jäger nicht.
Ein fast wahnsinniger Gedanke schoß Jean durch den Kopf. War es möglich, daß diese vier einen Jäger ... gefangen hatten!?
Natürlich war schon die bloße Vorstellung verrückt. Niemand konnte einen Jäger fangen. Man konnte ihn töten oder ihn zumindest so schwer verletzen, daß einem Zeit blieb, die Flucht zu ergreifen, aber ihn überwältigen und gefangennehmen ...
Wahnsinn oder nicht; die Vorstellung ließ Jean nicht mehr los.
Außerdem waren da noch die Energieschüsse, die die Ortungsinstrumente der Festung aufgefangen hatten: ein kurzes, aber heftiges Feuergefecht, das er sich nicht hatte erklären können.
Vielleicht, dachte Jean erregt, kamen diese vier tatsächlich von draußen, und vielleicht waren sie gekommen, um den Bewohnern der Freien Zone zu beweisen, daß auch die Legende von der Unüberwindlichkeit der Jäger nicht stimmte. Er mußte es herausfinden.
Die Chancen, daß ihn dieser Versuch das Leben kostete, standen nicht schlecht. Aber wenn ihm diese vier Fremden den Weg zeigen konnten, wie sie mit den Jägern fertig wurden, dann war der Einsatz das Risiko wert.
Er zögerte noch ein paar Sekunden, dann schob er seine Waffe in den Gürtel zurück und schlich hinter ihnen her.
4
Die Stadt war zu einem Alptraum geworden. Während der ersten zehn Minuten waren sie durch die engen Straßenschluchten eines der ehemaligen Altbauviertel von Paris gegangen. Und obwohl sie auf Schritt und Tritt Anzeichen unvorstellbarer Verwüstung gesehen hatten, hatten die Häuser trotz ihres bizarren Panzers aus grün-violetter Vegetation irgendwie vertraut gewirkt.
Doch dann hatten sie dieses Viertel allmählich hinter sich gelassen, und die Zerstörung war immer größer geworden. Kaum ein Gebäude war noch unversehrt, kaum ein Straßenzug nicht von tiefen, wassergefüllten Kratern zerrissen. Und die meisten Häuser, an denen sie vorüberkamen, waren nur noch ausgebrannte, leere Ruinen.
Rings um sie herum erhoben sich die fremdartig geformten Bäume und Pflanzen eines unheimlichen Dschungels, der die Stadt verschlungen hatte, als wären seit ihrer Vernichtung nicht fünfzig, sondern fünfhundert Jahre vergangen.
Manche der Bäume mußten einen Durchmesser von zehn oder mehr Metern haben, und ihre Kronen erhoben sich so hoch in den Himmel, daß Charity ihre Größe nicht einmal zu schätzen wagte. Sie hatte Büsche gesehen, deren Äste so biegsam wie junge Weidenzweige waren, trotzdem aber jeder einzelne für sich so dick wie ein normaler Baum, und Farngewächse, wie sie auf der Erde in dieser Größe vielleicht zur Zeit der Dinosaurier gewachsen waren.
Überhaupt wirkte alles hier ungeheuer groß. Sie waren bisher auf keinen lebenden Bewohner dieses Alptraumdschungels gestoßen, aber einmal waren sie an einem Spinnennetz vorübergekommen, in dessen Fäden sich eine Vielzahl ausgewachsener Ratten verfangen hatten. Und es hätte Kyles warnender Geste nicht bedurft, Charity und die anderen zu einem respektvollen Bogen um das weiße Gespinst zu veranlassen.
Net und sie hatten sich in der Führung der kleinen Gruppe abgewechselt. Und obwohl Charity ein schlechtes Gewissen dabei hatte, dem Mädchen, das schließlich noch ein halbes Kind war, die undankbare Aufgabe zu übertragen, bei jedem einzelnen Schritt zu überlegen, ob es vielleicht der letzte sein würde, war sie doch gleichzeitig dankbar dafür. Sie fühlte sich verwirrt und hilflos wie niemals zuvor im Leben. Alles erschien ihr so sinnlos, daß sie sich in den letzten Minuten mehr als einmal dabei ertappt hatte, sich allen Ernstes zu fragen, warum sie überhaupt noch weitermachten. Daß sie aus Daniels Falle entkommen waren, bedeutete überhaupt nichts. Sie hatte das Gespräch, das Daniel und sie in seinem Privatmuseum unter dem höchsten Turm des Shai-Taan geführt hatten, nicht vergessen. Trotz aller Verachtung, die sie diesem Verräter gegenüber empfand, war sie doch gleichzeitig sicher, daß er die Wahrheit gesagt hatte. Aber wenn das so war, dachte sie niedergeschlagen, dann war alles, was sie getan hatten und jetzt noch taten, vollkommen sinnlos, ebenso sinnlos wie alles, was sie noch tun konnten. Dann kämpfte sie gegen einen Gegner, der nicht besiegt werden konnte, weil ein Sieg über ihn gleichzeitig den Tod bedeutete. Nicht nur für sie, sondern für diesen ganzen Planeten.
Charitys Blick heftete sich auf den Rücken Gurks, der wenige Schritte vor ihr herging. Gurk sah vielleicht ein wenig komisch aus, aber er war nichtsdestoweniger ein humanoides Wesen. Und was seiner Gestalt an Menschlichkeit abging, das machte der Charakter des Gnoms hundertfach wett. Ob er nun in Colorado oder auf dem vierundachtzigsten Planeten der Sonne Itzelplunk in der neunten Galaxis geboren war, dachte Charity spöttisch, Abn El Gurk Ben Amar Ibn Lot Fuddel der Vierte war hundertmal mehr Mensch als so manches sogenannte menschliche Wesen, dem sie in ihrem Leben begegnet war.