Indiana fühlte sich hilflos. Er fühlte Entsetzen und Zorn, einen tiefen, brodelnden Zorn über dieses schreckliche, sinnlose Gemetzel, aber vor allem war er verwirrt und fühlte sich hilflos wie selten zuvor im Leben. Vielleicht, weil er tief in sich spürte, daß Delano recht hatte. Er hatte gar keine andere Wahl gehabt. Seine Männer oder die Eingeborenen, so brutal und zugleich einfach war das gewesen.
«Sie hätten gar nicht erst hierherkommen sollen«, murmelte er.
«Damit haben Sie vermutlich sogar recht«, sagte Delano hart.»Aber wir sind nun einmal hier. Und wenn wir es nicht wären, dann wären es Ihre Leute, oder etwa nicht?«Er starrte Indiana sekundenlang an und wartete vergeblich auf eine Antwort. In seinen Augen lag ein Ausdruck, den Indiana im ersten Moment nicht verstand. Und als es ihm langsam klar wurde, war er zutiefst verwirrt. Vielleicht hatte er sich in Delano getäuscht. Vielleicht war nicht jeder, der die schwarze Uniform mit den Totenköpfen trug, ein gewissenloser Mörder.
«Sie werden dafür bezahlen«, sagte Ganty leise. Seine Stim me zitterte vor Haß.»Sie und Ihre ganze Mörderbande!
Einen höheren Preis, als Sie sich vorstellen können!«
Delano fuhr zornig herum. Seine Hände zuckten, als könne er sich nur noch mit letzter Kraft beherrschen, sich nicht auf den alten Mann zu stürzen und ihn zu packen.»Mörder?«fragte er.
«Sie nennen mich einen Mörder, Mr. Ganty? Und was ist mit Ihnen?«
Plötzlich packte er Ganty doch, schüttelte ihn wild und deutete mit der anderen Hand zum Strand.»Das da ist genauso Ihre Schuld wie meine! Sie hätten es verhindern können! Warum sind Sie nicht zu Ihren Freunden gegangen und haben ihnen gesagt, daß wir in Frieden kommen?«
«Mit Maschinengewehren und Kanonen?«
«Wir wären jetzt tot, wenn wir sie nicht hätten«, antwortete Delano. Er ließ Ganty los.
«Das sind Sie sowieso«, sagte Ganty böse.»Sehen Sie zum Wald.«
Delano und Indiana fuhren im selben Moment herum — und schrien gleichzeitig überrascht auf.
Der Dschungel schien lebendig geworden zu sein. Überall raschelte und wogte es, Blätter und Zweige bewegten sich, und etwas Großes, Dunkles begann durch das Unterholz zu bre chen, etwas, das –
«Jones!«brüllte Ganty. »Gehen Sie in Deckung!«
Die ersten Soldaten begannen zu feuern. Gewehr- und MPi-Schüsse schlugen in den Wald, und eine Sekunde später gesellte sich das dumpfe Hämmern eines Maschinengewehrs dazu.
Indiana sah nicht, was weiter geschah, denn Ganty hatte ihn gepackt und zerrte ihn mit solcher Kraft mit sich, daß er alle Mühe hatte, überhaupt auf den Beinen zu bleiben, während Ganty ihn hinter den Brückenaufbau zerrte.
«Nicht hinsehen!« schrie Ganty mit einer Stimme, die in Panik beinahe überschnappte. »Um Gottes willen, sehen Sie nicht hin!«
Natürlich drehte sich Indiana trotzdem herum und blickte über das Deck.
Er bedauerte für den Rest seines Lebens, es getan zu haben.
Die Welt wurde rot.
Ein unerträglich grelles, rotes Lodern tauchte den Strand, die See, den Himmel und das Schiff in gleißendes Licht und löschte alle anderen Farben aus, und gleichzeitig hörte Indiana einen Ton, wie er ihn noch nie zuvor im Leben vernommen hatte, ein helles, an- und abschwellendes Singen und Kreischen wie den Schrei eines zornigen Gottes, so laut und durchdrin gend, daß jeder einzelne Knochen in seinem Leib zu vibrieren begann.
Ganty taumelte weiter zurück, prallte gegen die Reling und zerrte Indiana mit sich. Rückwärts stürzten sie über Bord. Aber was Indiana in der halben Sekunde sah, die der Sturz dauerte, das sollte er nie wieder wirklich vergessen.
Das rote Leuchten wurde immer intensiver, bis es selbst durch die Eisenplatten des Schiffsrumpfes zu dringen schien, als hätte die ganze Welt Feuer gefangen. Indiana sah eine schemenhafte Gestalt über das Deck des Schiffes taumeln, schreiend und verzweifelt auf ihre brennenden Kleider und das hell lodernde Haar einschlagend.
Dann tauchte er in das Wasser ein, und das schreckliche Bild verschwand vor seinen Augen.
Das rote Licht nicht.
Auch das Wasser hatte sich rot gefärbt, und von seiner Ober fläche aus drang gleißendes, unerträglich helles Licht herab.
Und das Wasser war heiß.
Indianas Lungen begannen nach Luft zu schreien. Er versuch te, sich aus Gantys Griff zu lösen, um wieder zur Oberfläche hinaufzuschwimmen, aber Ganty ließ ihn nicht los, sondern zog ihn im Gegenteil immer tiefer und tiefer ins Wasser hinab. Aber das rote Licht folgte ihnen auch dorthin. Selbst hier unten, vier oder fünf Meter unter der Wasseroberfläche, war es plötzlich so heiß, daß Indiana vor Schmerz aufgeschrien hätte, hätte er es gekonnt.
Seine Atemnot wurde allmählich unerträglich. Hitze und Licht erreichten eine Intensität, die Indiana sich vor ein paar Augenblicken nicht einmal hätte vorstellen können, und er wußte, daß er verbrennen würde, wenn er jetzt auftauchte, aber er würde auch hier unten sterben, und der instinktive Wunsch aufzutauchen war einfach größer als seine Vernunft. Mit aller Kraft riß er sich los, paddelte mit verzweifelten Schwimmbe wegungen zur Oberfläche hinauf und sog die Lungen voller Sauerstoff.
Es war, als atmete er Flammen. Die Luft war so heiß, daß er vor Schmerz aufschrie. Von der Wasseroberfläche stieg Dampf auf, und nicht weit neben ihm trieb etwas Riesiges, Brennendes auf den Wellen, aber Hitze und Schmerz trieben ihm die Tränen in die Augen, so daß er nicht genau erkennen konnte, was es war.
Er ahnte die Richtung, in der der Strand lag, mehr, als daß er ihn sah. Mit zusammengebissenen Zähnen schwamm er los, wobei er versuchte, Kopf und Schultern so weit aus dem Wasser zu heben, wie es nur ging. Er würde gekocht werden wie ein Hummer, wenn er nicht schleunigst hier herauskam!
Es war nicht einmal weit zum Strand, vielleicht zwanzig, allerhöchstem dreißig Meter. Trotzdem kostete diese Strecke Indiana jedes bißchen Kraft, das er noch hatte. Zu Tode erschöpft und mehr bewußtlos als bei Sinnen kroch er den Strand hinauf und brach dort zusammen. Minuten vergingen, ehe er auch nur die Kraft fand, den Kopf zu heben und sich umzusehen.
Der Strand bot einen grauenerregenden Anblick. Dutzende von dunklen, verkohlten Körpern bedeckten den Sand. Einige von ihnen brannten, von anderen kräuselte sich schwarzer, fettiger Rauch in die unbewegte Luft. Und auch an Bord der Fregatte regte sich nichts mehr. Das Schiff war gekentert und halb auf die rechte Seite gekippt. Die Panzerplatten waren schwarz und verkohlt, und dicht unterhalb der Brücke glühte das Eisen in einem düsteren, drohenden Rot. Dampf hüllte das Schiff ein wie ein graues Leichentuch.
Indianas Blick glitt wieder den Strand hinauf. Auch die Leichen der Langohren, die Delanos Männer zum Opfer gefallen waren, waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, und hier und da schimmerte der Sand, als wäre er einer unvorstell baren Hitze ausgesetzt gewesen und zu Glas geschmolzen. Der Waldrand selbst war unversehrt. Aber nicht unverändert.
Eine weitere Gruppe Langohren war aus dem Busch getreten, aber sie war es nicht, die Indianas Blick beinahe hypnotisch anzog.
Es war eine fast fünf Meter große Figur aus schwarzem Basalt, die zwischen den Bäumen erschienen war.
Sie stellte einen Menschen dar, aber die Proportionen stimm ten nicht. Der Kopf war gut dreimal so groß wie der Körper, Arme und Beine geradezu lächerlich klein und nur angedeutet.
Die Ohren waren zu lang und verschmolzen mit den Schul tern, und auf dem Kopf trug er einen noch einmal gut andert halb Meter großen Hut aus rotem Tuffstein. Aber das Erschreckendste an der riesigen steinernen Gestalt waren die Augen.
Anders als bei seinen größeren Brüdern von den Osterinseln waren sie nicht nur leere Höhlen. Sie waren rot. Und sie leuchteten.
Und dann, ganz langsam und von einem dumpfen, knirschen den Poltern begleitet, drehte sich der steinerne Gigant herum und starrte Indiana an. Das unheimliche rote Glühen in den Augen nahm zu.