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Nachdem ich mein Anliegen dem mir öffnenden Bedienten mitgeteilt hatte, empfing mich der Bankier selbst. Nach all der jüdischen Ruppigkeit, der ich bisher gewöhnlich begegnet war, wurde sein Betragen zu einer wirklichen Überraschung für mich. Er forderte mich gleich auf, ihn mit seinem griechischen Namen, Aristainos, anzureden, und sagte:

»Ich habe schon von dir gehört. Ein Brief aus Alexandria hat dich mir angekündigt; und als du nicht gleich kamst, fürchtete ich schon, du wärest unterwegs Räubern in die Hände gefallen. Gewöhnlich sprechen ausländische Reisende zuallererst bei mir vor, um ihr Geld einzuwechseln und sich zu erkundigen, wie man es am besten loswerden kann; während des Festes ist nämlich Jerusalem, so trübselig es aussehen mag, eine recht fröhliche und vielseitige Stadt. In der Regel erscheinen dann die Kunden ein zweitesmal bei mir: um sich Geld für die Heimreise auszuborgen. Und bei dieser Gelegenheit verdiene ich, offen gestanden, mehr als bei der Einlösung eines Kreditbriefes. Falls du während deines hiesigen Aufenthaltes in irgendwelche Schwierigkeiten gerätst, so besuche mich ohne Zögern! Mich setzt nichts in Erstaunen, was lebenslustige junge Männer auf Reisen tun. Nach den Festtagen kommt es vor, daß in der Frühe, wenn die Tempelhörner blasen und meine Haustür geöffnet wird, auf der Schwelle einer meiner Kunden liegt, der in der Nacht sogar Mantel und Sandalen durchgebracht und dann zum Schlafen den Kopf auf die nackten Steine gebettet hat.«

Er sprach lässig, wie ein Mann von Welt. Trotz seiner angesehenen Stellung war er nicht viel älter als ich. Der Form halber trug er einen kurzen Bart, und seine Mantelquasten waren so winzig klein, daß man sie fast nicht bemerkte. Sein Haar war auf griechische Art gekräuselt und roch nach kostbaren Ölen. Er war in jeder Beziehung ein stattlicher, ansehnlicher Mann.

Ich erzählte ihm, daß ich in der Burg Antonia als Gast des Statthalters wohnte, weil mir die Römer aus Furcht vor Unruhen abgeraten hatten, während des Passahfestes in der Stadt Quartier zu nehmen. Aristainos breitete bestürzt die Arme aus und rief:

»Das ist eine Verleumdung! Das ist falsches, böswilliges Gerede! Unser Hoher Rat verfügt über eine Polizeitruppe, die durchaus in der Lage ist, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Ich glaube, mit Aufwieglern und Fanatikern werden unsere eigenen Priester sogar besser fertig als die Römer. Natürlich kann die Stadtbevölkerung die syrischen Legionäre nicht leiden; aber der Grund hierfür liegt hauptsächlich in dem herausfordernden Betragen der Soldaten. Ein reisender Ausländer jedoch, der Geld in die Stadt bringt, unsere Bräuche achtet und die Ordnungsvorschriften einhält, kann der besten Aufnahme sicher sein. Man hegt und pflegt ihn; Fremdenführer wetteifern darin, ihm die Sehenswürdigkeiten zu zeigen, während viele Schriftgelehrte bereit sind, ihm unsere Glaubenswahrheiten darzulegen. Er kann sich einen Gasthof in jeder beliebigen Preislage wählen, vom teuersten bis zum bescheidensten; und innerhalb der Mauern gewisser Häuser sind alle erdenklichen Vergnügen ägyptischer, griechischer oder babylonischer Art erlaubt und den Fremden zugänglich. Sogar indische Tanzmädchen findest du hier, wenn du etwas ganz Erlesenes zu sehen wünschst. Aber natürlich tut der Reisende gut daran, in dem neuen Stadtteil beim Forum zu wohnen.«

Ich erklärte, der Ostwind hätte mir lästige Kopfschmerzen bereitet, und es sei recht ungemütlich, in aller Herrgottsfrühe durch ein Erdbeben und das Poltern herabfallender Schilde geweckt zu werden.

Aristainos nahm seine Stadt noch eifriger in Schutz und wandte ein: »Diese beiden kleinen Erdstöße waren doch ganz belanglos; sie haben keinen nennenswerten Schaden angerichtet. Wenn du hier in diesem besseren Stadtteil gewohnt hättest, würdest du, glaube ich, das Beben am Morgen überhaupt kaum bemerkt haben. Ich nahm mir nicht einmal die Mühe, das Bett zu verlassen. In der Antonia-Gegend muß man die Sache allerdings stark gespürt haben, wenn dort sogar die Schilde von den Wänden gefallen sind.«

Nun aber wollte ich, obwohl mir die darin liegende Unhöflichkeit bewußt war, das Gespräch auf Jesus von Nazareth bringen und sagte, wie, um mich über einen weiteren Mißstand zu beklagen: »Und dann seid ihr hingegangen und habt euren König gekreuzigt, gerade, als ich in der Stadt ankam. Das war kein lieblicher Anblick.«

Die Miene des Bankiers verdüsterte sich. Doch er klatschte in die Hände, bestellte Honigwein und Backwerk und erwiderte: »Du bist ein seltsamer Reisender; nur unangenehme Dinge bemerkst du in dieser Stadt, der einzigen wirklich heiligen auf der Welt. Sei so freundlich und setze dich! Nachdem du offenbar von diesen Dingen wie der Blinde von der Farbe redest, möchte ich dir einiges klarmachen. Wir Juden kranken allerdings an unseren heiligen Schriften und Weissagungen; aber das scheint mir keineswegs verwunderlich. Unsere Glaubenslehre ist ja die merkwürdigste auf Erden, und unsere Geschichte ist ganz unerhört. Unter allen Völkern verehren allein wir einen einzigen Gott, der uns keine anderen Götter gestattet; und von allen Ländern ist Israel das einzige mit nur einem Tempel, hier in Jerusalem, wo wir unseren Gott nach Vorschriften anbeten, die er selbst uns durch die großen Führer unseres Volkes geoffenbart hat.«

Lächelnd forderte er mich auf, einen Becher Wein zu nehmen und das Backwerk zu kosten. Doch den Becher kredenzte er mir nicht mit eigener Hand, und ich bemerkte auch, daß meine Kuchen auf einer anderen Schüssel lagen als seine. Er folgte meinem Blick und erklärte mit einem Schmunzeln:

»Du wirst dir denken, daß ich eben ein Jude bin und noch dazu ein in Vorurteilen befangener Jude. Aber wenn ich nicht aus dem gleichen Becher trinke und in die gleiche Schüssel greife wie du, so geschieht es nur der Dienstboten wegen. Glaube nicht, daß ich mich irgendwie besser dünke als du! Ich bin ja ein aufgeklärter Mensch und verletze unsere Glaubensvorschriften vielfach, obwohl ich mich nach außenhin bemühe, sie einzuhalten. Wir haben unsere Pharisäer, die sich und dem ganzen Volk das Leben unerträglich vergällen durch die Forderung, die Überlieferung müsse bis zur letzten Silbe befolgt werden. Das ist der Streitpunkt zwischen ihnen und uns. Im übrigen aber sichert unser Gesetz die Einheit des Volkes. In allen Städten der Welt hält dieses gleiche Gesetz alle Juden zusammen und bewahrt sie davor, sich mit den Fremden zu vermischen und von ihnen aufgesogen zu werden. Sonst hätte unser Volk, das schon in Ägypten und dann in Babylon versklavt war, längst seine Eigenständigkeit verloren. Ich selbst bin ein gebildeter Mann, im Herzen Grieche, und kann einer Bindung des Geistes durch den Buchstaben nicht beipflichten; aber wenn es darauf ankäme, würde ich mich für unseren Gott und den Tempel in Stücke hauen lassen.

Unsere Geschichte zeigt, daß wir Juden das auserwählte Volk Gottes sind. Gewiß muß man als vernünftiger, Mensch zugeben, daß es im Vergleich zu der unfaßbaren Glorie unseres Gottes wenig bedeutet, wie jemand ißt oder trinkt oder seine Hände und sein Geschirr reinigt. Aber diese komplizierten Sitten und Bräuche, die Beschneidung, die Sabbatheiligung und alle anderen Vorschriften, die einem Ausländer darzulegen viel zu umständlich wäre – alle diese Dinge halten unser Volk hier in diesem kleinen Land zwischen Ost und West zusammen, so daß wir nicht in anderen Nationen aufgehen, wenn der Messias auf die Erde kommt und sein Reich gründet.«

Er warf mir einen Seitenblick zu und fügte rasch bei: »So haben unsere Propheten es vorausgesagt. Aber nimm das keineswegs wörtlich oder auch nur als politischen Traum, in dem Sinne, daß eines Tages die Juden unter Führung des Messias die Welt beherrschen sollten. Bloß die einfachen Leute – die Plebejer, wie du als Römer sie nennen würdest – hängen solchen Hirngespinsten nach. Allerdings sind wir Juden alle miteinander Schwärmer; deshalb taucht in unserer Mitte ein Messias nach dem anderen auf und versucht sein Glück. So armselig kann kein Würdenträger sein, daß er nicht, sofern er nur an sich selbst glaubt, etliche simple Menschen um sich schart. Aber wenn und falls der wirkliche Messias kommt, dann werden wir ihn, dessen sei versichert, von den falschen Anwärtern unterscheiden können. Da haben wir einige Erfahrung. Einer unserer Makkabäerkönige ließ dreitausend fanatische Volksbetrüger ans Kreuz schlagen. Wozu kränkst du dich also ausgerechnet über den einen, der jetzt wieder das Volk glauben machen wollte, er sei der König und der Messias?«