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Ängstlich zitternd öffnete Juniper die Tür, an der sie gelehnt hatte, und schlüpfte in den dahinterliegenden Raum, bevor sie die Tür schnell und leise wieder schloss. Sie hielt den Atem an und hörte Skeksyls dumpfe Schritte, das gedämpfte Pochen seines Stocks. Eine ganze Minute verging, in der Skeksyl in der Halle hin und her lief und Juniper bewegungslos hinter der Tür stand.

Und dann hörte sie nichts mehr. Sie atmete aus und drehte sich endlich um, um herauszufinden, wo sie sich befand.

In dem Raum saß ein sehr alter Mann, der an einen Tisch gekettet war. Er trug einen schwarzen Anzug und hatte einen langen grauen Bart, der irgendwo in der Mitte seiner Brust endete. Seine blauen Augen wurden von der seltsamsten Brille eingerahmt, die Juniper je gesehen hatte. Die Linsen bewegten sich wie von allein, doch bei näherer Betrachtung konnte man erkennen, dass sie von mehreren Zahnrädern angetrieben wurden. Die Vorrichtung war aus Messing und sah sehr schwer aus. Sie war mit dicken Lederriemen am Kopf des Mannes befestigt und Juniper hätte sie liebend gerne einmal aufprobiert.

Links von dem alten Mann stand eine kleine Maschine auf dem Tisch, die er gerade ankurbelte. Sie bestand aus verschiedenen Stahl-Spiralen und produzierte wabernden Dampf. Am einen Ende befand sich ein Trichter und am anderen ein langes Tablett, und als sich die Kurbel drehte, begann die ganze Maschine zu beben und zu pfeifen. Der alte Mann hielt einen scharfen Metallstab in der rechten Hand, eine Art silberne Nadel, mit der er in die Spalten der Vorrichtung stieß.

Es sah nach harter Arbeit aus und der Mann hatte seine Jacke ausgezogen und hinter sich über den Stuhl gehängt.

Ein Filzhut lag neben dem Tisch auf dem Boden und schoss alle paar Sekunden in die Höhe, als wäre darunter etwas gefangen.

Zur Rechten des alten Mannes stand ein Baum, der den größten Teil des Raumes einnahm. Er hatte unglaublich lange Äste, die sich von einer Wand zur anderen erstreckten. An diesem Baum wuchsen blaue, rote und weiße Drähte – zumindest sahen sie wie Drähte aus. Die dünnen, schnurartigen Kabel schienen ein Eigenleben zu führen. Sie wickelten sich um die Zweige, krümmten sich in der Luft wie Schlangen und wanden sich hin und her, als würden sie tanzen oder im Wind schwingen. Ab und zu berührten sich die Enden zweier Kabel und entzündeten einen Funken. Der Funke fiel zischend herab und hinterließ ein winziges Loch im Erdboden.

Etwas, das zu klein war, als dass Juniper es hätte erkennen können, kroch heraus, summte und glühte. Es sauste von seinem Loch zum Baum, den Stamm und die Zweige hinauf, bis es die Decke erreicht hatte, in die es ein Loch bohrte, durch das es schließlich irgendwohin verschwand. Es war ein sehr seltsamer Raum.

Doch Juniper nahm all dies nur aus den Augenwinkeln wahr, ihr Hauptinteresse galt dem alten Mann, der sie genauso verblüfft anstarrte wie sie ihn.

»Oje!«, sagte er. »Du solltest nicht hier sein. Du schwebst in großer Gefahr. Er darf dich nicht finden.«

»Wer … wer sind Sie?« Juniper stützte sich an der geschlossenen Tür ab und fragte sich erstaunt, wie es kam, dass ein Mann in so einem Raum lebte.

Der alte Mann unterbrach seine Arbeit und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Mit seinen runzligen Händen nahm er die Brille ab und rieb sich die müden Augen.

»Ich … ich kann mich nicht erinnern«, antwortete er.

»Sie haben Ihren Namen vergessen?«

»Ich brauche ihn nicht mehr.« Er strich sich nachdenklich über den Bart. »Doch du kannst mir einen geben, wenn du willst.«

Sofort blitzte ein Name in ihrem Kopf auf. »Theodor.«

»Theodor also. Mein Name ist Theodor. Und wie heißt du?«

»Juniper. Juniper Berry.«

»Das ist ein schöner Name.«

»Warum sind Sie an diesen Tisch gekettet?« Juniper zeigte auf die schwere Kette, die um seinen linken Knöchel gewickelt und an einem eisernen Ring im Fußboden befestigt war.

»Er hält mich hier fest. Damit ich meine Arbeit mache.«

»Was für eine Arbeit?«

»Ich stelle seine Ballons her.«

»Dafür braucht Skeksyl Sie?«

»Es sind ganz besondere Ballons. Man muss bei der Produktion sehr sorgfältig vorgehen. Es dauert Wochen, einen einzigen Ballon herzustellen. Aber du hast Glück. Gleich ist einer fertig.«

Er setzte die Brille wieder auf und begann von Neuem, an der Kurbel zu drehen. Hin und wieder stocherte er mit der Nadel in der Maschine herum, was jedes Mal einen Funkenflug auslöste. Ein paar Funken blieben in seinem Bart hängen, zischten und qualmten. Juniper machte vorsichtshalber einen Schritt zurück.

Bald erschien ein roter Ballon zwischen den sich drehenden Zahnrädern und landete auf dem Tablett. Theodor griff in die Tasche seines Anzugs, holte ein Paar braune Lederhandschuhe heraus und zog sie an. Dann nahm er den Ballon und untersuchte ihn gründlich, während sich die Linsen seiner Brille scheinbar aufs Geratewohl zusammenzogen.

Schließlich warf er den Ballon auf den Tisch und seufzte. »Er ist fehlerhaft.«

»Fehlerhaft?«

»Ich muss irgendwo im Produktionsprozess einen Fehler gemacht haben. Das kommt vor. Es ist ein sehr komplizierter Prozess.« Er sah traurig aus. »Es ist seine Lieblingsfarbe. Dieser Ballon wäre Teil seiner persönlichen Sammlung geworden. Für einen ganz besonderen Handel. Doch nun ist es leider nur ein ganz normaler Ballon.« Er führte ihn zum Mund, blies hinein und ließ die Luft wieder entweichen. Als er fertig war, reichte er ihn Juniper. »Hier, für dich. Er ist wertlos für ihn, ein gewöhnlicher Luftballon. Doch für dich … vielleicht findest du ja eine Verwendung für ihn.« Er zwinkerte ihr zu. Oder war es nur seine Brille?

Sie dankte ihm mit einem winzigen Lächeln und steckte den roten Ballon in die Tasche. »Was ist ihre Aufgabe?«, fragte sie. »Die Ballons, die nicht fehlerhaft sind, meine ich. Was machen sie eigentlich?«

Theodor lehnte sich zurück und faltete die Hände. »Sag mir, Fräulein Berry, was tust du eigentlich an einem Ort wie diesem?«

»Ich … ich bin meinen Eltern gefolgt.«

»Oh. Es tut mir leid, das zu hören. Haben sie diesen Ort gerade erst entdeckt? Manchmal höre ich Geräusche vor meiner Tür, aber was außerhalb dieses Raumes vor sich geht, bleibt ein Rätsel für mich.«

»Ich glaube, sie kommen schon lange her.«

»Verstehe.« Er beugte sich mit weit geöffneten Augen vor. »Hör mir jetzt genau zu. Du musst sie aufhalten. Sie dürfen nicht mehr herkommen. Nie wieder.«

»Warum? Was passiert sonst?«

»Ich bin sicher, du hast es bereits bemerkt. Sie müssen sich direkt vor deinen Augen verändern, du armes Kind. Sie ähneln nicht mehr den Eltern, an die du dich erinnerst, nicht wahr?«

Traurig schüttelte Juniper den Kopf.

»Und weißt du auch, warum? Weißt du, was deine Eltern bei diesem Handel verlieren?«

»Sie blasen einen Ballon auf.«

»Vergiss nicht, es sind besondere Ballons. Sie funktionieren ganz anders als die gewöhnlichen Ballons, die du kennst. Nein, diese Ballons werden nicht einfach mit Luft aufgeblasen.«

Seine Worte machten Juniper Angst. »Womit dann?«

»Sie nehmen einem die Seele.«

Juniper vergrub das Gesicht in den Händen.

»Tief in dir drin hast du es bereits gewusst, nicht wahr? Du hast die Zeichen gesehen.«

»Ja …«, schluchzte Juniper zwischen ihren Fingern hindurch.

»Juniper, deine Eltern können und dürfen keine weiteren Ballons mehr für ihn aufblasen.«

»Warum? Warum tut er das?«

»Mein liebes Mädchen, diese Ballons sind sein Lebenselixier. Mit viel List und schönen Worten sammelt er so viele er kann und lagert sie, damit sie reifen. Wenn er dann schließlich die Luft aus einem Ballon einatmet, gewinnt er Jahrzehnte neuer Lebenszeit. Er hat Dutzende Ballons gelagert und die Luft von weiteren Dutzenden bereits eingeatmet. Er versucht, ewig zu leben. Mit ihm ist nicht zu spaßen. Er ist älter, als du es dir vorstellen kannst, und er wird länger auf dieser Erde weilen, als es irgendeiner sonst jemals schaffen wird.« Er verstummte und atmete seufzend aus, als wollte er so leer werden wie sein Ballon. »Abgesehen von mir vielleicht. Er zwingt mich, ebenfalls von den Ballons zu trinken.«