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»Und nach der Prügelei ist der Mann weggefahren?«, sagte Erlendur, der unwillkürlich an Níels, den faulen Sack, denken musste.

»Ja.«

»Und eine Radkappe fehlte?«

»Ja. Der Mann ist abgehauen, ohne sich um die Radkappe zu kümmern.«

»Was hast du mit der Radkappe gemacht? Hast du überhaupt jemals erfahren, wo dein Bruder sie versteckt hatte?«

»Ich habe sie vergraben, nachdem ihr angefangen hattet, einen über diesen Kerl auszufragen. Jói hat mir gesagt, wo er sie hingetan hatte, und ich habe hinter dem Haus ein Loch gebuddelt und es wieder zugeschüttet. Da kannst du sie noch finden.«

»In Ordnung«, sagte Erlendur. »Wir werden hinter dem Haus graben und sehen, ob wir sie finden. Ich glaube aber, dass du uns immer noch etwas vorlügst.«

»Macht nichts«, sagte Haraldur. »Meinetwegen könnt ihr glauben, was ihr wollt.«

»Gibt es sonst noch etwas?«, fragte Erlendur.

Haraldur schwieg verbissen. Vielleicht fand er, dass es nun reichte. Sigurður Óli warf Erlendur einen Blick zu. Schweigen herrschte in dem kleinen Zimmer, nur von draußen hörte man Geräusche, aus dem Speisesaal und vom Gang, wo die alten Leute entlangschlurften und auf die nächste Mahlzeit warteten. Erlendur stand auf.

»Vielen Dank«, sagte er. »Das wird uns weiterhelfen. Wir hätten es nur lieber vor rund dreißig Jahren gewusst.«

»Er verlor sein Mäppchen«, sagte Haraldur.

»Sein Mäppchen?«, sagte Erlendur.

»Bei der Prügelei. Dieser Verkäufer, der verlor seine Brieftasche. Wir haben sie erst gefunden, als er schon weg war.

Sie lag da, wo das Auto gestanden hatte. Jói hat sie gefunden und versteckt. So schlau war er dann doch.«

»Er hat seine Brieftasche bei euch verloren?«

»Ja.«

»Und was habt ihr damit gemacht?«, fragte Sigurður Óli.

»Ich habe sie mit der Radkappe vergraben«, sagte Haraldur, und plötzlich spielte ein schwaches Lächeln um seine Lippen. »Die müsstet ihr auch da finden.«

»Bist du nicht auf die Idee gekommen, sie zurückzugeben?«, fragte Erlendur.

»Ich habe es versucht, aber ich habe seinen Namen nicht im Telefonbuch gefunden. Und dann fingt ihr an, nach diesem Mann zu fragen, und da habe ich sie lieber zusammen mit der Radkappe verbuddelt.«

»Mit anderen Worten, dieser Leopold hat nicht im Telefonbuch gestanden?«

»Nein, und auch nicht der andere Name.«

»Der andere Name?«, fragte Sigurður Óli. »Hat er noch einen anderen Namen gehabt?«

»Ich wusste nicht, was das sollte, aber in diesem Mäppchen waren Papiere mit dem Namen, unter dem er sich vorgestellt hatte, Leopold, aber dann waren da auch noch andere mit einem anderen Namen.«

»Was für ein Name?«, fragte Erlendur.

»Jói war manchmal ein Spaßvogel«, sagte Haraldur. »Er ist immer um die Stelle herumgeschlichen, wo ich die Radkappe vergraben hatte. Er setzte oder legte sich manchmal da auf den Boden, wo er wusste, dass das Zeug war. Aber er hat nie gewagt, es auszugraben. Er hat nie gewagt, sie wieder anzurühren. Er wusste, dass er etwas angestellt hatte.

Nach der Prügelei fing er an zu weinen, der Ärmste, und ich nahm ihn in die Arme.«

»Was für ein Name war das?«, fragte Sigurður Óli.

»Das weiß ich nicht mehr«, sagte Haraldur. »Ich hab euch gesagt, was ihr wissen wolltet, und jetzt macht euch vom Acker und lasst mich in Ruhe.«

Erlendur fuhr auf dem verlassenen Hof in Mosfellssveitvor.

Mit den Winden aus dem Norden war es kühler geworden, und der Herbst hielt Einzug. Als er hinter das Haus ging, war ihm so kalt, dass er den Mantel enger um sich zog. Irgendwann einmal war der Garten von einem Lattenzaun eingefasst gewesen, aber die Latten waren schon vor langer Zeit zerbrochen und im hohen Gras verschwunden. Bevor sie Haraldur verließen, hatte er ihnen noch ziemlich genau beschrieben, wo er die Radkappe vergraben hatte.

Erlendur hatte einen Spaten dabei. Er maß mit Schritten die Entfernung zum Haus ab und fing an zu graben. Die Radkappe lag angeblich nicht tief. Beim Graben wurde ihm warm. Er legte eine Pause ein und zündete sich eine Zigarette an. Dann machte er weiter. Als er bereits einen Meter tief gekommen war und noch immer keine Spur von der Radkappe gefunden hatte, fing er an, das Loch zu erweitern. Es war lange her, seit er solcher Art von körperlicher Arbeit nachgegangen war. Er rauchte noch eine Zigarette.

Zehn Minuten später traf sein Spaten auf etwas, und da wusste er, dass die Radkappe des schwarzen Falcon gefunden war.

Vorsichtig grub er weiter, kniete sich schließlich hin und kratzte die restliche Erde mit den Händen ab. Bald kam die Radkappe ganz zum Vorschein, und er hob sie vorsichtig aus dem Loch. Sie war rostig, aber trotzdem war noch deutlich zu erkennen, dass es sich um die Radkappe des Ford Falcon handelte. Erlendur stand auf, und als er sie gegen die Hauswand schlug, um die Erde abzuklopfen, schepperte es.

Erlendur legte sie zur Seite und schaute wieder in das Loch hinunter, das er gegraben hatte. Jetzt galt es, die Brieftasche zu finden, von der Haraldur gesprochen hatte. Da, wo die Radkappe gelegen hatte, war sie nicht, also kniete er sich wieder hin, bückte sich in das Loch hinunter und grub mit den Händen weiter.

Alles, was Haraldur gesagt hatte, bestätigte sich. Erlendur fand die Brieftasche etwas unterhalb der Stelle, wo die Radkappe gelegen hatte. Er nahm sie vorsichtig in die Hand und stand auf. Es war eine ganz normale, schwarze Brieftasche aus Leder. Die Feuchtigkeit des Erdreichs hatte ihr übel mitgespielt, und er musste äußerste Vorsicht walten lassen. Als er sie öffnete, sah er ein Scheckheft, ein paar isländische Banknoten, die schon seit langer Zeit nicht mehr in Umlauf waren, ein paar Zettel und einen Führerschein auf den Namen Leopold. Die Feuchtigkeit hatte das Foto beschädigt. In einem anderen Fach fand er einen anderen Ausweis, den er für einen ausländischen Führerschein hielt, und das Bild war nicht so beschädigt wie das andere. Er starrte darauf, erkannte aber den Mann auf dem Foto nicht.

Es kam ihm so vor, als sei der Führerschein in Deutschland ausgestellt worden, aber er war so lädiert, dass man nur vereinzelte Buchstaben und Wörter erkennen konnte.

Er konnte den Vornamen des Mannes deutlich lesen, aber nicht seinen Nachnamen. Erlendur stand mit der Brieftasche in der Hand auf und schaute hoch.

Er kannte den Namen auf dem Führerschein.

Er kannte den Namen Emíl.

Fünfunddreißig

Lothar Weiser schüttelte ihn und schrie ihn an und versetzte ihm mehrmals mit der flachen Hand leichte Schläge auf die Wangen. Ganz allmählich nur kam er wieder zu sich und sah, dass die Blutlache auf dem dreckigen Steinfußboden noch größer geworden war. Er sah Lothar ins Gesicht.

»Ich habe Emíl umgebracht«, sagte er.

»Was zum Teufel ist passiert?«, fauchte Lothar. »Warum bist du auf ihn losgegangen? Woher hast du von ihm gewusst? Wie hast du ihn hier gefunden? Was machst du eigentlich hier, Tómas?!«

»Ich bin dir nachgegangen«, sagte er. »Ich habe dich gesehen und bin dir gefolgt. Und jetzt habe ich ihn umgebracht. Er hat etwas über Ilona gesagt.«

»Denkst du immer noch an sie? Kannst du das denn nie vergessen?«

Lothar ging zur Tür, schloss sie sorgfältig und blickte sich suchend in dem Schuppen um. Er selber rührte sich nicht vom Fleck und beobachtete Lothar wie hypnotisiert. Seine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, und er konnte das, was in dem Schuppen war, allmählich besser erkennen. Er war voll von altem Plunder, der unordentlich herumlag, Stühle, Gartenwerkzeuge, Möbel und Matratzen.

Um den Arbeitstisch herum bemerkte er verschiedene Geräte und Apparate, von denen er einige nicht einordnen konnte. Da standen Ferngläser sowie größere und kleinere Kameras und ein großes Tonbandgerät herum. Es war mit einem anderen Gerät verbunden, das wie ein Funkgerät aussah. Überall lagen Fotos herum, aber er konnte nicht erkennen, was darauf war. Auf dem Fußboden beim Arbeitstisch stand ein großer, schwarzer Kasten mit diversen Armaturen und Schaltern, von denen er nicht wusste, wozu sie da waren. Daneben befand sich eine große Reisetasche, in die der Apparat mühelos hineingepasst hätte.