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Peters warf einen gehässigen Blick auf Kalle. »Konnte ich mir denken«, sagte er. »Wäre ich nur zwei Minuten zeitiger gekommen, dann wäre er erledigt gewesen! Verdammte Gören!

Sie sind schuld an all meinem Pech. Ich schlage mich lieber mit der ganzen schwedischen Staatspolizei herum als noch einmal mit den dreien.«

Der Kommissar ging zu den drei Weißen Rosen, die auf dem Steg saßen. »Die Polizei kann froh sein, so tadellose Mitarbeiter zu haben«, sagte er.

Die drei schlugen bescheiden die Augen nieder. Und Kalle dachte, daß es ja eigentlich nicht die Polizei war, der sie hatten helfen wollen, sondern, genauer genommen, Rasmus.

Peters drückte den Zigarettenstummel mit dem Absatz aus.

»Worauf warten wir eigentlich noch?« fragte er eisig. »Ich habe hier nichts mehr verloren.«

Eine kleine grüne Insel zwischen vielen anderen in einem blauen Sommermeer. Die Sonne scheint auf die kleinen Häuser, auf die Anlegestelle und auf die Boote, die dort liegen und auf den Wellen schwappen. Hoch über den Tannenspitzen segeln auf weißen Schwingen die Möwen. Ab und zu taucht eine blitzschnell ins Wasser und erscheint wieder mit einem kleinen Ukelei im Schnabel. Die Bachstelze trippelt noch immer geschäftig durch das Heidekraut, und die Ameisen klettern weiterhin über ihren Stein. So wird es heute sein und morgen und alle Tage bis zum letzten Sommertag. Aber niemand wird es beachten, denn niemand wird hier sein. In einigen wenigen Minuten wird diese Insel sich selbst überlassen sein, ihren Blicken entzogen, und sie werden sie nie wiedersehen.

»Jetzt kann ich Eva-Lottes Häuschen nicht mehr sehen«, sagte Kalle.

Sie hockten achtern im Motorboot und sahen zu der Insel zurück, die sie jetzt verließen. Sie dachten zurück und schüttelten sich. Sie waren froh, dieses sonnige grüne Gefängnis endlich hinter sich zu wissen.

Rasmus sah nicht zurück. Er saß auf den Knien seines Vaters und war besorgt, weil sein Vater so viel Bart im Gesicht hatte.

Wenn der nun weiterwuchs und länger und länger wurde und sich dann eines Tages, wenn Vati Motorrad fuhr, im Vorderrad verhedderte? Noch etwas beunruhigte ihn.

»Vati, warum schläft Nicke eigentlich mitten am Tage? Ich will, daß er wach wird und mit mir spricht.«

Der Professor warf einen besorgten Blick zur Bahre, auf welcher der besinnungslose Nicke lag. Würde er jemals Gelegenheit bekommen, diesem Mann dort für das zu danken, was er für seinen Sohn getan hatte? Sicher nicht. Es stand schlecht um Nicke, er hatte wenig Chancen, am Leben zu bleiben. Mindestens zwei Stunden würde es noch dauern, bis er auf dem Ope-rationstisch lag, und dann war es vielleicht zu spät. Es war ein Wettlauf mit dem Tode. Schutzmann Björk tat sicherlich alles, um das Letzte aus den Motoren herauszuholen, aber …

»Jetzt sehe ich die Anlegestelle nicht mehr«, sagte Eva-Lotte.

»Und das ist gut so«, sagte Kalle. »Aber sieh mal, Anders, dort hinten ist unsere Badeklippe.«

»Und unsere Reisighütte«, murmelte Anders.

»In Hütten zu schlafen, macht aber Spaß, Vati, das kannst du glauben«, versicherte Rasmus.

Kalle dachte plötzlich an etwas, worüber er mit dem Professor sprechen mußte. »Ich hoffe, Herr Professor, daß Ihr Motorrad noch da ist, wo wir es versteckt haben. Hoffentlich hat es niemand gestohlen.«

»Wir fahren mal an einem Tag hin und suchen«, sagte der Professor. »Meine Geheimdokumente machen mir mehr Kummer.«

»Pfff!« Kalle winkte ab. »Die habe ich doch an einer ganz sicheren Stelle versteckt.«

»Na, jetzt kannst du uns ja wohl erzählen, wo«, sagte Eva-Lotte neugierig.

Kalle lächelte geheimnisvoll. »Rate mal! Im Kommodenschubfach auf dem Bäckereiboden natürlich!«

Eva-Lotte schrie erschrocken auf. »Bist du wahnsinnig?«

kreischte sie. »Stell dir vor, wenn die Roten sie geklaut haben –was dann?«

Der Gedanke schien Kalle zu beunruhigen. Aber das ging schnell vorbei. »Pfff«, sagte er, »dann klauen wir sie einfach zurück.«

»Ja«, rief Rasmus eifrig. »Wir stoßen Kriegsschreie aus und klauen sie wieder zurück. Ich werde auch eine Weiße Rose, Vati!«

Diese Mitteilung tröstete seinen Vater nur wenig.

»Kalle, du machst mich weißhaarig«, rief der Professor.

»Gewiß, ich stehe zeit meines Lebens in tiefer Dankesschuld bei dir, aber das sage ich dir, wenn die Papiere weg sind …«

Schutzmann Björk unterbrach ihn: »Regen Sie sich nicht auf, Herr Professor! Wenn Kalle Blomquist sagt, daß Sie ihre Papiere wiederbekommen, bekommen Sie sie auch!«

»Nun ist jedenfalls Kalvö ganz und gar verschwunden«, stellte Anders fest und spuckte in das strudelnde Kielwasser.

»Und Nicke, der schläft bloß, schläft und schläft«, brummte Rasmus.

Das alte gute Hauptquartier – niemand hat jemals ein besseres gehabt als die Weiße Rose! Der Bäckereiboden ist groß und geräu-mig, und es gibt dort viele schöne Sachen. Wie die Eichhörnchen das Gute in ihr Nest tragen, so haben die Weißen Rosen im Lauf der Jahre hierher alle ihre Kostbarkeiten eingesammelt. Die Wände sind mit Bogen, Schilden und Schwertern geschmückt. Am Dachbalken hängt ein Trapez. Tischtennisbälle, Boxhandschuhe und alte illustrierte Wochenzeitschriften häufen sich in den Ecken.

Und an einer Wand steht Eva-Lottes zerkratzte Kommode, in der die Weißen Rosen ihren geheimen Reliquienschrein verwahren. In diesem Schrein liegen die Papiere des Professors. Besser gesagt: lagen. Er hat sie zurückbekommen, diese wertvollen Dokumente, die so viel Sorgen und Kummer verursacht haben und nun in Zukunft in einem sicheren Bankfach eingesperrt liegen werden.

Nein, die Roten hatten sie nicht genommen. Eva-Lottes düstere Prophezeiung hatte nicht gestimmt.

»Hätten wir geahnt, daß die Papiere in deiner Kommode liegen, wir hätten sie sicher in unser Hauptquartier gebracht«, sagte Sixtus, als sämtliche Ritter der Weißen und Roten Rose die abenteu-erlichen Erlebnisse besprachen. Sie saßen im Garten des Bäckermeisters, und Anders begleitete seine schauerliche Erzählung mit gewaltigen Gesten.

»Es fing an, als ich auf dem Busch an der Ruinenwand saß. Seitdem hatte man nicht eine ruhige Minute«, versicherte er.

»Ihr habt immer ein Schwein«, sagte Sixtus verbittert. »Warum konnten die Kidnapper nicht einige Minuten früher kommen, als wir an Eklunds Villa vorbeigingen?«

»Du drehst ganz schön auf«, wehrte Eva-Lotte ab. »Armer Peters, wenn er euch auf dem Hals gehabt hätte – lebenslänglich wäre dann zuviel gewesen.«

»Bettelst du um Schläge?« fragte Sixtus.

Das war am ersten Tag nach der Rückkehr gewesen. Seitdem waren einige Tage vergangen. Und jetzt sind die Weißen Rosen in ihrem Hauptquartier auf dem Bäckereiboden versammelt.

Vor ihnen steht ihr Anführer und erhebt seine mächtige Stimme: »Ein edler Mann und tapferer Krieger soll nun zum Ritter der Weißen Rose geschlagen werden. Ein Kämpfer, dessen Name weithin gefürchtet ist: Rasmus Rasmusson – tritt vor!«

Der gefürchtete Kämpfer tritt vor. Sicher ist er klein und nicht besonders erschreckend anzusehen, aber auf seiner Stirn brennt das Feuer der Begeisterung, das einen Ritter der Weißen Rose kennzeichnet. Er erhebt seinen Blick zu dem Anführer. In seinen dunkelblauen Augen ist ein Licht, das deutlich verrät: Jetzt erfüllt sich ein tiefer und inbrünstiger Wunsch. Endlich wird er ein Ritter der Weißen Rose, endlich!

»Rasmus Rasmusson, erhebe deine rechte Hand und schwöre den heiligen Eid. Schwöre, daß du nun und immerdar der Wei-

ßen Rose die Treue hältst, daß du keine Geheimnisse verraten willst und daß du die Roten Rosen bekämpfen willst, wo du nur ihre Nasen siehst.«