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Fragt sich nur, wie lange!, dachte Sydows Frau mit wehmütigem Lächeln, ließ den Hörer auf die Gabel sinken und machte sich auf den Weg in die Küche, um ein Tasse Kaffee zu trinken. Nach Lage der Dinge würde sie sich eine Weile gedulden müssen, da konnte ein wenig Koffein nicht schaden.

Aber nicht einmal das war ihr vergönnt.

»Lea, Lea, komm, mein Kind – das musst du dir anschauen.«

Tante Lu. Die hatte ihr gerade noch gefehlt.

Luise von Zitzewitz, Geborene von Sydow und Toms Tante, war knapp 88, überaus agil und rüstig und so etwas wie die Ersatzmutter ihres Neffen, bei dem sie sich zuweilen ohne Vorwarnung einzuquartieren geruhte. Nicht immer zur Freude von Lea und meist dann, wenn es ihr überhaupt nicht in den Kram passte. Dies alles und der Umstand, dass heute ein besonderer Tag für die Sydows war, schien die resolute Dame aus altmärkischem Adel jedoch nicht im Geringsten zu interessieren.

»Was ist denn, Tante Lu? Ich dachte, du hättest dich längst hingelegt.«

»Um diese Zeit, Lea?«, schnarrte die alte Dame, hakte sich kurzerhand unter und dirigierte Sydows Frau ins Wohnzimmer, von wo aus man einen herrlichen Blick auf den Wannsee genoss. »So müde bin ich nun auch wieder nicht.«

Aber ich!, fuhr es Sydows Frau in einem Anflug von Galgenhumor durch den Sinn, während sie von ihrer auf einen Gehstock gestützten Begleiterin ans Fenster gelotst wurde. »Und was hast du auf dem Herzen, Tante Lu?«

»Da draußen ist ein Mann, mein Kind.«

»Ein Mann, aha.« Luise von Zitzewitz war eine Frau, mit der die Fantasie zuweilen durchzugehen pflegte, wovon sich Lea Sydow jedoch nicht aus der Ruhe bringen ließ. Im Umgang mit Tante Lu brauchte man starke Nerven, sonst stand man auf verlorenem Posten. »Und wo genau, glaubst du, schleicht er …«

»Er schleicht nicht, mein Kind, sondern steht wie ein Ölgötze in der Gegend herum.« Um ihren Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, ließ die Reinkarnation von Adele Sandrock32 den Parkettboden von Sydows guter Stube durch einen Hieb ihres Gehstocks erzittern, ging auf Distanz zu ihrer Gastgeberin und wies mit ausgestreckter Hand auf den See hinaus, in dem sich das wie eine Feuersbrunst auflodernde Abendrot spiegelte. »Genau da!«

»Wo denn?« Aufgrund einer Birke, die ihr die Sicht versperrte, blieb Lea Sydow der Blick auf den vermeintlichen Eindringling zunächst verwehrt, und so ging sie hinaus auf die Terrasse, trat auf ihre Schmalseite und folgte der Richtung, in die Tante Lus Hand zeigte.

Und wurde fündig.

Am Ende des Bootsstegs, mit dem Rücken zum Haus, stand tatsächlich ein Mann. Lea Sydow blieb wie angewurzelt stehen. Da war etwas an ihm, das ihr bekannt vorkam. Etwas, das an ihr Erinnerungsvermögen appellierte, das sie bewog, die aufkeimende Verärgerung in ihr zu unterdrücken.

Sekunden später, ohne groß darüber nachzudenken, befand sich Sydows Frau auf dem Weg zur Anlegestelle. Der Kies knirschte unter ihren Füßen, doch der Fremde, auf den sie zusteuerte, rührte sich nicht vom Fleck. Aus dem Ufergestrüpp, an dem der hufeisenförmige Weg vorbeiführte, krochen die ersten Dunstschwaden empor, und eine merkwürdige, sämtliche Geräusche erstickende Stille senkte sich über den weitläufigen und von einem Birkenwäldchen begrenzten Garten herab. Alles, aber auch rein alles kam Lea in diesem Moment so unwirklich vor, dass ihr der Gedanke kam, sie befinde sich in einem Traum.

Nur noch knapp zehn Meter von ihrem Ziel entfernt, blieb Sydows Frau stehen. Nicht etwa, weil sie Angst hatte. Die hatte sie in den seltensten Fällen. Sondern weil sie immer noch herumrätselte, wo sie die hoch aufragende, schwarz gekleidete und mysteriös anmutende Gestalt schon einmal gesehen hatte. Auf alles gefasst, setzte sich Lea Sydow wieder in Bewegung, um die Distanz, die sie von dem Mann trennte, so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Unmut stieg in ihr auf. Unmut über die Tatsache, dass er sich auf ihrem Grundstück herumtrieb, und über die Art und Weise, wie er hier sein Spiel mit ihr trieb. Was der Fremde damit bezweckte, wusste sie zwar nicht, doch darauf kam es im Moment nicht an. Sie konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn sie zum Narren gehalten wurde, das würde sie diesem Burschen jetzt ins Gesicht sagen. »Können Sie mir verraten, was Sie hier zu suchen haben? Antworten Sie – oder sind Sie taub?«

»Das ganz gewiss nicht«, antwortete der Fremde und knöpfte sein Jackett zu, gerade so, als stünde er vor einem Spiegel. »Ich bin auf der Suche nach jemandem, weiter nichts.«

»Und nach wem, wenn man fragen darf?«

»Nach einem Freund«, antwortete Kuragin, vollzog eine Drehung um 180 Grad und nickte Lea Sydow, deren Mienenspiel zwischen Verblüffung und Ärger schwankte, freundlich lächelnd zu. »Ein Freund, den ich seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen habe. Oder ist Tom etwa nicht hier?«

»Und selbst wenn – finden Sie nicht, Sie sollten sich erst einmal vorstellen?«

Kuragin tat, wie ihm geheißen, deutete ein Kopfnicken an und fragte mit samtweicher Stimme: »Frau von Sydow, nehme ich an?«

»Sydow, ganz einfach Sydow. Was kann ich für Sie tun?«

»Der gute alte Tom – hat es ihn also doch noch erwischt.« Nachdenklich geworden, atmete Kuragin tief durch und ließ den Blick über die mit roten Geranien bepflanzten Schmuckbeete am Rand der ausladenden Terrasse schweifen. »Schön haben Sie’s hier, wirklich schön.« Als habe er eine alte Bekannte vor sich, zündete er sich einen Zigarillo an und ging über die Frage der Hausherrin einfach hinweg. »Hat er denn nie von mir erzählt?«

»Falls es sich bei Ihnen um den Mann handelt, mit dem er sich vor acht Jahren angefreundet hat und von dem nur ein einziges Erinnerungsfoto existiert – ja.«

Kuragin schlug die Augen nieder und gab ein verlegenes Räuspern von sich. »Freut mich jedenfalls, Sie kennenzulernen, gnädige Frau«, flüsterte er, offenbar unschlüssig, was er als Nächstes sagen sollte. »Ich muss schon sagen, mein Freund Tom ist wirklich zu beneiden.«

»Wenn Sie tatsächlich sein Freund sind – weshalb haben Sie dann nichts mehr von sich hören lassen?«

»Nehmen Sie es mir nicht übel, gnädige Frau – aber darüber möchte ich lieber mit Ihrem Gatten sprechen.«

Versöhnlicher gestimmt, milderte Lea Sydow ihren Ton und sah den Mann, über den sie bereits so viele Geschichten gehört hatte, mit in die Höhe gezogenen Brauen an. »Tom ist nicht da, Herr Kuragin. Kann ich ihm etwas ausrichten?«

»Schade.« Kuragin nahm sein Zigarillo aus dem Mund und warf es achtlos in den See. »Darf ich Sie trotzdem um einen Gefallen bitten?«

»Wenn Sie sich anschließend nicht wieder in Luft auflösen – gern.«

Kuragin lachte aus vollem Hals und strich über seinen gepflegten Oberlippenbart. »Genau das ist der Punkt«, fuhr er fort, schnippte eine Staubfaser von seinem Jackett und entnahm ihm einen braunen DIN-A4-Umschlag, den er seiner verdutzten Gesprächspartnerin in die Hand drückte. »Sei’s drum – wenn Sie erlauben, möchte ich Sie – beziehungsweise Tom – um einen Gefallen bitten. Wenn es ihm nichts ausmacht, soll er bitte so gut sein und das für mich ausbewahren.«

»Für wie lange?«

»So lange, bis ich mich wieder melde«, entgegnete Kuragin, sprang in das Boot, das neben ihm vertäut war, und ließ den 150-PS-Motor an. »Falls dies überhaupt der Fall sein wird.« Bevor er aufs Gas drückte, hob der ehemalige CIA-Agent die Hand zum Gruß. »Bitte entschuldigen Sie die Störung, gnädige Frau. Und grüßen Sie mir Tom!«

17

Berlin-Schöneberg, Dienstgebäude der Kripo in der Gothaer Straße | 19.45 h

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Fräulein, ich rufe bestimmt nicht zum Privatvergnügen an. Das können Sie mir getrost glauben. Mein Name, Gnädigste? Sydow. Siegfried – Ypsilon – Dora – Otto – Wilhelm. Kriminalhauptkommissar. Hätten Sie gern, dass ich Ihnen meinen Dienstgrad buchsta… Nicht nötig? Na, wenigstens etwas. So, und jetzt wäre ich Ihnen wirklich verbunden, wenn Sie mir endlich Auskunft geben würden.« Es fehlte nicht viel und Sydow wäre vollends aus den Latschen gekippt. Zickiger, hochnäsiger und lahmarschiger ging es nicht, auch wenn man wie die Dame in der Verwaltung des Notaufnahmelagers Marienfelde offenbar alle Hände voll zu tun hatte. Schließlich ging es hier um Mord. Um einen Fall, der ihm mehr Rätsel aufgab, als ihm lieb sein konnte. »Ernst Blaschkowitz – genau.« Sydow schüttelte entnervt den Kopf. Dass ausgerechnet er immer das Glück hatte, solche Leute an der Strippe zu haben. Kaum zum Aushalten. »Jahrgang 1909, könnte hinkommen.« Stille, und das mehrere Sekunden lang. Naujocks, der die Szene beobachtete, amüsierte sich königlich. »Vor drei Jahren, genau. Aus Frankfurt an der Oder, aha.« Sydow nahm einen Stenoblock zur Hand und machte sich Notizen. »Wann? Am 28. Mai 1958? Nur zwei Wochen, aha. Und dann? Arbeit gefunden, wie schön. Als was denn? Buchhalter, auch das noch. Klingt verdammt aufregend, wenn Sie mich … Ob ich etwas gegen Verwaltungsfachkräfte habe? Wo denken Sie hin, gnädige Frau. Ganz bestimmt nicht. Soll ich Ihnen was sagen? Dank Ihres unermüdlichen Einsatzes sind wir einen Riesenschritt weiter gekommen! Ironisch – ich? Keine Ahnung, was das überhaupt ist. Schönen Tag noch – auf Wiederhören!«