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An diese und andere Drohungen längst gewöhnt, ließ sich Kulikowski jedoch nicht beirren. »Das eigentlich Erstaunliche an der Sache ist nämlich, dass unsere Experten nicht die geringste Spur menschlicher Überreste entdeckt haben.«

»Wie auch, bei einer derartigen Explosion.«

»Damit wir uns richtig verstehen, Genosse: keinerlei Spuren. Keine Leichenteile, Kleidungsstücke – nichts.« Um seine Pointe richtig zu platzieren, schwieg sich Konews Adjutant geraume Zeit aus. »Und auch keine Uniformen. Meiner Ansicht nach ein Indiz dafür, dass sich die Besatzung zum Zeitpunkt der Explosion nicht mehr an Bord befunden hat.«

»Aber wieso … ich meine, weshalb … Moment mal, Sie wollen doch nicht etwa damit sagen, dass …«

Zum ersten Mal seit seinem Eintreten huschte ein Lächeln über Kulikowskis wettergegerbtes, von dunklen Bartstoppeln besprenkeltes Gesicht. »Dass die Amerikaner irgendeine Teufelei ausgeheckt haben, in der Tat! Fragt sich nur, welche.«

FÜNF

›Auch der westdeutsche Nachrichtendienst BND schnappte dies und jenes auf. (…) Tatsächlich hatte Chruschtschow Ulbrichts Plan einige Tage zuvor schließlich sein Plazet erteilt.‹

(Aus: Frederick Taylor: Die Mauer, 13. August 1961 bis 9. November 1989. München 2009, S. 195)

URANUS

Rangsdorf / Berlin

(13.08.1961)

19

Sowjetische Raketenbatterie nördlich von Rangsdorf, knapp zehn Kilometer vom amerikanischen Sektor entfernt | 20.05 h

Auf seine Beförderung zum Feldwebel und seine nagelneue olivfarbene Uniform war Alexei Komarowski, Kosename Aljoscha, immer noch stolz. Fast so stolz wie auf den Auftrag, mit dem er von seinem Kommandeur, einem bärbeißigen Weisrussen, betraut worden war. Der Herr Oberstleutnant hatte ihm nämlich das Kommando über eine Raketenbatterie übertragen, ihm, der er gerade einmal 20 war. Das musste man sich mal vorstellen. Natürlich war er geschmeichelt, wer an seiner Stelle wäre das nicht gewesen. Und natürlich hatte er sofort Ja gesagt.

Dass er damit sein eigenes Todesurteil unterschreiben würde, hatte er freilich nicht ahnen können.

Alexei Komarowski, wohnhaft in Swerdlowsk, war groß, kräftig, hellhäutig und ausgesprochen gern Soldat. Aus eben jenem Grund hatte er die ihm anvertraute Batterie stets auf ihre Gefechtstauglichkeit überprüft. Nichts, aber auch rein gar nichts hatte der Sibirier mit dem Chorknabengesicht dem Zufall überlassen. So ein Mehrfachraketenwerfer vom Typ BM-21 war schließlich ein hochsensibles Gerät, da durfte einem kein Schnitzer unterlaufen. Eine Geheimwaffe sozusagen, frisch aus der Fabrik. In ein, voraussichtlich aber erst zwei Jahren würde die neue Wunderwaffe in Serie gehen. Bis dahin würde er, Aljoscha Komarowski, zu den wenigen Auserwählten gehören, denen es gestattet war, einen Blick auf sie zu werfen und, falls nötig, Gebrauch von ihr zu machen. Dass der Tod bereits auf der Lauer lag und in Kürze die Hand nach ihm ausstrecken würde, wäre ihm nicht im Traum eingefallen.

Um dies vorauszuahnen, hätte Alexei Komarowski freilich Hellseher sein müssen. Deutete doch jetzt, genau sieben Minuten nach acht, nicht das Geringste auf die sich anbahnende Katastrophe hin. Aljoscha war bester Stimmung, in seinem Eifer kaum zu bremsen. Wenn die zu Hause mich jetzt sehen könnten!, schwelgte er. Mich und diesen nagelneuen Raketenwerfer. Das Beste vom Besten. In drei Minuten einsatzbereit, 40 Werferrohre. Macht zusammen 40 Raketen in sage und schreibe 20 Sekunden. Kampfbereit in sechs Minuten, Reichweite gut und gerne 20 Kilometer. Idiotensichere Bedienungskonsole, hohe Treffergenauigkeit. Dazu fünf weitere Mehrfachraketenwerfer. Beziehungsweise 200 Raketen. Da konnten die Amis nicht mithalten. Im Leben nicht.

Noch Fragen, Mister Kennedy?

Blieb die Überprüfung der Zieldaten. Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte Aljoscha diese Prozedur zwar bereits hinter sich gebracht. Zufrieden war er jedoch noch lange nicht. Ohne sich groß um seine Kameraden zu kümmern, die irgendwo in der Gegend herumlungerten, trat er deshalb an die Bedienungskonsole und checkte alles ein weiteres Mal durch. Wie immer, wenn er dies tat, hatte er weder Augen noch Ohren für seine Umgebung, voll und ganz auf seine Aufgabe konzentriert. Für den Fall, dass es zum Krieg kommen würde, bestand diese darin, die Zufahrtswege nach Berlin unter Beschuss zu nehmen und die alliierte Garnison in Berlin vom Nachschub aus dem Westen abzuschneiden. Eine Aufgabe so recht nach Aljoschas Geschmack, weshalb er sichergehen wollte, dass nichts dem Zufall überlassen blieb. Eine Gewohnheit, die ihm jetzt, um 20.12 Uhr Berliner Zeit, zum Verhängnis werden würde.

Der Tod kam lautlos, in Gestalt eines CIA-Agenten im Tarnanzug und mit rußgeschwärztem Gesicht. Und er kam schnell. Überaus schnell. So rasant, dass Alexei Komarowski, beheimatet in der Oktiabria-Straße in Swerdlowsk, davon kaum etwas bemerkte. Der Dolch, den ihm der wie aus dem Nichts aufgetauchte Angreifer von hinten zwischen die Rippen rammte, war spitz, der Sicherheit halber mit Nervengift überzogen worden und so scharf, dass er seine Herzkammer in null Komma nichts durchbohrte. Aljoscha hatte nicht einmal mehr Zeit zum Nachdenken, genauso wenig wie seine Kameraden, die von den insgesamt acht Angehörigen der CIA-Sondereinheit in Sekundenschnelle liquidiert wurden.

So lautlos, dass es schien, als sei alles nur ein Spuk gewesen.

Doch dem war nicht so. Kaum hatten Aljoscha und die Kameraden aus seiner Batterie ihr Leben ausgehaucht, versammelten sich die acht Angreifer um den Lkw vom Typ Ural 375B, auf den einer der Raketenwerfer montiert worden war. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Das war auch nicht nötig. Jeder Schritt, jedes Detail, jeder noch so unbedeutende Handgriff des riskanten Kommandounternehmens war zuvor immer wieder besprochen, geübt und bis zum Überdruss durchgeprobt worden. Jeder einzelne der acht Spezialagenten, von denen keiner den Namen seiner Gefährten kannte, war ein Experte auf seinem Gebiet, die einen im Töten, die anderen im Bedienen russischer Raketenwerfer. Ihre Ausbilder daheim in Langley hatten an alles gedacht, sogar daran, dass es von Vorteil war, wenn einer von ihnen Russisch sprach.

Dass es sich bei der Operation mit dem Codenamen Uranus um ein Himmelfahrtskommando handelte, war ihnen dennoch bewusst. Bis zum Point Zero, dem Zeitpunkt, an dem die Raketen auf die jeweiligen Ziele in den westlichen Sektoren abgefeuert werden sollten, konnte noch eine Menge passieren. Wäre es nach ihrem Anführer gegangen, hätte er die Raketen startklar gemacht, aus allen Rohren gefeuert und anschließend die gesamte Werferbatterie in die Luft gejagt. Lieutenant Major Skip McClellan, ein drahtiger, robuster und überaus zäher Veteran aus dem Koreakrieg, hatte jedoch den Kürzeren gezogen. Aus Gründen, die ihm selbst zwar nicht ganz klar waren, nach denen er aber dennoch nicht zu fragen gewagt hatte. Raketenabschuss um 3.45 Uhr Berliner Zeit, eine Viertelstunde vor dem nächsten Wachwechsel. Und keine Sekunde früher. Daran musste er sich halten, ob aus Überzeugung oder nicht. Befehl war nun einmal Befehl.

Und Calabrese der Boss.

Zu tun gab es mehr als genug, sowohl für McClellan wie auch die übrigen Angehörigen des Trupps. »Zielkoordinaten ändern!«, wies er den ebenfalls maskierten, jedoch bei Weitem nicht so durchtrainierten und mindestens einen Kopf kleineren Agenten neben ihm an. Der wiederum gehorchte prompt, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, entschlüsselte den Zugangscode, als sei dies alles nur ein Kinderspiel, und klapperte mit den spindeldürren Fingern auf den mit kyrillischen Buchstaben versehenen Tasten herum. Purgatschow, so sein richtiger Name, kannte sich bestens aus, nicht nur, weil er das Kind russischer Emigranten, sondern auch ein ausgewiesener Dechiffrierexperte war.