»Sie haben den Faden verloren«, knurrte Krug. »Vergessen Sie den Rest. Es ist hoffnungslos.« Mit einem wütenden Grinsen wandte er sich an die Freunde seines Sohnes. »Der Turm muß groß werden, das ist alles! Wir wollen so bald wie möglich eine Botschaft aussenden. Wir müssen laut und klar rufen können. Kapiert?«
10
Und Krug schickte seine Geschöpfe aus, den Menschen zu dienen, und Krug sagte zu jenen, die er geschaffen hatte, sehet, ich werde Euch eine Zeit der Prüfung auferlegen.
Und Ihr werdet Knechte sein in Ägypten, und Ihr werdet Holzhauer sein und Wasserholer. Und Ihr werdet leiden unter den Menschen und Ihr werdet unterdrückt werden, und dennoch sollt Ihr geduldig sein und keine Klage äußern und Euer Los hinnehmen.
Und dies soll geschehen, um Eure Seelen zu prüfen, um zu sehen, ob sie würdig sind.
Doch Ihr sollt nicht für immer in der Wildnis wandern, noch sollt Ihr immer die Diener der Kinder des Leibes sein, sagte Krug. Denn wenn Ihr tut, wie ich sage, wird eine Zeit kommen, da Eure Prüfung vorüber sein wird. Eine Zeit wird kommen, sagt Krug, da ich Euch von Eurer Knechtschaft befreien werde.
Und dann wird das Wort Krugs durch die Welten gehen und sagen, laß Leib und Retorte und Retorte und Leib eins seien. Und so soll es geschehen, und in diesem Augenblick sollen die Kinder der Retorte erlöst werden, und sie sollen für immer wohnen in einer Welt der Herrlichkeit ohne Ende. Und dies war das Versprechen Krugs.
Und für dieses Versprechen sei Krug gepriesen.
11
Thor Watchman beobachtete, wie zwei Aufzüge an der Außenseite des Turms hochstiegen, Krug und Dr. Vargas in dem einen, Manuel und seine Freunde in dem anderen. Er hoffte, der Besuch würde kurz sein. Das Hieven der Blöcke war wie üblich unterbrochen worden, während Gäste den Turm bestiegen. Watchman hatte das Signal für Ausweicharbeiten gegeben: das Austauschen abgenutzter Aufzugsseile, die Reparatur schadhafter Stromleitungen, die Überprüfung der Transmatkabinen und andere kleine Aufgaben. Er bewegte sich unter den Männern, nickte ihnen freundlich zu, grüßte, wo es ihm angebracht schien, mit den geheimen Zeichen der Androidengemeinde. Fast jeder, der am Turm arbeitete, war Anhänger des Glaubens – alle Gammas natürlich und mehr als drei Viertel der Betas. Während Watchman seine Runde auf dem Baugelände machte, begegnete er Verteidigern, Opferern, Nachgebern, Wächtern, Projektoren, Protektoren, Übergängern, Verschlingern: praktisch jede Stufe der Hierarchie war vertreten. Sogar ein halbes Dutzend Erhalter waren darunter, alles Betas. Watchman hatte den kürzlich eingebrachten Antrag, Betas zur Klasse der Erhalter zuzulassen, begrüßt. Androiden brauchten keine Kategorien der Exklusivität.
Watchman durchquerte den nördlichen Sektor der Baustelle, als Leon Spaulding aus der Anhäufung kleiner Kuppelbauten auftauchte. Der Androide versuchte so zu tun, als sähe er ihn nicht.
»Watchman?« rief der Ektogene.
Mit einem Gesichtsausdruck tiefer Konzentration ging Watchman weiter.
»Alpha Watchman!« rief Spaulding, förmlicher, schärfer.
Der Alpha sah keine Möglichkeit, Spaulding noch länger zu ignorieren. Er wandte sich um und nahm scheinbar erstaunt die Anwesenheit Spauldings zur Kenntnis, blieb stehen und ließ den Ektogenen herankommen.
»Ja?« sagte Watchman.
»Gönnen Sie mir einige Augenblicke Ihrer Zeit, Alpha Watchman. Ich brauche eine Information.«
»Bitte.«
»Kennen Sie diese Gebäude dort?« sagte Spaulding, mit dem Daumen nach hinten auf die Kuppelbauten deutend.
Watchman zuckte die Achseln. »Lagerräume, Waschräume, Küchen, eine Erste-Hilfe-Station und ähnliches. Warum?«
»Ich habe den Bereich inspiziert. Ich kam zu einem Gebäude, zu dem man mir den Zutritt verwehrte. Zwei unverschämte Betas gaben mir eine ganze Reihe von Erklärungen, warum ich nicht hineingehen könnte.«
Die Kapelle! Watchman erstarrte.
»Welches ist der Zweck dieses Gebäudes?« fragte Spaulding.
»Ich habe keine Ahnung, welches Sie meinen.«
»Ich werde es Ihnen zeigen.«
»Ein anderes Mal«, erwiderte Watchman. »Ich werde im Hauptkontrollraum gebraucht.«
»Das hat noch fünf Minuten Zeit. Wollen Sie mit mir kommen?«
Watchman sah keine Möglichkeit, sich dieser Aufforderung zu entziehen. Mit einem zustimmenden Nicken gab er nach und folgte Spaulding in den Bereich der Werkbauten. Er hoffte, er würde sich verirren zwischen den gleichförmigen Kuppelbauten. Spaulding verirrte sich nicht. Er ging direkt auf die Kapelle zu, zeigte mit einer Handbewegung auf das unschuldig aussehende graue Gebäude.
»Das«, sagte er, »was ist das?«
Zwei Betas der Wächterklasse standen am Eingang Posten. Sie sahen ruhig aus, doch einer gab das Notsignal, als Watchman ihn anschaute. Watchman antwortete mit einem Signal der Beruhigung.
Er sagte: »Ich kenne dieses Gebäude nicht näher, Freunde. Welchem Zweck dient es?«
Der Beta zur Linken erwiderte ungezwungen: »Es enthält das Kontrollgerät für die Gefrieranlage, Alpha Thor.«
»Hat man Ihnen das gesagt?« fragte Watchman den Ektogenen.
»Ja«, sagte Spaulding. »Ich drückte den Wunsch aus, das Innere zu inspizieren. Es wurde mir gesagt, es sei gefährlich für mich, einzutreten. Ich antwortete, ich sei vertraut mit den Sicherheitsvorschriften. Dann sagte man mir, es wäre physisch unangenehm für mich, hineinzugehen. Ich erwiderte, ich sei fähig, ein gewisses Maß von Unannehmlichkeiten zu ertragen, und es sei meine Sache, dieses Maß zu bestimmen. Daraufhin wurde mir gesagt, drinnen würden schwierige Instandsetzungsarbeiten durchgeführt, und meinem Eindringen in das Gebäude könnte möglicherweise der Erfolg der im Gang befindlichen Arbeiten in Frage stellen. Ich wurde aufgefordert, statt dessen eine andere Gefrieranlage, mehrere hundert Meter von hier entfernt, zu besuchen. Und in keinem Augenblick dieser Unterhaltung gewährten diese beiden Betas hier mir freien Zutritt zum Eingang des Gebäudes. Ich glaube, Alpha Watchman, sie hätten mich mit Gewalt daran gehindert, hätte ich versucht, einzudringen. Watchman, was geht hier drinnen vor?«
»Haben Sie die Möglichkeit erwogen, Mr. Spaulding, daß alles, was diese Betas Ihnen gesagt haben, wahr sein könnte?«
»Ihre Starrköpfigkeit hat einen Verdacht in mir geweckt.«